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Materialdienst 6/2006
Gesellschaft

Interesse an Jugendweihe sinkt

(Letzter Bericht: 7/2004, 272f) Nach wie vor wird in den östlichen Bundesländern die Jugendweihe stark nachgefragt. Strittig ist, wie diese Jugendweihe weltanschaulich zu bewerten ist. Vieles spricht dafür, dass die (ostdeutsche) Jugendweihe in erster Linie als privates Fest aufgefasst und begangen wird, das Kindern aus Familien ohne kirchliche Bindung den feierlichen Rahmen für ihren Schritt ins Erwachsenenleben bietet. In Deutschland werden etwa 90 Prozent der Jugendweihen von dem Verein Jugendweihe Deutschland e.V. organisiert, etwa 10 Prozent vom Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) und weniger als 1 Prozent (einige Dutzend) von den Freidenkern. Die beiden zuletzt genannten Anbieter sind weltanschaulich ambitioniert. Ihre Jugendweihe ist entsprechend kirchkritisch-atheistisch ausgerichtet. Die Jugendweihe des größten Anbieters ist im Vergleich dazu eher weltanschaulich diffus, trägt mitunter jedoch auch deutlich atheistische Züge.
 
Jährlich gehen etwa 100.000 Kinder zur Jugendweihe. In diesem Jahr melden einige Anbieter erstmals einen nennenswerten Rückgang, den sie auf den sog. „Geburtenknick“ zurückführen, weil unmittelbar nach der „Wende“ deutlich weniger Kinder geboren wurden. Dieser Hinweis ist sicher richtig, denn auch die Zahlen bei Konfirmation bzw. Firmung sind in einigen Regionen rückläufig. Aber der „Geburtenknick“ allein erklärt die mancherorts drastische Abnahme nur zum Teil. In Berlin sank die Zahl der Jugendweihen in den letzten beiden Jahren auf 50 Prozent: 2004 zählte man noch 11.500 Jugendweiheteilnehmer, in diesem Jahr sind es etwa 5600. Der Rückgang bei den Konfirmationen in Berlin ist dagegen vergleichsweise gering: von 7566 im Jahr 2002 auf 6934 im Jahr 2005. In Thüringen beobachtet man sogar einen Rückgang der Jugendweihen um 60 Prozent, wobei konkrete Zahlen derzeit kaum zu bekommen sind.
 
Schwierig ist eine Interpretation dieser Veränderungen. Zu beobachten ist so etwas wie eine zarte Renaissance der Religion, die möglicherweise dazu führt, dass manche Familien ein kirchliches Ritual bevorzugen. Vielleicht ist aber auch die Bindungskraft der kirchlich Verwurzelten größer und sorgt für eine entsprechend größere Konstanz. Eine wesentliche Rolle dürfte aber auch die wirtschaftliche Situation vieler Familien spielen; so wird zwar nach wie vor eine private Feier organisiert, während man sich zugleich die Kosten für eine „richtige“, d.h. offizielle Jugendweihe spart. Und – last, not least – ist in diesem Zusammenhang sicher die Frage erlaubt, ob der zunehmende Abstand zur DDR doch mehr Distanz zu diesem einst ideologisierten Ritual schafft, als manche geglaubt haben.
Die Kirchen sind gut beraten, wenn sie diese Entwicklung aufmerksam verfolgen, ohne vorschnell Schlüsse einer möglichen positiven Entwicklung zu eigenen Gunsten zu ziehen. Konfirmation und Firmung haben in den östlichen Bundesländern keine starke Tradition. Es kann sein, dass sie auf längere Sicht vom Bedeutungsverlust der Jugendweihe profitieren; es kann aber auch sein, dass der zu konstatierende Mentalitätswandel sie eines Tages selbst bedrängt.
 
Andreas Fincke

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