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Materialdienst 4/2006
Matthias Pöhlmann

"Die NovaTech-Society hat Sie ausgewählt!"

Mysteriöse Briefe eines "Geheimbundes"

Im Zeitalter von Massenbriefsendung, Fax, E-Mail und SMS haben persönliche Briefe inzwischen Seltenheitswert. Die Kommunikationswege sind schneller, kürzer und zum Teil anonymer geworden. Auch im Bereich der Weltanschauungen hinterlässt diese Entwicklung Spuren. So haben Faxe und E-Mails die bekannten per Post versandten Kettenbriefe früherer Jahre abgelöst, in denen dem Empfänger entweder Glück verheißen oder Unglück angedroht wurde. So erstaunt, dass eine neue Variante von Glücksversprechen wieder per Post an den Mann bzw. an die Frau gebracht wird: Ein Brief, persönlich adressiert und im Text mit mehrmaliger namentlicher Anrede des Empfängers versehen, verheißt der angesprochenen Person Erfolg auf der ganzen Linie. Dem verdutzten Adressaten wird auf mehreren Seiten mitgeteilt, er sei von einem Geheimbund auserwählt worden, weil in ihm ungeahnte Fähigkeiten schlummerten. Dies bescheinigt ihm zumindest der Absender, eine geheimnisvolle Vereinigung mit dem Namen NovaTech Society. In einer Fußzeile des Briefes heißt es im Kleingedruckten: „Nova Tech ist eine exklusive Gesellschaft, deren Beitritt nur auf Einladung erfolgt. Mitglieder empfehlen gelegentlich Dienstleistungen, die sie für persönlich wertvoll halten, an andere Mitglieder weiter. Falls Sie keine solchen Empfehlungen erhalten möchten, schreiben Sie bitte an Barbie Diamond, The NovaTech Society.“ Angegeben ist lediglich eine Postfachadresse in den USA sowie eine Faxnummer. Über den Grund, warum gerade der oder die Betreffende Post erhält, heißt es lapidar: Die Mitglieder dieser Vereinigung, die sehr prominent seien, aber anonym bleiben wollten, hätten den Empfänger persönlich ausgewählt. Aber darüber solle Stillschweigen gewahrt werden.

Bei der EZW meldeten sich in den vergangenen Wochen mehrere Empfänger des – wie sich zeigte – in Wahrheit standardisierten Massenbriefes, der sich nur im Blick auf die Adressen und Namen der Empfänger, die mehrfach im Anschreiben eingestreut waren, als „einzigartig“ herausstellte. Natürlich ist man bei Erhalt einer solchen Postsendung aus den USA irritiert und will wissen, was es mit dem persönlichen wie auch geheimnisvollen Brief und der darin genannten Organisation auf sich hat.

Die zugesandten Briefversionen sind jeweils von einer Frau unterschrieben, die sich als Kirsten Hart zu erkennen gibt. Unter ihrem Namen steht ergänzend: „Iniviting Processing, The NovaTech Society“. Auf dem Schreiben findet sich – wie erwähnt – neben einer Faxnummer nur noch eine Postfachadresse in Las Vegas, Nevada, USA.

