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Materialdienst 10/2006
Andreas Fincke

Die "Szene" der säkularen Verbände und Organisationen

Unter dem Titel „Umworbene ‚dritte Konfession‘. Befunde über die Konfessionsfreien in Deutschland“ fand im November 2005 in Berlin eine Tagung statt. Eingeladen hatten die Politische Akademie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die Humanistische Akademie und die Giordano Bruno Stiftung Mastershausen. Die Teilnehmer waren überwiegend Vertreter freigeistiger, freireligiöser, freidenkerischer, atheistischer und humanistischer Verbände. Zu den Referenten gehörte u.a. auch Andreas Fincke, der unter dem Thema „Die säkulare Szene – von außen gesehen“ aus distanzierter Sicht über die „Szene“ der zahlreichen Organisationen berichtete. Den Veranstaltern war bewusst, dass sie mit dem Autor einen evangelischen Theologen einladen, der sich selbst in weltanschaulicher Konkurrenz zu den säkularen Verbänden sieht. Folglich ist die Bestandsaufnahme kritisch bis kühl und versucht Fragen zu thematisieren, die in den Diskussionen der säkularen Verbände so nicht gestellt werden. Wie nicht anders zu erwarten, schloss sich eine heftige Diskussion an. Inzwischen wurde der Vortrag in „humanismus aktuell“ Nr. 18, Frühjahr 2006, publiziert. Wir veröffentlichen im Folgenden den Vortrag, der für den „Materialdienst der EZW“ überarbeitet wurde.


Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich seit der Wiedervereinigung ein tiefgreifender Wandel im Bereich der freigeistigen bzw. kirchenkritischen Organisationen vollzogen. Zu den Verlierern dieser Veränderungen gehören zweifellos die traditionellen Freidenker im Deutschen Freidenker-Verband (DFV), dessen geistige Ausstrahlung und politische Bedeutung gering sind. Klar profilieren konnte sich in den letzten Jahren jedoch z. B. der Humanistische Verband Deutschlands (HVD). Zwar ist seine Mitgliederbasis noch relativ bescheiden, das Erscheinungsbild des Vereins und seine politische Arbeit sind jedoch von beachtlicher Ausstrahlungskraft. Die Stärke des HVD besteht darin, dass er an den alltäglichen Atheismus im wiedervereinigten Deutschland anknüpft und in der politischen Arbeit auf die Gleichbehandlung der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften drängt. Das Argument der Gleichbehandlung ist ein starkes, weil auf den ersten Blick einleuchtendes Argument. Man kann es jedoch auch hinterfragen. Ist wirklich ein Weltanschauungsverband mit bescheidener Mitgliederzahl gleich zu behandeln wie eine Kirche, die z.B. 50 Prozent der Einwohner umfasst?

Der Zentralrat der Konfessionslosen

Strategisch geschickt sind auch die Bemühungen um die Gründung eines „Zentralrats der Konfessionslosen in Deutschland“. Die Idee ist nicht ohne Raffinesse: Ein solcher Zentralrat könnte die Position der Konfessionslosen in der Öffentlichkeit stärken, er würde für Journalisten ein Ansprechpartner sein und der Begriff „Zentralrat“ hat eine gewisse Attraktivität, weil er an den bekannten Zentralrat der Juden oder an den Zentralrat der Muslime erinnert. Gegen die Idee spricht, dass von den etwa 20 Millionen Konfessionslosen in Deutschland nur etwa 20.000 in einem humanistischen bzw. atheistischen Verband organisiert sind und dass die Verbände in vielen wichtigen Fragen unterschiedliche Positionen einnehmen. Diese disparaten Positionen wären beträchtliche Hindernisse auf dem Weg zu einem „Zentralrat der Konfessionslosen“.

Schier unlösbar ist jedoch die Frage nach der Legitimation: Wie kann man alle Konfessionslosen repräsentieren, wenn nur Vertreter der organisierten Konfessionslosen mitarbeiten? Wie können 0,1 Prozent der Konfessionslosen Sprachrohr der gesamten, diffusen Szene sein? So ist z. B. umstritten, ob man im Sinne einer entschiedenen Trennung von Staat und Kirche bzw. Weltanschauung auf die Abschaffung des Religionsunterrichts drängen, oder umgekehrt im Sinne einer Gleichbehandlung der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften die flächendeckende Einführung eines freidenkerischen Ethikunterrichts („Lebenskunde“) als Alternative zum Religionsunterricht anstreben soll. Uneins ist man auch in der Frage der theologischen Fakultäten. Fordert man deren Abschaffung oder drängt man in Analogie dazu auf die Einrichtung sog. „humanistischer Lehrstühle“? Nicht eigentlich umstritten, aber heikel ist ferner die Frage nach den politischen Präferenzen. So stehen die im Deutschen Freidenker-Verband organisierten Freidenker kommunistischen Positionen nahe, sie setzten sich für die Freilassung des inzwischen verstorbenen Slobodan Milosevic ein, man unterstellt dem politischen Establishment in der Bundesrepublik „Demokratieabbau und faschistoide Tendenzen“ und zögerte nicht, dem „lieben Genossen Egon Krenz“ ein Grußtelegramm zu dessen Haftentlassung zu senden. Andere freidenkerische bzw. atheistische Organisationen sind über solche Positionen nicht glücklich. Diese unvereinbaren Haltungen bedeuten nennenswerte Hindernisse auf dem Weg zu einem Zentralrat der Konfessionslosen. Aber es gibt auch organisatorische Schwierigkeiten: Sollen die bereits bestehenden Verbände Vertreter in diesen Zentralrat senden? Nach welcher Quote? Selbst wenn diese praktischen Fragen gelöst werden könnten, die Überwindung der ideologischen Differenzen dürfte kaum möglich sein. Wenn der zu gründende Zentralrat jedoch kein Mandat hat, zu strittigen Fragen Stellung zu beziehen, dann wird er kaum Positionen vertreten, die für die Öffentlichkeit, für Journalisten und Medien interessant sind. Der Irrtum besteht darin, dass man glaubt, man benötige nur einen zugkräftigen Namen, um gehört und wahrgenommen zu werden. Dass dem nicht so ist, erfahren die Sprecher großer Verbände und Vereinigungen häufig. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und der Ratsvorsitzende der EKD werden nur dann gehört, wenn sie in der Sache etwas zu sagen haben, und nicht, weil sie viele Mitglieder repräsentieren.

Inzwischen wird das Projekt in den Reihen der Freidenker und Humanisten kontrovers diskutiert. Man fragt sich, wie der Zentralrat von Strömungen abgegrenzt werden kann, mit denen man nichts zu tun haben möchte: von rechten Esoterikern, neuheidnischen Rechtsextremisten und ewiggestrigen Stalinisten. Dreh- und Angelpunkt ist jedoch die Frage, wie die diffuse Gruppe der Konfessionslosen zu Religion und Kirche steht. Das ist noch längst nicht ausgemacht. Nach einer Untersuchung, die Michael Schmidt-Salomon im seinem „Manifest“ erwähnt, stehen immerhin 13 Prozent der Konfessionslosen religiösen Positionen nahe. Andere Untersuchungen nennen mit 22 Prozent sogar deutlich höhere Zahlen.1

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Anmerkung

1 Michael Schmidt-Salomon, Manifest des Evolutionären Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur, Aschaffenburg 2005, 141. Vgl. Gottesvorstellungen nach Religionszugehörigkeit, zu finden unter www.fowid.de.

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