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Materialdienst 3/2006
Michael Utsch

Streit um Geist und Seele

Wie die Hirnforschung das Menschenbild prägt

Im Gefolge rasanter technischer Fortschritte in der Hirnforschung hat die uralte Frage nach den Besonderheiten des Menschseins, nach der Bestimmung der Seele, des Bewusstseins bzw. des Geistes neu an Aktualität gewonnen. Manche Hirnforscher sind der festen Überzeugung, mit ihren Einsichten ein neues und viel zutreffenderes Bild vom Menschen zeichnen zu können. Neben den unbestreitbaren Erfolgen in der Diagnose und Behandlung von Hirnerkrankungen habe die Hirnforschung „den folgenschwersten Wandel des Menschenbildes hervorgerufen“.1 Würde man die aktuellen Erkenntnisse der Neurowissenschaften ernst nehmen, müsse man sich von vielen herkömmlichen Vorstellungen über Geist und Seele verabschieden und Wesen und Bestimmung des Menschen ganz neu fassen. „Diese Umwertung aller Wertvorstellungen (...) hat zu bisher unabsehbaren Konsequenzen in allen Bereichen der menschlichen Existenz geführt“.2 Zugespitzt formuliert: Menschliche Eigenarten wie Freiheit und Mitgefühl sind nur Wunschdenken und müssten nach der Überzeugung mancher Hirnforscher ausgetauscht werden durch Determinismus und Funktionalität.

Derart weitreichende Behauptungen und Ansprüche stießen allerdings auch auf Kritik. Hier ist zunächst an den Disput zwischen den naturalistisch orientierten Hirnforschern und Psychologen zu erinnern, die sich gegenüber überzogenen Ansprüchen und einer Deutungshoheit der Gehirn- und Bewusstseinsforschung über die Seele gewehrt haben.3 Das naturalistische „Manifest über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung“ behauptete ja, dass man schon bald „widerspruchsfrei Geist, Bewusstsein, Gefühle, Willensakte und Handlungsfreiheit als natürliche Vorgänge“ verstehen könne. Die Verfasser des Manifests erwarten, dass dualistische Erklärungsmodelle – die Trennung von Körper und Geist – zunehmend verwischen werden. Erste Entwürfe einer monistischen Theorie der Subjektivität liegen vor – etwa die Selbstmodell-Theorie der Subjektivität von Thomas Metzinger, die behauptet, „das es so etwas wie Selbste in der Welt nicht gibt“.4

In dem „Manifest der Hirnforschung“ wird die materialistische Interpretation des Geistes mit der schwammigen Aussage begründet, auch die höchsten Geistestätigkeiten „beruhen auf biologischen Prozessen“.5 Zweifelsohne ist ein funktionierendes Gehirn die Grundlage jeglicher Geistestätigkeit. Daraus aber vorschnell den Schluss zu ziehen, dass neuronale Zufallsmuster nach evolutionären Prinzipien die Geistesaktivität ergeben, ist nicht zwingend, sondern spezifischen Vorannahmen geschuldet. Alltägliche Erfahrungen psychosomatischer Zusammenhänge weisen unmissverständlich darauf hin, dass auch der umgekehrte Weg funktioniert, wenn etwa subjektive Empfindungen zu körperlichen Reaktionen führen. Körperliche Prozesse können seelisch gesteuert werden – man denke etwa an die bekannte Vorsatzformel „Mein rechter Arm wird ganz schwer und warm“ und die messbaren körperlichen Veränderungen. Das uralte Leib-Seele-Problem und die Frage, nach welchen Regeln Gehirn und Geist miteinander korrelieren, sind längst noch nicht ausgemacht. Die vollmundige Ankündigung, das Bewusstsein stehe kurz vor seiner neurobiologischen Enthüllung, hält nur eine bestimmte Fraktion von Hirnforschern für realistisch.6 Letztere gehen davon aus, dass auch die sog. höheren geistigen Akte einzig von chemisch-physikalischen Veränderungen gesteuert werden und quasi nur „bessere“ Abfallprodukte neuronaler Prozesse sind. Derartige Thesen nennen namhafte Psychologen „Effekthascherei“ und weisen auf einen „Kategorienfehler“ hin: Die neuen, durch verfeinerte Messmethoden gewonnenen Daten könnten nur als Indikatoren psychischer Prozesse angesehen werden – „sie sind keineswegs die Prozesse selbst“.7 Zahlen ergeben nur im Zusammenhang mit einem Erklärungsmodell einen Sinn. Erst eine Theorie bilde das Gerüst, das Messwerten Bedeutung verleiht. Von christlicher Seite war von „naturalistischen Fehlschlüssen“ die Rede und von der „philosophiefreien Erschleichung eines Weltbildes durch neurophysiologische Hochstapelei“.8 – Wie sollte die Neurobiologie auch die menschlichen Sinnfragen beantworten können? Vielleicht hat die Entschlüsselung des menschlichen Genoms Hoffnungen beflügelt, nun bald auch Seele, Geist und Bewusstsein analysieren und verstehen zu können. Allerdings sind die Zusammenhänge der menschlichen Reflexivität und des Gehirns ungleich komplexer und dementsprechend die Theorienvielfalt größer, so dass von einer baldigen Entschlüsselung nicht die Rede sein kann.