Das in deutscher Sprache abgefasste Schreiben beginnt mit der persönlichen Anrede des Empfängers und fährt fort: „dies ist ein vertraulicher Brief nur für Sie. Beachten Sie: Dies ist kein Massenversand; der Brief wurde Ihnen als Standardbrief zugestellt, nicht als Postwurfsendung. Dies ist keine Bitte um Geld. Vielmehr bekommen Sie von uns etwas von immensem Wert absolut gratis, ohne jeden Haken. Lesen Sie also jedes Wort ganz genau, weil Sie keinen weiteren Brief von uns erhalten werden. [Persönlicher Name], bewahren Sie bitte Stillschweigen darüber, was ich Ihnen mitteile, denn die Informationen sind vertraulich. Diese Worte sind nur für Sie bestimmt.“ Der nächste Abschnitt des Briefes nennt den Anlass des Briefes: „Seit vielen Jahren gibt es eine exklusive Vereinigung, einen Geheimbund, der bekanntesten und einflussreichsten Menschen der Welt. Zu ihnen gehören berühmte Schauspieler und Musiker, führende Wissenschaftler und Intellektuelle, Unternehmer und Künstler, sogar einige echte Astrologen und Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten.“ Diese Vereinigung nennt sich NovaTech Society. Angeblich hätte sie „einige erschreckend mächtige Geheimnisse“ gelüftet, die sie jedoch nur ihren Mitgliedern mitteile. Dadurch seien diese zu Wohlstand und Erfolg gekommen. Mitglieder dieses Geheimbundes hätten nun das Profil des Empfängers analysiert und seien zu dem Ergebnis gekommen, dass „Sie, [persönlicher Name], einige seltene Eigenschaften besitzen, nach denen NovaTech sucht. Wegen dieser Eigenschaften (...) wurden Sie ausgewählt, um Mitglied der exklusiven Gesellschaft zu werden und ihre Geheimnisse völlig kostenlos zu erfahren! Übrigens: Während Sie dies lesen, sagen Sie sich vielleicht, dass das alles ein Haufen blödes Gerede ist. Aber ich schwöre auf die Bibel, dass alles wahr ist. Denn wissen Sie, alle sieben Jahre wählt die NovaTech Society eine handvoll Personen auf der ganzen Welt aus, die Ihre einzigartigen Eigenschaften besitzen, um an ihren Geheimnissen teilzuhaben – Geheimnissen, die zu enormem Wohlstand, Liebe, Glück und völligem Seelenfrieden führen. In Ihrem Fall müssen Ihre verborgenen Talente phänomenal sein, wenn die Mitglieder Sie ausgewählt haben!“

Daran schließt sich ein persönliches Zeugnis dieser ominösen Frau Hart an. Ihr Erlebnisbericht ist eine einzige überbordende Erfolgsgeschichte: Auch sie sei anfangs „geehrt, aufgeregt, aber auch skeptisch“ gewesen. Doch dann kam das große Glück und alle Zweifel schwanden: ein hoher Gewinn beim Glücksspiel und die plötzlich erlangte Fähigkeit, Gedanken anderer Menschen lesen zu können. Alle Träume wurden Wirklichkeit: beruflicher Erfolg, das persönliche Idealgewicht, ein schönes Äußeres und eine glückliche, erfüllte Partnerschaft – dies alles dank der ihr übermittelten Geheimnisse von NovaTech!

Allzu deutlich gibt sich hier die gängige Struktur üblicher Lockangebote zu erkennen: Der Leser wird zunächst in seiner skeptischen Haltung angesprochen; er soll den Weg vom Zweifelnden zum „Glaubenden“ geführt werden. Schließlich wird am Ende des Briefes massiver Druck ausgeübt. „Sie müssen jetzt handeln, sonst verpassen Sie Ihre Gelegenheit!“ Frau Hart rät dringend, den Brief umgehend zu beantworten oder eine Rückantwort in die USA zu faxen, um eine „reservierte 56-seitige Broschüre“ anzufordern. Sie würde „völlig kostenfrei“ zugeschickt und enthalte angeblich die versprochenen Erfolgs-Geheimnisse.

Das ominöse Schreiben dieser sog. Geheimgesellschaft lässt sich relativ leicht entzaubern. Bei näherem Betrachten offenbart sich weniger ein Geheimnis als vielmehr eine geschickte Vermarktungsstrategie. Beginnt man im Internet zu recherchieren, so stößt man zunächst auf die Internetseite www.novatechsociety.org. Auch hier wird der Eindruck erweckt, es gäbe eine solche Organisation tatsächlich. Auf anderen kritischen, meist englischsprachigen Seiten und in Diskussionsforen wird man jedoch schnell fündig: Es geht bei all dem in Wirklichkeit um die Verbreitung angeblich „aufklärender“ Literatur.

