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Materialdienst 9/2006
Michael Utsch

Zur Deutungsvielfalt des Enneagramms

Passt jede Methode in jedes weltanschauliche System?

„Was ist dran am Enneagramm?“ fragte eine Materialdienst-Autorin vor fast zehn Jahren und kam zu einer verhalten-positiven Einschätzung.1 Ein verantwortungsvoller Umgang mit dieser Methode könne auch im christlichen Kontext gewinnbringend eingesetzt werden. Das gemeinsam von dem Franziskanerpater Richard Rohr und dem lutherischen Pfarrer Andreas Ebert verfasste Einführungswerk zu dieser Typenlehre erwies sich als ein unglaublicher Bestseller und hat bis heute 25 Auflagen mit astronomisch hohen Verkaufszahlen erreicht. Nach der Überzeugung dieser Autoren kann das Enneagramm zu einer tieferen und echteren Gottesbeziehung beitragen, obwohl es nicht von Christen erfunden wurde.
 
Es ist erstaunlich, in welcher Breite eine ursprünglich symbolisch-esoterische Typenlehre heute in sehr unterschiedlichen weltanschaulichen Milieus anzutreffen ist und dort vielfältig eingesetzt wird:
 
•Im Bereich fragwürdiger weltanschaulicher Lebenshilfe wird die Typenlehre des Enneagramms2 seit vielen Jahren eingesetzt. In der „Osho-Times“ erschien im Jahr 2004 eine dreiteilige Serie über die „Reise zur Essenz“ mit Hilfe des Enneagramms. Der Hamburger Satsang-Lehrer Om C. Parkin hat einen eigenen Ausbildungszweig dazu eingerichtet, weil er dieses Instrument als ein wirkungsvolles Hilfsmittel für den inneren Reifungsprozess ansieht3.

•Der Lebenshilfe-Bestseller „Simplify your life“ basiert auf dem Grundgedanken, die Komplexität des Lebens in allen Bereichen auf das Wesentliche zu reduzieren. Dazu werden sieben Lebensbereiche unterschieden, die methodisch strukturiert auf ihren einfachen Kern gebracht werden sollen. In Form einer siebenstufigen „Lebenspyramide“ geht der Weg von außen nach innen: Vereinfachung der Sachen (Schreibtisch etc.), Finanzen, Zeit, Gesundheit, Beziehungen, Partnerschaft und schließlich: „Vereinfachen Sie sich selbst“. Hier soll man sein Lebensziel entdecken, Stärken und Schwächen kennenlernen und seinem eigenen Lebenstraum auf die Spur kommen: „Sie werden ein glückliches und erfülltes Leben führen, wenn Sie die Stärken Ihres Musters entwickeln – und nicht, indem Sie ein anderer Typ sein möchten als der, der Sie eigentlich sind.“ Bestandteil des Simplify-Ratgebers ist ein Enneagramm-Test, der nach der Beantwortung 90 Fragen („trifft halbwegs / nicht / total zu“) in Aussicht stellt, das eigene Persönlichkeitsprofil („ich gehöre zum Typ 4“) herauszufinden.

•Besonders in der katholischen, aber auch in der evangelischen Bildungsarbeit wird das Enneagramm seit Jahrzehnten eingesetzt. In dem von Andreas Ebert herausgegebenen Sammelband „Erfahrungen mit dem Enneagramm“ (München 1991) gibt es immerhin fünf Berichte von katholischen Ordensleuten. Seit 1989 existiert ein „Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm“, der das Ziel verfolgt, seelsorgerliche, bildende und erfahrungsbezogene Arbeit mit dem Enneagramm auf christlicher Grundlage zu fördern4. Die mittlerweile hochbetagte amerikanische Benediktinerin Suzanne Zuercher hat das Enneagramm mit der bewährten christlichen Tradition der geistlichen Begleitung verbunden und auf dieser Grundlage einen Beratungsführer mit vielen anschaulichen Fallbeispielen verfasst.5

•In letzter Zeit werden vermehrt Verbindungen zwischen dem Enneagramm und anderen Lebenshilfe- und Beratungsansätzen wie etwa dem Bibliodrama oder der Logotherapie hergestellt (vgl. etwa www.boeschemeyer.de).

•Die Enneagramm-Szene ist in sich vielgestaltig: neben dem o.g. „Ökumenischen Arbeitskreis” gibt es Enneagramm-Lehrer „in mündlicher Tradition”, die auf eine individuelle Lernerfahrung Wert legen und durch Helen Palmer ausgebildet und autorisiert wurden6, psychologisch-wissenschaftlich ausgerichtete Kreise, die den Persönlichkeitstest weiterentwickeln7 u.a.m.

•Neben aller positiver Wertschätzung gibt es vereinzelt auch anders lautende Stimmen: Kürzlich hat sich eine Journalistin im Selbstversuch von mehreren Karrierecoachs beraten lassen und sich dabei auch zwei Persönlichkeitstests, dem Myers-Briggs- und dem Enneagramm-Test, unterzogen. Ihre Erfahrungen fasst die Überschrift des Zeitungsartikels prägnant zusammen: „Warum Psychotests so sinnlos sind“.8

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Anmerkungen

1 Elisabeth Schneider-Böklen, Was ist dran am Enneagramm?, Materialdienst der EZW 1/1997, 17ff.
2 Das Enneagramm unterscheidet drei aktive „Intelligenzzentren“: Kopf/Ratio – Herz/Emotionen – Bauch/Instinkt, die neun Charaktertypen mit jeweils unterschiedlicher Weltwahrnehmung formen: Typ Eins: der Perfektionist/Reformer (Bauch, Instinkt); Typ Zwei: der Helfer/Geber (Herz, Emotionen); Typ Drei: der Macher/Erfolgsorientierte (Herz, Emotionen); Typ Vier: der Individualist/Romantiker/Künstler (Herz, Emotionen); Typ Fünf: der Beobachter (Kopf, Ratio), Typ Sechs: der Ängstliche/Skeptische/Loyale (Kopf, Ratio); Typ Sieben: der Idealist/Optimist/Lustige (Kopf, Ratio); Typ Acht: der Boss/Herausforderer (Bauch, Instinkt); Typ Neun: der Vermittler/Friedensstifter (Bauch, Instinkt) – vgl. auch http://de.wikipedia.org/wiki/Enneagramm.
3 Siehe www.enneallionce.de.
4 Vgl. www.enneagramm-deutschland.de.
5 Suzanne Zuercher, Spirituelle Begleitung. Das Enneagramm in Seelsorge, Beratung und Therapie, München 1999.
6 Vgl. www.enneagrammlehrer.de.
7 Vgl. www.enneagrammtest.de.
8 Süddeutsche Zeitung vom 20.5.2006, abzurufen unter www.sueddeutsche.de/wirtschaft/artikel/283/76207/article.html.

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