Die europäische Kultur ist maßgeblich vom Idealismus geprägt, also von der Idee, dass ein Bestandteil oder der Kern des Menschen aus einer „transzendentalen“ Quelle gespeist wird. Die Ausbreitung und Popularisierung evolutionsbiologischer Erkenntnisse hat diese Vorstellung zunehmend verdrängt und durch naturalistische Überzeugungen und Erklärungen ersetzt. Gegenwärtig zeichnet sich der deutliche Trend ab, Geist und Seele nur noch rein materialistisch aufzufassen und den Blick auf den Menschen einzig auf diese Perspektive zu verengen. Der Mensch ist demnach auch in seinen geistigen Eigenschaften und seinem Selbstbewusstsein letztlich nicht mehr als das Produkt bloßer Selbstorganisation und biologischer Zufallsprozesse.

Naturalisierung des Geistes

Ohne Zweifel ermöglichen technische Errungenschaften wie die bildgebenden Verfahren der Hirnforschung neue Einblicke in die neurobiologischen Vorgänge, die parallel (!) zum seelischen Erleben stattfinden. Doch schon hier öffnet sich ein tiefer Graben, denn die Zusammenhänge zwischen den objektivierbaren neurobiologischen Fakten und dem subjektiven Erleben sind alles andere als klar. Wie sonst kann es sein, dass bei Franziskanerinnen und buddhistischen Mönchen in tiefer Meditation zwar vergleichbare Gehirnströme gemessen wurden, ihr persönliches Erleben aber stark voneinander abwich? Während die Christinnen in der Meditation eine (personale) Begegnung erlebten, beschrieben die Zen-Mönche Leere und Gleichgültigkeit. Offensichtlich interpretiert das menschliche Bewusstsein die eigenen Gehirnaktivitäten ganz im Sinne der eigenen Vorerfahrungen. Auch dieses bekannte Experiment weist also auf die Notwendigkeit hin, in der Forschung nicht nur objektive Daten zu erheben, sondern auch das subjektive Erleben mit zu berücksichtigen.

Davon ist aber die Hirnforschung durch den enormen technischen Fortschritt in den letzten Jahren zunehmend abgerückt. Seitdem immer differenziertere Messungen in die unermesslichen Tiefen der Gehirnprozesse möglich sind – schätzungsweise 100 Milliarden Neuronen erzeugen nach chaotisch wirkenden, bisher unerklärlichen Regeln rasend schnell neue Netzwerkverbindungen –, schießen unter großer medialer Aufmerksamkeit Hoffnungen ins Kraut, bald die Menschheitsrätsel Bewusstsein, Seele und Geist verstehen und erklären zu können. Wenn der amerikanische Technologie-Prophet Ray Kurzweil Recht behält, wird es in 20 Jahren intelligente, denkende Computer geben, die schlauer sind als der Mensch. Kurzweil konnte anhand der Geschichte der Technikentwicklung zeigen, dass sich technologische Entwicklungen zeitlich nicht linear, sondern exponentiell vollziehen. Besonders schnell wächst nach seiner Beobachtung die Informations- und Computertechnologie.9 Er geht davon aus, dass in der Zukunft mikroskopisch kleine Nano-Roboter in das Gehirn und den Körper eingepflanzt werden, so dass wir „am Ende (…) direkt mit den Produkten unserer Technologie verschmelzen [werden]. (...) Die Nanobots werden uns gesund halten, eine unmittelbare virtuelle Realität unseres Nervensystems erzeugen, direkte Hirn-Hirn-Kommunikation über das Internet ermöglichen und die menschliche Intelligenz deutlich erhöhen.“10

