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Materialdienst 3/2006
Michael Hausin

Das christliche Bekenntnis in den osteuropäischen Beitrittsländern

1. Einführung

Am 1. Mai 2004 wurden zehn neue Staaten in die Europäische Union aufgenommen, darunter acht osteuropäische, ehemalige kommunistische Länder. Was heißt diese Aufnahme für die religiöse Landschaft in Europa? Welche Veränderung der konfessionellen Gewichtung findet in der EU statt?

Das 21. Jahrhundert ist geprägt von fortschreitender Säkularisierung und gleichzeitiger Revitalisierung von Religiosität und Religion.1 Inmitten des „christlichen“ Europa finden sich bedeutende religiöse Minderheiten des Islam, des Hinduismus und Buddhismus. Zum ersten Mal seit der Spätantike sind die Kirchen in Europa mit der Anwesenheit pluraler Religionskulturen konfrontiert. Das größer gewordene Europa bringt für Christen in West und Ost neue Herausforderungen: sie müssen sich neu dessen versichern, was sie glauben und wie sie diesen Glauben mitteilen.

Erhart Neubert deutet die DDR-Geschichte als „Supergau der Kirchen“. Innerhalb von zwei Generationen ging der Anteil der Christen an der Bevölkerung von 94 auf 30 Prozent zurück. Das heißt, in nicht einmal 50 Jahren kam es zur Verzehnfachung der Konfessionslosen. (Wahrscheinlich ist Ostdeutschland das einzige Gebiet weltweit, in dem die Areligiösen eine satte Mehrheit von 70 Prozent bilden.) Eine Umkehrung des Trends ist nicht in Sicht.

Das Christentum zeigt sich in Europa mit heruntergezogenen Mundwinkeln – behauptet das evangelische Nachrichtenmagazin idea. Christliche Positionen und Symbole werden aus der Öffentlichkeit verbannt. Die religiöse Landschaft ist in Europa entscheidend verändert. Dieser Befund kontrastiert die Erfahrungen auf anderen Kontinenten: in Afrika, Asien und Südamerika jubeln die Christen und können das Gemeindewachstum kaum verkraften. In 40 Jahren werden fast 80 Prozent aller Kirchenmitglieder nicht-westlich sein, vor 40 Jahren waren es nur 33 Prozent. Gerade das Wachstum evangelikaler Gemeinden ist immens. Die Wachstumsraten übersteigen die des Islams und gehen nicht wie dort auf eine hohe Geburtenrate zurück.

Die Großkirchen sind als Macht der Lebensführung „entmächtigt“, erklärt etwa der Theologe Gottfried Küenzlen. Und der Religionssoziologe Paul Zulehner behauptet, „daß nicht mehr die Kirchen entscheiden, in welcher Weise der Bürger religiös ist, sondern die Bürger entscheiden, inwieweit die Kirchen seine Religiosität mitformen können“.2

In den postkommunistischen Staaten Osteuropas ist das Verhältnis von Staat und Kirche spannungsvoll geladen. Wir sprechen über Länder, deren historisch-geistesgeschichtlicher Hintergrund sehr unterschiedlich ist: Im Baltikum dominierte zuerst Preußen, brachte Aufklärung und Toleranz, danach folgte Russland versuchte die Russifizierung, mit der UdSSR kam dann der Atheismus. Die Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn hatten eine lange habsburgische und gegenreformatorisch-katholische Geschichte, bevor Mitte der 1940er Jahre der atheistische Weltanschauungsstaat hereinbrach. Polen hatte durch seine Teilung Ende des 18. Jahrhunderts alle diese Entwicklungen auf seinem Territorium: Preußen, Russen und die habsburgisch-österreichische Monarchie hinterließen ihre (geistigen) Spuren ebenso wie die sowjetische Besatzung und der landeseigene Kommunismus. Alle osteuropäischen Beitrittsländer standen zwischen 40 und 50 Jahren unter dem Einfluss totalitärer, atheistischer Regime.

2. Kirchen im Kommunismus

Kirchen waren in der Ära des Kommunismus stigmatisiert und politisch unterdrückt. Es kam zu Enteignungen, Liquidierungen des Klerus, Absetzungen, Unterwanderung und zum Versuch der politischen Vereinnahmung. Die Verfolgungserfahrung und der staatlich verordnete Atheismus wirken in den Christen nach. Die Kirchen haben in den Jahrzehnten der Halblegalität ungewöhnliche politische Resistenzkräfte ausgebildet. Die Menschen erwarteten von den Pfarrern nicht nur Seelsorge, sondern die Wahrnehmung gesellschaftlicher Aufgaben.

Über weite Strecken waren die osteuropäischen Kirchen von der theologischen Entwicklung in der Welt abgeschnitten. Eine theologische Selbstfindung war nötig, aber schwer. So griff man nicht selten auf bewährtes Gedankengut des 19. Jahrhunderts zurück. Dazu gehört auch eine für westliche Verhältnisse hohe Dosis an Nationalismus. Es ist in Osteuropa nicht ungewöhnlich, die Nation in großzügiger Weise mit der jeweiligen Konfession zu verbinden.

Eine mögliche Typologie der christlichen Welt im Kommunismus wäre:

a) Bekenner, d. h. Christen, die nur widerwillig Kompromisse mit dem kommunistischen Staat eingingen.
b) Kompromissbereite, die versuchten dem Glauben treu zu bleiben und dennoch dem Staat entgegenzukommen.
c) Kollaborateure, die gewissenlos mit den Regimen zusammenarbeiteten.
d) Unentschiedene, die zu lavieren versuchten.
e) Märtyrer, die mit dem Leben bezahlten.

Alle traditionellen Kirchen haben in Osteuropa Probleme mit der kommunistischen Vergangenheit. Sie müssen damit klar kommen, dass es in ihren Reihen Kollaborateure und Verräter gab. Auch das zeitweilige Lavieren und Schweigen gegenüber dem Unrecht müssen diese Kirchen verarbeiten.

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Anmerkungen

1 Vgl. Reinhard Hempelmann, Einführung, in: Panorama der neuen Religiosität, hg. v. R. Hempelmann u.a., Gütersloh 22005, 14ff.
2 Vgl. Paul Zulehner, Auswahlchristen, in: Volkskirche – Gemeindekirche – Parakirche. Theologische Berichte 10, Zürich u.a. 1981, 109-137, hier 118.

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