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Materialdienst 6/2006
Rainer Fromm

"Vampirismus" in Deutschland

Bestandsaufnahme einer Subkultur

Rund 3,65 Millionen Treffer erzielt der deutschsprachige Suchbegriff „Vampir“ bei einer namhaften Suchmaschine im Internet. Neben Kostümen, Büchern und Rollenspielen finden sich auch andere, eher düstere, zuweilen höchst unappetitliche Angebote. Dass es den Vampirismus in Deutschland gibt, mag Verwunderung hervorrufen. Nach der über 900 Seiten umfassenden Vampir-Enzyklopädie des US-amerikanischen Religionsforschers J. Gordon Melton (The Vampire Book. The Encyclopedia of the Undead, Farmington Hills 1999) wird die Zahl der aktiven Vereinigungen, die am Vampirismus interessiert sind, für England und die USA auf 25 beziffert. Darunter fallen nicht nur Fan-Clubs von TV-Serien wie etwa „Buffy“, sondern auch solche, die Rollenspiele pflegen oder als Interessensvereinigung die Selbstinszenierung als Vampir als letzten Schrei betrachten.
 
Nach Meinung einer US-amerikanischen Soziologin ist der Vampir-Mythos inzwischen zum festen Bestandteil der amerikanisch-europäischen Populärkultur avanciert. Kein Lexikon zu jugendlichen Subkulturen – ob Gothic oder New Wave – kann inzwischen auf den Eintrag „Vampir“ verzichten. Neben der populärkulturellen Rezeption des Vampir-Mythos gibt es aber auch härtere „Spielarten“: Im Jahr 2005 hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) auf Antrag der Hamburger Innenbehörde ein Buch über Vampirismus als gefährlich eingestuft und es auf den Index gesetzt. Das Buch, das den Titel „Noctemeron – Vom Wesen des Vampirismus“ trägt, darf damit Kindern und Jugendlichen nicht zugänglich gemacht werden. Nach Auffassung der Bundesprüfstelle wirke sein Inhalt „verrohend und zu Verbrechen anreizend“. Das Buch enthalte diverse Textpassagen, in denen Brutalität gegen Menschen in detaillierter Weise geschildert werden. „Buchbesprechungen und die in Internetforen geführten Diskussionen dokumentieren, dass die Inhalte von zahlreichen Angehörigen der schwarz-okkulten Szene nicht nur als fiktional, sondern als real angesehen werden, d.h. die Auseinandersetzung mit dem Buch in der Szene verwischt die Übergänge von Realität und Mythos.“ Der Politologe und Journalist Dr. Rainer Fromm hat für die Bundesprüfstelle ein 46 Seiten umfassendes, bislang unveröffentlichtes Gutachten zu dem Buch „Noctemeron“ erarbeitet. Auf den „Vampirismus“ in Deutschland geht ein gesonderter Abschnitt ein, den wir im Folgenden dokumentieren.

Die Red.


In den letzten Jahren hat sich in Deutschland ein facettenreiches subkulturelles Netzwerk von Menschen gebildet, die sich selbst als „Vampire“ oder „Vampyre“ bezeichnen. Unter Vampirismus im historischen Sinn versteht man in mehreren europäischen Sprachen „einen Aberglauben, dessen zentrale Gestalt ein blutsaugendes Wesen, der Vampir ist“.1 Die Entstehungsgeschichte des Wortes führt in die Slawistik, wobei hier Sprachvarianten wie „Vapir“ oder „Vepir“ aus dem Bulgarischen, „Upir“ oder „Upyr“ aus dem Russischen oder „Upior“ aus dem Polnischen unterschieden werden.2 In deutscher Sprache taucht der Begriff erstmals in einem Bericht an die kaiserliche Administration im Jahr 1725 auf.