Zweifellos werden durch die moderne Gehirnforschung zentrale Werte des christlichen Menschenbildes wie seine Einzigartigkeit, Würde und Willensfreiheit bedroht. Das von manchen Hirnforschern skizzierte neue Menschenbild wird einseitig von den evolutionären Prinzipien der Selbstorganisation und Nützlichkeit dominiert. Es wird betont, das Gehirn nicht bloß als „Nervenkomplex“ zu verstehen, sondern als eigenständigen Generator von geistig-moralischen Prozessen. Wie aber sollen zufällige neuronale Verschaltungen Identität stiften?11

Dieser Trend zur Naturalisierung des Geistes findet wissenschaftlich Unterstützung durch die Neuauflage des Sozialdarwinismus im Gewand der Evolutionsbiologie. Evolutionsbiologische Deutungen haben Konjunktur, besonders in der Psychologie.12 Ein umfangreiches Kapitel eines Lehrbuchs zur Sozialpsychologie entfaltet in großer Breite die evolutionäre Perspektive.13 Hier werden sehr einseitig Argumente vorgetragen, wie kooperatives bzw. altruistisches Verhalten durch natürliche Selektion zu erklären sei – nämlich als „reziproker Altruismus“, besonders unter Verwandten, d.h. als Handeln unter dem Aspekt eines möglichen zukünftigen Nutzens. Mit Beispielen aus der Tierwelt wird begründet, warum Männer eine angeborene Tendenz zu sexuellen Zufallsbekanntschaften haben und dass Menschen Angehörige des anderen Geschlechts besonders nach Kriterien eines hohen Paarungswertes auswählen. Und wissenschaftlich erwiesen ist: Frauen mit einem Verhältnis zwischen Taille und Hüftumfang von 0,7 sind besonders begehrt.

Nicht nur das Sozialverhalten, auch die Religiosität kann auf ihre Zweckdienlichkeit hin untersucht werden. Verbinden viele Menschen mit Religion uneigennützige Opfer wie Keuschheit, tägliche Gebete und Spendenbereitschaft bis zum völligen Verzicht auf Besitz, sehen das evolutionsbiologische Religionsforscher anders: Der Glaube kann nach ihrer Ansicht als ein Selektionsvorteil betrachtet werden. Ansprüche einer Glaubensgemeinschaft an ihre Mitglieder werden mit den Vorzügen des Gemeinschaftslebens wie sozialer und finanzieller Sicherheit begründet. Nach der „Theorie der teuren Rituale“ gewähren gerade Zwänge und hohe Anforderungen an den Einzelnen eine gute Zusammenarbeit und das Überleben der Gruppe.14

Ob diese funktionale Sichtweise allerdings den Kern religiösen Erlebens und Verhaltens trifft, darf bezweifelt werden. Dienen religiöse Rituale wirklich primär einem biologischen Zweck? Ihre eigentliche Bedeutung kann doch nur erfassen, wer sie in gläubiger Haltung praktiziert. Man muss also Gläubige befragen, warum sie glauben. Mit Recht argumentiert Ulrich Eibach: „Behauptet man etwa, das die Liebe zwischen Frau und Mann nur dem Eigennutz und der Fortpflanzung diene, so werden die meisten Paare dem widersprechen. Sie werden darauf verweisen, dass der entscheidende Aspekt in ihrer – von der Liebe zueinander bestimmten – Beziehung selbst zu suchen ist. So, wie die Liebe zunächst zweckfrei, aber dennoch höchst sinnvoll ist, so ist auch die religiöse Praxis, die Gottesliebe, in sich letztlich innerweltlich zweckfrei. Ihr Sinn liegt in der Liebe zu Gott selbst, in der Hinwendung des Menschen zu Gott und den Erfahrungen, die er dabei macht.“15 Solche differenzierten Kommentare zur Zügelung evolutionärer Deutungsansprüche sind leider Mangelware. Viel mehr Aufmerksamkeit ziehen einseitige Darstellungen auf sich, die religiöses Verhalten mit einem mittelalterlichen, vormodernen Abwehrmechanismus gleichsetzen.16

