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Materialdienst 4/2006
Reinhard Hempelmann

100 Jahre Azusa-Street-Erweckung

Die Pfingstbewegung blickt in diesen Tagen auf die Anfänge ihrer Geschichte zurück. Vom 25. bis 29. April 2006 findet das „Azusa Street Centennial“ in Los Angeles statt. Anlässlich der Feierlichkeiten zum hundertjährigen Jubiläum sollen sich die „zahlreichen Strömungen der Pfingstbewegung (...) vereinen, sich das reiche Erbe der Bewegung wieder gemeinsam vor Augen (...) halten, die Vielfalt der Bewegung (...) feiern, während gleichzeitig deren Einheit demonstriert wird“. Es gilt, den „dynamischen Fortschritt der ersten 100 Jahre der Bewegung“ wieder ins Gedächtnis zu rufen und „die Antwort der Bewegung auf das von Gott in der Azusa Street gegebene Mandat“ zu überprüfen.

Zahlreiche leitende Personen der weltweiten Pfingstbewegung haben ihre Mitwirkung zugesagt. Das pentekostal-charismatische Christentum wird sich in seinen facettenreichen Ausprägungen zeigen: als klassische Pfingstbewegung, als innerkirchliche charismatische Erneuerung, als konfessionsübergreifende und -unabhängige Gemeindegründungs- und Missionsbewegung, die in Theologie und Frömmigkeit eine große Nähe zur Pfingstbewegung aufweist, jedoch in organisatorischer Distanz zu ihr bleibt.

Das Fest in Los Angeles wird freilich auch deutlich werden lassen: Die verschiedenen pentekostalen Bewegungen sind durch unverkennbare Prozesse der Verkirchlichung und Fragmentierung bestimmt. Die erfahrene Institutionalisierung verstärkt die Sehnsucht nach neuen Erweckungen (revivals) durch den Heiligen Geist. Das Urbild, auf das sich die pentekostale Erweckungssehnsucht bezieht, ist mit einem Ort und einer Adresse verbunden: Los Angeles, Azusa Street 312.  

William J. Seymour (1870-1922) und die Anfänge der Pfingstbewegung

Am 22. Februar 1906 kam der Afroamerikaner und schwarze Heiligungsprediger William J. Seymour nach Los Angeles. Zuerst predigte er in einer Heiligungs-Gemeinde. Er vertrat dort die Lehren seines aus der methodistischen Heiligungsbewegung kommenden Lehrers Charles F. Parham. Dieser hatte das Zungenreden als das „anfängliche Zeichen“ (initial pysical sign oder initial evidence) für das Getauftsein mit dem Heiligen Geist bezeichnet und war zu dieser Erkenntnis aufgrund seiner Beschäftigung mit der Bedeutung der Glossolalie in der Apostelgeschichte gekommen, u.a. aufgrund von Apg 2,4.1 Am 1. Januar 1901 hatte er der 18-jährigen Agnes Ozman die Hände aufgelegt. Nach intensiven Gebetsbitten und begleitet von ekstatischen Bewusstseinszuständen hatte sie danach die ersehnte Taufe im Heiligen Geist erlebt.

Für die Heiligungschristen in Los Angeles waren Praxis und Lehre der Geistestaufe jedoch neu. Sie lehnten sie ab. Seymour wollte bereits nach Houston zurückreisen, als ihm die Möglichkeit eröffnet wurde, zu bleiben. Seit dem 9. April 1906 entwickelten sich seine Heiligungsversammlungen zum Ausgangspunkt einer überaus wirkungsvollen weltweiten Verbreitung pfingstlerischer Frömmigkeit in bald eigenständigen Gemeinden, Gemeindeverbänden, missionarischen Unternehmungen, Glaubenswerken und Bibelschulen. Die über einen Zeitraum von ca. drei Jahren durchgeführten Gebets- und Heilungsversammlungen in einer ausrangierten Methodistenkirche wurden zum Vorbild pfingstlicher Erweckung. In Häufigkeit und Länge der Versammlungen entsprach das, was in der Azusa Street erlebt wurde, den Erweckungsversammlungen von Wales. Die Versammlungen fanden von morgens 10 Uhr bis Mitternacht, zum Teil noch länger statt. In zahlreichen eindrucksvollen Zeugnissen ist das religiöse Ergriffensein beschrieben worden. Das dort erlebte „Pfingsten“ äußerte sich in der ganzen Vielfalt ekstatischen Verhaltens: in unkontrollierten Zuckungen von Kopf, Gesicht und Schultern, im Umfallen, Schreien, Weinen und im Zur-Ruhe-Kommen und Durchströmtwerden von einer wunderbaren Macht. Außergewöhnliche Heilungen und visionär-prophetische Eingebungen begleiteten die Ekstase. Als Höhepunkt wurde die Zungenrede erlebt, die bald als Fremdsprache (Xenoglossie) gedeutet wird. Die jeweiligen Auslegungsworte unterstrichen vor allem das gesteigerte endzeitliche Selbstverständnis der entstehenden Pfingstbewegung. „Fast jeder, der anfängt, in Zungen zu reden, sagt zuerst: ‚Jesus kommt bald! Macht euch bereit!’“2 Noch im April 1906 kam das „Feuer Gottes“ zu vielen anderen Gemeinden.

Die Faszination ekstatischer Erfahrungen

Während Seymour die zentrale Figur der dreieinhalbjährigen Erweckungsversammlungen war, kam Frank Bartlman (1871-1935) eine Schlüsselrolle für die schnelle und wirkungsvolle Ausbreitung der Pfingstbewegung zu. In einem Vorwort zu Bartlmans Buch „Feuer fällt in Los Angeles“ („How Pentecost came to Los Angeles“, erstmals 1925 erschienen, dt. 1983) schrieb der international bekannte Pfingsttheologe Vinson Synan: „Bis zu jenem Zeitpunkt war Bartlmans ganzes Leben praktisch eine Vorbereitung auf die Rolle gewesen, die er als Berichterstatter über die Ereignisse in der Azusa-Straße erfüllen sollte. Es ist anzunehmen, dass sich die Pfingstbewegung ohne seine Berichterstattung nicht so schnell und auch nicht so weit ausgebreitet hätte. Als Journalist ‚informierte‘ er nicht nur die Welt über die Pfingstbewegung, sondern trug auch in großem Maße dazu bei, daß sie sich ‚formierte‘.“3

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Anmerkungen

1 Klaude Kendrick bemerkt dazu, dass das Ergebnis der Bibelstudien zum Thema Zungenrede die „einmütige Schlussfolgerung [war], dass das Zungenreden der biblische Beweis für die Taufe des Heiligen Geistes sei“. Vgl., ders., Vereinigte Staaten von Amerika, in: Walter J. Hollenweger (Hg.), Die Pfingstkirchen, Stuttgart 1971, 29.
2 Belege bei Paul Fleisch, Die Pfingstbewegung in Deutschland, Hannover 1957, 9ff, hier 15.
3 Vinson Synan, Frank Bartlman und sein Verhältnis zur Azusa-Straße, in: Frank Bartlman, Feuer fällt in Los Angeles, Hamburg 1983, 7-24, hier 10.

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