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Materialdienst 10/2006
Werner Thiede

Mystik im Zentrum - Mystik am Rand. Zur Notwendigkeit, bei mystischer Religiosität zu unterscheiden. Teil I: Mittelalterliche Mystik

Einleitung

Das prophetische Wort des jesuitischen Theologieprofessors Karl Rahner „Der Fromme der Zukunft wird ein Mystiker sein“ scheint sich zunehmend zu bestätigen. Seit das Zeitalter der Religionskritik einer breiteren Wiederkehr von Religion bzw. Spiritualität Platz gemacht hat, ist auch das Thema „Mystik“ wieder „in“. So hat es längst einen festen Ort in vielen kirchlichen Veranstaltungskalendern und in den Programmen christlicher Erwachsenenbildungswerke. Die Chancen von „Mystik“ nimmt man wahr, doch ihre Probleme werden im Zuge der neuen spirituellen Begeisterungswelle meist übergangen. Es ist, als würde man in Theologie und Kirche das Gebiet der Mystik von dem Auftrag, die Geister zu unterscheiden, ausnehmen wollen. „Was Mystiker und Mystikerinnen erlebt und erfahren haben, wovon sie berichten, entzieht sich rationaler Erklärung und Zergliederung“, unterstreicht Pfarrer Wolfgang Böhme in seinem Büchlein „Versuche, Gott zu finden“ (2006). Ich bin da anderer Meinung, wobei ich Theologie als eine vernünftige, analytische Wissenschaft verstehe, die vor den Gefilden der sogenannten Mystik nicht einfach haltmacht. Die Unterscheidung der Geister meint freilich eine Tätigkeit, die selbst mit dem heiligen Geist zu tun hat. Mystik nicht nur pauschal zu schätzen, sondern gegebenenfalls auch zu kritisieren, ist also keineswegs ein „unfrommes“ Geschäft. Vielmehr verdankt sich solch kritischer Blick der Erhellung durch den Geist der Wahrheit, also wahrer Mystik. Schon die Unterstellung, Mystik sei in allen Religionen ohnehin im Kern ein- und dasselbe, teilen keineswegs alle Mystiker.
 
Mystik sei „die eigentliche geistige Substanz der Religion“, erklärt René Bütler in seinem Buch „Die Mystik der Welt“ (1995). Umso mehr kommt es darauf an, was näherhin unter „Mystik“ zu verstehen wäre. Aber das Hauptproblem von „Mystik“ besteht ja schlicht darin, dass keineswegs klar ist, was mit diesem Begriff überhaupt gemeint sein soll. Das dtv-Brockhaus-Lexikon definiert beispielsweise: „Die Mystik sucht die mystische Vereinigung (lateinisch: unio mystica) mit der göttlichen Wirklichkeit nach einem genau geordneten asketischen Läuterungsweg und stufenweiser Versenkung in der Ekstase. Sie neigt dazu, die den prophetischen Religionen gegebenen objektiven Heilstatsachen zu psychologisieren und sich auf eine eigene persönliche Offenbarung zu berufen.“ Hier wird Mystik jedoch zu eng verstanden als methodische Praxis, die auf religiös bedingte Veränderung des normalen Bewusstseinszustands zielt. Diese Definition orientiert sich offenkundig am griechischen Wortstamm des Mystik-Begriffs, der an das Schließen der Augen zu Gunsten einer Welt der Innerlichkeit – jenseits alles in Worte zu Fassenden – denken lässt.

Nun bezieht sich Mystik zwar in der Tat auf Innerlichkeit, aber das muss keineswegs notwendig die „außergewöhnlicher Bewusstseinszustände“ sein. Gewiss geht es mystischer Religiosität um „Vereinigung“ mit dem „Göttlichen“; doch diese unio muss mitnichten bedeuten, dass das Subjekt im Göttlichen aufgeht und mehr oder weniger verschwindet. Von vornherein lassen sich insofern zwei Grundarten von Mystik unterscheiden: Substanzmystik und Liebesmystik.

Wo Substanzmystik vorliegt, dort wird von der einen Substanz des Geistes ausgegangen, die alle Wirklichkeit umfasst und alle Unterschiede am Ende aufhebt oder deutlich relativiert – zu Gunsten des Absoluten. Liebesmystik hingegen hält bei aller Betonung liebender Vereinigung die Unterschiede fest, ohne die es gar keine Vereinigung Liebender gäbe. Hier ist an keine Versenkung zu denken, die das personale Element kassieren würde. Substanzmystik ist mehr kosmisch, Liebesmystik mehr personal orientiert, ohne dabei das „Kosmische“ aus den Augen zu verlieren. So mögen beide Mystikarten einander oft zum Verwechseln ähneln: Auch Substanzmystik kennt innerhalb des umfassenden Einen Unterschiede, und Liebesmystik weiß um den umfassenden einen Sinn des Ganzen. Und doch  bleibt es zweierlei, ob mystische Erfahrung sich gibt als Berührung mit dem Einen, aus dem letztlich alles, auch das eigene Selbst, substantiell hervorgegangen ist – oder ob sie sich versteht als Berührung mit dem Göttlich-Anderen, die ein unfassliches Geschenk darstellt und auf die Antwort der Liebe zielt. Wird dabei die göttliche Liebe als verlässlich-stabile Beziehung erfahren, gewinnt sie wiederum etwas „Substanzhaftes“, ohne dass deshalb schon gesagt wäre, das eigene geschöpfliche Selbst sei im Grunde göttlicher Natur.

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