Die Aussichten, menschliches Erleben und Verhalten gänzlich durchleuchten zu können und alle Wünsche und Motive eines Menschen erkennen zu können, ruft natürlich auch Befürchtungen und Ängste wach. Deshalb hat sich im letzten Jahr eine „Europäische Bürgerkonferenz“ an vier Wochenenden mit Experten aus Wissenschaft und Politik mit der Hirnforschung beschäftigt und jetzt die Ergebnisse ihrer Beratungen vorgelegt.17 Darin fordern sie unter anderem ein Anwendungsverbot von Hirn-Scans für Polizei, Gerichte und Sicherheitsdienste, weil das Missbrauchspotential dieser weit in die Persönlichkeitsrechte reichenden Methoden zu hoch sei.

In der Tat, die Eingriffsmöglichkeiten in die menschliche Seele sind durch die neuen Erkenntnisse und die technischen Verfeinerungen vielfältig und verführerisch: Wird es bald möglich sein, sich von lästigen Gewohnheiten, „Alltagssüchten“ und schrulligen Eigenarten ein für alle Mal zu befreien? Wird man bald unerwünschte Stimmungen, launische Verhaltensmuster und negative Gefühle ohne Mühe hinter sich lassen? Werden Prüfungsängste, Ärger über den Nachbarn, der Groll gegen den Ehemann/die Ehefrau und alle gelegentlichen Selbstzweifel künftig psychopharmakologisch aufzulösen sein? Solche Perspektiven hätten weit reichende Konsequenzen: Wohin entwickelt sich ein Mensch, der keine Krisen mehr erlebt, der keine Unsicherheit, Trauer, Wut oder Enttäuschung kennt? Wenn das Leiden abgeschafft wäre – könnten wir uns dann noch freuen?

Die Vorstellung eines willkürlichen „Psycho-Designs“ nach dem Motto „Werde zu der Person, die du sein möchtest!“ ist leider keine Fiktion mehr, sondern wird zum Teil massiv propagiert.18 Längst werden Seminare auf dem Psychomarkt angeboten, die ihren Teilnehmern versprechen, Humor, Schlagfertigkeit und Einfühlungsvermögen erlernen zu können. Die sprunghaft angestiegene Vergabe von Ritalin ist an dieser Stelle ebenfalls zu nennen, die viel zu häufig ohne medizinische Indikation und Betreuung erfolgt. Die Tendenz, die menschlichen Eigenschaften und Anlagen als formbaren Rohstoff anzusehen, nimmt immer mehr zu. Aus fachlicher Sicht ist es jedoch keiner Psychologie möglich, ersehnte persönliche Eigenschaften wie Selbstsicherheit oder Kontaktfähigkeit anzutrainieren.

Die erschreckende Vision einer „brave new world“ liegt nahe, wenn man sich den rapide zugenommenen Gebrauch von Psychopharmaka vor Augen hält und den in der Psychoszene vertretenen Machbarkeitsglauben mit seinen Heilsversprechen anschaut. Die Möglichkeiten einer neurokognitiven Optimierung des Menschen und ein regelrechtes „Mind Doping“ werden daher in Fachjournalen, auf Kongressen und sogar vom Bioethik-Rat des amerikanischen Präsidenten intensiv diskutiert. Diese Entwicklung liegt übrigens ganz im Interesse von Pharmafirmen, denn der weltweite Markt für sog. „Lifestyle-Medikamente“, die eher Lebensgewohnheiten als Krankheiten beeinflussen, wächst: Waren es im Jahr 2002 noch 20 Milliarden US-Dollar, sollen 2007 29 Milliarden Dollar in Potenzpillen, Gewichtsreduzierer, Stimmungsaufheller und andere Mind-Doping-Präparate gesteckt werden.

Werden in Zukunft nach Lust und Laune Psycho-Pillen konsumiert wie heutzutage das anregende Modegetränk Kaffee? Und wenn es normal wird, Tabletten für ein besseres Gedächtnis, anhaltende Aufmerksamkeit, tieferes Glückserleben oder erfolgreiches Arbeiten zu nehmen – wird sich dann nicht auch der Druck auf den Einzelnen erhöhen, gegen seinen Willen zur Packung zu greifen? Was für ein Menschenbild steht hinter den Protagonisten eines willkürlichen „Psycho-Designs“?