Verbreitet werden sollen die Bücher des US-amerikanischen Chemikers Ward Wallace alias Dr. Frank R. Wallace alias John Flint alias Higgs Field. 1968 stellte Wallace, der auch ein Buch über optimale Pokerstrategien unter dem Titel „Poker: Garantiertes Einkommen für das Leben mit Hilfe fortgeschrittener Poker-Konzepte“ veröffentlicht hatte, Neo-Tech als neues Denkmodell vor. Neo-Tech gilt dabei als Inbegriff und Methode für eine „anti-dogmatische“ Denkweise, „die alle menschlichen Grenzen in Form scheinbar unumstößlicher Fakten und Vorurteile von Politik und Religion, über persönliche Ansichten, bis hin zu philosophischen Dogmen des Todes und des Altruismus hin dekonstruiert und primär durch Infragestellung von negativen Ansichten statt durch Aufstellen neuer Ansichten funktioniert“ (zit. hier und im Folgenden: http://de.wikipedia.org/wiki/Wallace_Ward vom 28.2.2006). Das Konzept weist deutlich antireligiöse Züge auf: So würde der nächste zu erwartende Evolutionsschub jegliche Form mystischen Denkens beseitigen. Neo-Tech huldigt einem säkularen Übermenschentum, das sich jeglicher Bevormundung durch Philosophie und Religion glaubt entledigen zu müssen. Die Neo-Tech Publishing Company, die sich im Besitz der Familie Ward befindet, vertreibt Bücher und Aufsätze von Unterstützern des Neo-Tech. Viele dieser Schriften haben den Charakter von Instruktionen und wollen aufzeigen, wie man mithilfe dieser Methode im Beruf wie im Privaten außerordentliche Erfolge erzielen kann.

Lässt man sich täuschen und reagiert auf das Schreiben, werden die einmal geweckten Hoffnungen mit weiteren Briefen genährt. Entschließt man sich gar zu einer Buchbestellung, so erhält man umgehend weitere Post, etwa von dem Wallace-Mitarbeiter Jeff Hanson. Auch sein Schreiben stellt vielversprechend in Aussicht: „Zukünftige Ereignisse mit absoluter Gewissheit vorhersagen und beeinflussen, um explosionsartigen Reichtum, Macht und romantische Liebe zu erlangen.“ Pokerexperte Wallace weiß wie das geht. Deswegen hat er auch Bücher geschrieben: „Neo-Tech-Entdeckung“ hieß sein erstes. Das neueste trägt den Titel: „Zon Entdeckung“. Mit „Zon“, „die vereinende Kraft des Universums“, sei es möglich, Gedanken zu lesen, Geld und Freunde zu gewinnen, die Kraft des Verstandes „400-fach zu steigern“ und Luxus zu erfahren: „in einer Villa leben, einen Rolls Royce fahren...“ Und natürlich sollte der Interessierte auch diesmal nicht zögern und das Buch „noch heute“ bestellen: „Verpassen Sie diese unglaubliche Chance nicht, die Person zu werden, die Sie eigentlich werden sollen, bevor Sie sterben.“

Fazit: Der erste Brief, der derzeit deutschlandweit an Adressen verschickt wird, verspricht viel. Ernüchterung macht sich spätestens nach dem zweiten Brief breit, denn der kommt schon deutlicher als Buchwerbung oder besser: als aufdringliche Aufforderung zur Buchbestellung daher. Die Briefaktion zielt jedenfalls auf „Wirkung“. Mit überzogenen Versprechungen, zahlreichen Okkultklischees und einem Geheimgesellschaftsgebaren, das an verschiedene Verschwörungsmythen („Illuminati“) unserer Tage anknüpft, gelingt es der NovaTech Society, bei manchem Briefempfänger Aufmerksamkeit zu erzeugen. Der scheinbar persönliche Charakter des Massenbriefes verhindert augenscheinlich, dass er allzu schnell im Papierkorb landet. Einen zusätzlichen Effekt erzielt das Schreiben dadurch, dass jedem Briefempfänger, dessen Adresse offensichtlich wie tausend andere gekauft worden ist, suggeriert wird, etwas Besonderes, ja ein Auserwählter zu sein. Solcherlei verbale Streicheleinheiten verschleiern geschickt das marktstrategische Kalkül. Die vollmundigen Versprechen spiegeln offenbar die Sehnsüchte und Bedürfnisse vieler. In ihnen kommen aber auch unverhüllt „Werte“ einer platten Diesseitsorientierung zum Ausdruck. Verpackt wird das Ganze in esoterische und okkult-magische Klischees. Die bei der EZW eingehenden Anfragen zeigen aber auch, dass manche der Empfänger irritiert, ängstlich und verunsichert werden: Wie kommt die US-amerikanische NovaTech Society in den Besitz meiner Anschrift? Steckt vielleicht mehr dahinter? Werde ich von Unbekannten ausgekundschaftet?

Wie sollte man nun mit diesen Briefen umgehen, falls man sie unaufgefordert erhält? Vom Autor dieser Zeilen kann nur ein Aufbewahrungsort empfohlen werden, der zumindest für das Papierrecycling zukunftsträchtig sein dürfte: der Altpapier-Container.

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