Heute umfasst die sog. Vampir-Szene in Deutschland einen großen Personenkreis, der sowohl real wie virtuell verknüpft ist, vor allem durch Vereine, Homepages, Stammtische, Rollenspiele, Vampirfilmfestivals, Lesungen aus Vampirromanen und selbst Reisen nach Transsilvanien. Grob lässt sich die Vampirszene Deutschlands in verschiedene Gruppen einteilen:

1. Anhänger der sog. Darkwave- oder Gruftie-Subkultur, die im Vampirismus eine besonders ästhetische Form des Habitus, aber auch des Kleidungsstils sehen. Auch in diesem Spektrum sind die Übergänge zwischen einer Begeisterung für den Vampirismus in der Fantasie-Literatur und echtem Okkultismus fließend. Diese Szene trifft sich in zahlreichen Städten an festen Treffpunkten wie Discotheken und Parks.

2. Fans von Rollenspielen, die sich vor allem im Internet zusammenfinden. Auf den Homepages verwischen nicht selten die Grenzen zwischen Begeisterung für Vampirspiele, Blutfetisch und realem Okkultismus.

3. Fans von Vampirfilmen und Vampirromanen. Die Szene ist sehr gut organisiert und veranstaltet Festivals, Bälle, Lesungen und sogar Reisen zu Orten des vermeintlich echten Vampirismus.

4. Vampirismus als sexueller Fetisch. Hier dokumentieren Homepages die Vorlieben einer ganzen Fangemeinde, deren Interesse von eng geschnittener Latex-Kleidung im Vampir-Stil, bluttriefenden Nacktaufnahmen verletzter Frauen bis hin zu blutigen sexuellen Praktiken wie Blutentnahmen reicht.

5. Pseudowissenschaftlicher Vampirismus und sog. „Vampirforscher“, was mit der Sublimierung des Themas einhergeht.

6. „Vampyre“, die sich als „echte“ Blutsauger begreifen und die man vornehmlich in den Gruppen 1 bis 5 antrifft. Im Gegensatz zur vierten Gruppe steht hier aber nicht nur ein Blutfetischismus im Mittelpunkt des Interesses, sondern eine angebliche geistige und seelische Identifikation mit Vampirfiguren.

Die Szene-Seite www.vampyrbibliothek.de resümiert: „Fast könnte man meinen, der Vampir war im Leben der Menschen nie so präsent wie heute.“ Die vermeintlich authentische Vampir-Subkultur bezeichnet sich selbst gerne „Vampyre“. Die Szenemitglieder empfinden sich dem Vampirismus geistig verbunden und legen Wert auf eine eigene dunkle Haltung. Das Buch Noctemeron definiert „Vampyr“ als „einen menschlichen Vampir, lebend, sterblich, dennoch teilweise latent mächtig und bluttrinkend“.3 Das „y“ im Namen soll den Unterschied zu den Vampiren aus der Legenden- und Fantasiewelt markieren und auch als Abgrenzungsbegriff zu den Rollenspielern (LARP) dienen.4 Frater Mordor bevorzugt in seinem „Buch Noctemeron“ die Bezeichnung „Schatten“ für Vampire. Die Verwendung des Namens Vampir sei „in jeder Sprache gefährlich, da dieser Name die Furcht des Menschen war“. Dazu hätte sich inzwischen „in der westlichen Welt (...) das Synonym ‚Schatten’ etabliert“.5 Trotz der verbalen Abgrenzungsbemühungen der oben aufgeführten Gruppen sind die Szenen zum Teil sehr eng verwoben. Dies dokumentieren zahllose Gästebucheinträge im Internet. Es genügt oftmals eine einzige vampiristische Homepage, um sofort mit dem Gesamtspektrum vernetzt zu sein.

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Anmerkungen

1 Albert Schroeder, Vampirismus, Frankfurt a. M. 1973, 1.
2 Ebd., 12f.
3 Frater Mordor, Das Buch Noctemeron, Leipzig 2003, 176.
4 Vgl.www.noctemeron.com/Vampirismus/vampirismus.html.
5 Frater Mordor, Das Buch Noctemeron, 24.

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