Liefert die Hirnforschung ein neues Menschenbild?

Das junge, aufstrebende „Magazin für Psychologie und Hirnforschung“ mit dem ambitionierten Titel „Gehirn und Geist“ ist recht neu auf dem umkämpften Zeitschriften-Markt und konnte sich mit einer derzeitigen Druckauflage von 45.000 Exemplaren gut etablieren. Das Fachmagazin startete im November letzten Jahres die neue Serie „Neuroethik“ mit der programmatischen Überschrift „Unterwegs zu einem neuen Menschenbild“. Diese Serie stellt die Ethik der Neurowissenschaft und die Neurowissenschaft der Moral in den Mittelpunkt. Ihre Grundfrage liegt auf der Hand: Technisch eröffnen sich immer mehr Eingriffsmöglichkeiten in seelisches Erleben und Verhalten – was davon ist statthaft? Dazu exemplarisch einige fiktive Konfliktsituationen:

• Bei einer Versuchsperson, die freiwillig an einer Studie über das Langzeitgedächtnis teilnimmt, entdeckt man beim Scannen ihres Gehirns einen nicht zu entfernenden Hirntumor, der die Lebenszeit der Versuchsperson auf maximal sechs Monate reduziert. Soll ihr das mitgeteilt werden? Oder wäre es besser, sie könnte die Zeit bis zum Einsetzen der ersten Symptome noch sorgenfrei erleben? Gibt es ein „Recht auf Nichtwissen“?

• Muss eine Doktorarbeit, die unter permanenter Einnahme von Denkdopingmitteln wie Modafinil entstanden ist, anders bewertet werden als eine, bei der der Kandidat sich nur mit altmodischen „Neurotechnologien“ wie Kaffee und Tee geholfen hat? Sollten in Zukunft nicht nur Spitzensportler zum Urintest antreten, sondern auch Studenten vor ihrer Magisterprüfung? Was spricht dagegen, nicht auch die Fortschritte der Pharmakologie zur Steigerung der Gedächtnisleistung zu nutzen?19

• In Bezug auf Artikel 18 der Menschenrechtserklärung (Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit) wurde kürzlich das Recht auf veränderte Bewusstseinszustände eingefordert. Autoritätspersonen sollten „auch einmal zugeben, wie schön durch illegale Drogen ausgelöste Bewusstseinszustände sein können“. Deshalb soll für geeignete, seelisch stabile Personen ein „LSD-Führerschein“ zu erwerben sein, mit dem pro Jahr zwei Einzeldosen LSD für den eigenen Gebrauch legal in einer Apotheke erworben werden können20: suchterzeugende Realitätsflucht auf Krankenschein?

• Ab wann ist es erlaubt, die Methode des „Brain Fingerprinting“ – eine Art Fingerabdruck des Gehirns – anzuwenden? In den USA wurde ein Unschuldiger aus dem Gefängnis befreit, weil mit dieser Methode zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte, das der Beschuldigte weder das Mordopfer noch den Tatort je im Leben zu Gesicht bekommen hat. Darf diese Methode aber auch bei Scheidungen und in Sorgerechtsstreitigkeiten eingesetzt werden?

All diesen Fragen widmet sich die neue philosophische Teildisziplin der Neuroethik. Sie behandelt die moralischen Probleme, die sich aus der praktischen Anwendung der Ergebnisse des Erkenntnisforschritts in der Hirnforschung ergeben. Dabei ist sie einer evolutionären Perspektive verpflichtet und fragt danach, wie moralische Gefühle wie Schuld, Mitleid oder die Bereitschaft zur Selbstaufopferung entstehen. Sie will die gesellschaftlichen Folgen einschätzen, die entstehen, wenn Menschen ihre psychischen Eigenschaften und ihre Bewusstseinsinhalte dank neuer technischer Möglichkeiten immer genauer steuern können. Unter dem Stichwort „Neuroanthropologie“ will sich dieser philosophische Bereich speziell mit dem Einfluss auseinandersetzen, den die Flut neuer Einsichten auf unser Selbstverständnis und unser Bild vom Menschen hat.21

Ein Protagonist der Neuroethik ist der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger, der gleichzeitig auch als Präsident der Gesellschaft für Kognitionswissenschaft und Vorstandsmitglied der Association for the Scientific Study of Consciousness tätig ist. Er kritisiert, dass das christliche Menschenbild „allen Meinungsverschiedenheiten zum Trotz auf der Ebene der Alltagsmoral bestimmt hat, wie Menschen miteinander umgehen sollen“. Dieses Menschenbild sei nun aber endgültig überholt und von der neurowissenschaftlichen Anthropologie „unwiderruflich aufgelöst“ worden.22 Nach seiner Meinung ist es höchste Zeit, angesichts der Erkenntnisse der modernen Hirnforschung „das Sein nicht mit dem Sollen zu vermischen und zwei Fragen sorgfältig auseinander zu halten: Was ist der Mensch in Wirklichkeit? Und wie sollte der Mensch in der Zukunft sein?“23 Metzinger und einige andere glauben, dass die Neurophilosophie hier maßgebliche Antworten liefern kann.24

Kollegen von Metzinger sind an dieser Stelle bescheidener und gehen nicht davon aus, dass die Hirnforschung das Menschenbild revolutionieren wird. Zwar trete das Zusammenspiel der Geist-Seele-Gehirn-Einheit immer deutlicher zum Vorschein, jedoch sei man noch weit davon entfernt, ein schlüssiges Gesamtmodell gefunden zu haben. Folgende Einwände wurden gegen eine einseitig naturalistische Sicht des Menschen erhoben:

1. Das menschliche Gehirn ist nicht nur von der neuronalen Aktivität abhängig, sondern darüber hinaus kulturell geprägt, denn der Mensch ist auch und vor allem ein Kulturwesen! Wolfgang Prinz, Direktor am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in München, beschreibt die Aufgabe für die Hirnforschung folgendermaßen: „Was sicher revidiert werden muss, ist der kaum reflektierte Naturalismus, der das Menschenbild mancher Hirnforscher prägt. Menschen sind aber das, was sie sind, nun einmal nicht nur durch ihre Natur, sondern vor allem auch durch ihre Kultur“.25 Prinz plädiert für eine neue Rahmentheorie, die neben den neurobiologischen Faktoren die kulturellen und sozialen Faktoren berücksichtigt. Provozierend formuliert der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther: „Die Fähigkeit, Bewusstsein zu entwickeln und seine Aufmerksamkeit bewusst auf etwas Bestimmtes zu richten, scheint eher das Ergebnis eines durch soziale Erfahrungen vermittelten Lernprozesses als ein vom Gehirn aus sich selbst hervorbringbares Phänomen zu sein.“26

2. Wer bestimmt die Entwicklungsziele des Menschen, wer definiert „normal“ oder „gesund“? Ungeahnte technische Möglichkeiten, ethischer Pluralismus und moralische Orientierungsnot haben dem Thema „Menschenbild“ neue Aufmerksamkeit verschafft.27 Ist aber die Philosophie als einziger Richtungsgeber imstande, die Zielrichtung vorzugeben? In der Umbruchphase, in der wir uns derzeit befinden, brauchen wir „eine interdisziplinär angelegte Anthropologie, die uns darüber aufklärt, was genau das ‚neue Menschenbild’ eigentlich ist“.28 Hier ist auch die theologische Perspektive einzubringen!

3. „Freie Entscheidungen brauchen Zeit.“29 Ein schlichtes, aber nachhaltiges Argument gegen die Vorstellung eines neurobiologischen Determinismus ist der Zeitfaktor. Die bekannten Libet-Experimente, die angeblich zeigen, dass das Gehirn seine Entscheidungen fällt, noch ehe diejenige Gehirnaktivität wirkt, die man dem Bewusstsein zuschreiben könnte, lässt sich an dieser Stelle widerlegen. Denn der Mensch ist nur in offenen Entscheidungssituationen frei, nicht jedoch in Situationen, wo er eintrainierte Handlungen ausführt.30

4. Das menschliche Bewusstsein ist nach wie vor ein Rätsel. Gerald Hüther bezeichnet die Suche der Hirnforscher nach der Region, in der das Bewusstsein entsteht, als vergeblich.31 Zwar könne man neurobiologische Korrelate bewusster Prozesse identifizieren, jedoch kein stimmiges Gesamtmodell vorlegen. Der Biophysiker Alfred Gierer ist sogar der Ansicht, dass die Körper-Geist-Beziehung sich prinzipiell nicht entschlüsseln lasse. So, wie es klar definierte und anerkannte Erkenntnisgrenzen der Physik und Mathematik gebe, müsste auch die Bewusstseinsforschung in ihren Interpretationen vorsichtig sein. Die unvorstellbare Komplexität der neuronalen Verschaltungen setze dem Verstehen Grenzen. Bewusstsein sei eher eine Urgegebenheit und eine Voraussetzung jeden Denkens.32

Bislang konnte die Hirnforschung keine zwingenden Zusammenhänge zwischen Materie und Geist entdecken, um das Geheimnis des bewussten Erlebens zu lösen. Wegen unserer kognitiven Begrenzung bleibt es für uns rätselhaft, „wie das Wasser der neuronalen Aktivität sich in den Wein des bewussten Erlebens verwandelt“.33

Fazit: „Neurobiologen haben Recht, aber nur zur Hälfte“.34 Auch in der Hirnforschung ist die Beschäftigung mit der Bedeutung von Welt- und Menschenbildern unausweichlich. Es wird häufig übersehen, dass implizit zugrunde gelegte Weltbilder Einfluss auf die Dateninterpretation nehmen. Die Hirnforschung muss diese Dimension der menschenbildabhängigen Vorentscheidungen berücksichtigen, um nicht selber zu einer Mythenbildung beizutragen. Um das seelische Erleben besser zu verstehen, ist eine bessere Zusammenarbeit zwischen natur- und geisteswissenschaftlicher Forschung unumgänglich.

Anmerkungen

1 Erhard Oeser, Das selbstbewusste Gehirn, Darmstadt 2006, 9.
2 Ebd.
3 Ulrich Eibach, „Gott“ nur ein „Hirngespinst“? Zur Neurobiologie des religiösen Erlebens, EZW-Text 172, Berlin 2003; Michael Utsch, Geist – das Produkt unseres Gehirns?, MD 12/2004, 472.
4 Thomas Metzingers Kurzdarstellung unter: http://www.philosophie.uni-mainz.de/metzinger/publikationen/SMT-light2UTB.pdf. Dazu ausführlichersein Buch: Being No One, Cambridge 2003.
5 Christian E. Elger u.a., Das Manifest, Gehirn & Geist 6/2005, 30-37, hier 36.
6 Christof Koch, Die Zukunft der Hirnforschung. Das Bewusstsein steht vor seiner Enthüllung, in: C. Geyer (Hg.), Hirnforschung und Willensfreiheit, Frankfurt a.M. 2004, 229-234.
7 Klaus Fiedler u.a., Psychologie im 21. Jahrhundert – eine Standortbestimmung, Gehirn & Geist 7-8/2005, 56-60, hier 60.
8 Ulrich Lüke, Zur Freiheit determiniert – zur Determination befreit? Stimmen der Zeit 9/2004, 610-622; Hans Dieter Mutschler, Fehlschlüsse des Naturalismus. Ist der Mensch wissenschaftliche erklärbar?, Herder Korrespondenz 10/2004, 529-532; Josef Quitterer, Die Freiheit, die wir meinen, Herder Korrespondenz 7/2004, 364-368; Ulrich Körtner, Der Mensch – von Hause aus unfrei, Zeitzeichen 6/2005, 16-18; Hans Goller, Sind wir bloß Opfer unseres Gehirns? Stimmen der Zeit 7/2005, 446-458.
9 Vgl. hierzu auch: Günter Ewald, Neues Computer-Zeitalter und seine Folgen für ein neues Naturverständnis, MD 2/2005, 65ff.
10 Ray Kurzweil, Der Mensch, Version 2.0, Spektrum der Wissenschaft 1/2006, 105 (im Internet abzurufen unter: www.wissenschaft-online.de).
11 Vgl. Erhard Oeser, Das selbstbewusste Gehirn, Darmstadt 2006.
12 Vgl. dazu das Standard-Lehrbuch von David M. Buss, Evolutionäre Psychologie, München 2004, oder die Aufsatzsammlung von Antoinette Becker (Hg.), Gene, Meme und Gehirn. Geist und Gesellschaft als Natur, Frankfurt a. M. 2003.
13 John Archer, Evolutionäre Sozialpsychologie, in: Wolfgang Stroebe, Klaus Jonas (Hg.), Sozialpsychologie, Berlin 2001, 25-53.
14 Richard Sosis, Teure Rituale, Gehirn & Geist 1-2/2005, 44-50.
15 Ulrich Eibach, Vom Sinn und Nutzen der Religion, Gehirn & Geist 1-2/2005, 52-53, hier 53.
16 Zum Beispiel Hanne Tügel, Die Sehnsucht nach Sinn: Das Urbedürfnis nach Orientierung führt oft zu irrationalem Verhalten – in Religion, Aberglaube und Magie, Geo Wissen 32/2003, 62-73.
17 Eine deutsche Übersetzung ist abzurufen unter: www.buergerkonferenz.de.
18 Eine populärwissenschaftliche Neuerscheinung verbindet Halbwissen mit Wunschdenken: Werner Siefer, Christian Weber, Ich. Wie wir uns selbst erfinden, Frankfurt a.M. 2006.
19 Michael S. Gazzaniga, Keine Angst vor IQ-Doping!, Gehirn & Geist 12/2005, 40-45.
20 Thomas Metzinger, Intelligente Drogenpolitik für die Zukunft, Gehirn & Geist 1-2/2006, 32-37.
21 Ders., Neuroethik. Unterwegs zu einem neuen Menschenbild, Gehirn & Geist 11/2005, 52.
22 Ebd., 54.
23 Ebd.
24 Beispielsweise der Wiener Philosoph Erhard Oeser, der aber Metzinger in seinem neuen Werk mit keinem Wort erwähnt (Erhard Oeser, Das selbstbewusste Gehirn. Perspektiven der Neurophilosophie, Darmstadt 2006).
25 Gehirn & Geist 6/2004, 35.
26 Gerald Hüther, Die vergebliche Suche der Hirnforscher nach der Region, in der das Bewusstsein entsteht, Die Drei 1/2006, 56.
27 John Brockman (Hg.), Die neuen Humanisten. Wissenschaftler, die unser Weltbild verändern, Berlin 2004; Jochen Fahrenberg, Annahmen über den Menschen. Menschenbilder aus psychologischer, biologischer, religiöser und interkultureller Sicht, Heidelberg 2004; Wolfgang Frühwald u. a., Das Design des Menschen. Vom Wandel des Menschenbildes unter dem Einfluss der modernen Naturwissenschaft, Köln 2004; Jürgen Habermas, Zwischen Naturalismus und Religion, Frankfurt a.M. 2005; Jochen Hörisch, Theorie-Apotheke. Eine Handreichung zu den humanwissenschaftlichen Theorien der letzten fünfzig Jahre, einschließlich ihrer Risiken und Nebenwirkungen, Frankfurt a.M. 2004; Rolf Oerter (Hg.), Menschenbilder in der modernen Gesellschaft. Konzeptionen des Menschen in Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft und Politik, Stuttgart 1999; Christoph Wulf, Anthropologie. Geschichte, Kultur, Philosophie, Reinbek 2004.
28 Gehirn & Geist 1/2005, 9.
29 Walfried Linden, Ein gemeinsames Menschenbild, in: ders., Alfred Fleissner (Hg.), Geist, Seele und Gehirn. Entwurf eines gemeinsamen Menschenbildes von Neurobiologen und Geisteswissenschaftlern, Münster 2005, 208.
30 Ebd.
31 Gerald Hüther, Die vergebliche Suche der Hirnforscher nach der Region, in der das Bewusstsein entsteht, Die Drei 1/2006, 52ff.
32 Alfred Gierer, Überlegungen zur Leib-Seele-Beziehung, in: Ernst Pöppel (Hg.), Gehirn und Bewusstsein, Weinheim 1989, 73-89. Ein neuerer Aufsatz von Alfred Gierer zum Thema ist im Internet abrufbar unter: http://www.eb.mpg.de/emeriti/gierer/menschenbild.pdf.
33 Hans Goller, Das Rätsel von Körper und Geist. Eine philosophische Deutung, Darmstadt 2003, 141.
34 Heiner Hastedt, Der Mensch – ein krummes Holz in der Höhle, in: Walfried Linden, Alfred Fleissner (Hg.), Geist, Seele und Gehirn, 34.

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