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Materialdienst 8/2006
Martin Eichhorn

Alewitische Religion in Deutschland

Ein großer Teil der in Deutschland lebenden türkischen Muslime sind anatolische Alewiten. Ihre Religion repräsentiert eine spezifisch türkische Inkulturationsform des Islam, die seit dem späten Mittelalter als eigenständige Bewegung neben dem schiitischen Islam erkennbar ist. Das breite Spektrum des Alewitentums umfasst verschiedene ethnische Gemeinschaften von Türken, Kurden, Arabern und Albanern. Aus ihrer Opposition zum sunnitischen Islam heraus wurden sie in der Vergangenheit häufig verfolgt und präsentieren sich heute als weltanschaulich offen und tolerant. Die Frühjahrsumfrage 2004 des Zentralinstituts Islam-Archiv-Deutschland weist 410.000 bei uns lebende Alewiten aus. Sie stammen zumeist aus der Türkei und sind in Deutschland unter den Migranten prozentual stärker vertreten als in ihrer Heimat, wo sie nach Schätzungen bis zu 20 Prozent der Bevölkerung stellen. Die türkische Regierung veröffentlicht hierzu keine Zahlen, da die Alewiten nach offizieller Lesart zum sunnitischen Bevölkerungsteil gerechnet werden. Die Identität der bei uns lebenden Alewiten hat sich in wechselseitigen Einflüssen aus dem deutschen und türkischen Kontext gebildet. Die historischen Wurzel in der Türkei bleiben für das Verständnis grundlegend.

Geschichte

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Alewitentum von amerikanischen Missionaren wahrgenommen und kam so erstmals in den Gesichtskreis der westlichen Welt und ihrer Forschung. Den historischen Kern der alewitischen Gemeinschaften bilden nomadisierende seldschukisch-turkmenische Verbände, die im Hochmittelalter nach Anatolien einwanderten. In religiöser Hinsicht wurden auf Grundlage ihres zentralasiatischen Schamanismus Einflüsse missionarischer Religionen wie Buddhismus, Manichäismus und Islam wirksam. Seit Anfang des 16. Jahrhunderts wurde auch der Ali-Kult ausgehend vom iranischen Safawidenreich Schah Ismails I. in diese älteren Strukturen integriert. Die Bezeichnung „Alewit“ meint „zur Partei Alis gehörig“ und verweist auf einen schiitischen Kontext. Allerdings sind für ein historisches Verständnis der alewitischen Religion ihre Wurzeln im zentralasiatisch-anatolischen Synkretismus entscheidend.1 Auf dieser Basis wurden Elemente schiitischen Islams inkorporiert, womit das Alewitentum als spezifische Form anatolischen Islams angesprochen werden kann. Eine derartige religionshistorische Einschätzung ist von möglichen Selbstverständnissen gegenwärtiger Alewiten zu unterscheiden. Starke Einflüsse sufistischer Mystik auf die alewitische Religion zeigen sich besonders in der Schriftauslegung, die auf den allegorischen, inneren Sinn zielt und in Opposition zur orthodox-sunnitischen Konzentration auf den wörtlichen Schriftsinn steht. Diese hermeneutischen Differenzen stehen sinnbildlich für das spannungsvolle Verhältnis der alewitischen Gruppierungen zur sunnitischen Orthodoxie als Staatsreligion der türkischen Mehrheitsgesellschaft. Die in den 60er Jahren einsetzende Landflucht und Erwerbsemigration brachte die Auflösung älterer Institutionen zur Weitergabe alewitischer Religion. Die weltanschauliche Identität vieler Alewiten formte sich nun hauptsächlich im Kontext politischer Organisationen, wobei die Mehrheit in den 70er Jahren dem linken Spektrum zuneigte. Seit 1980 versuchte die türkische Regierung mit einer Synthese aus Islam und türkischem Nationalismus dem drohenden Zerfall staatlicher Einheit durch kommunistische Alewiten und separatistische Kurden entgegenzuwirken. Das religiös konnotierte neue Leitbild zwang die Alewiten zu einer Positionierung, wobei eigene Traditionen und deren Geschichte als Teil von gegenwärtiger Identität zu bedenken waren. Dieser Prozess wurde beschleunigt, als im Sommer 1993 radikale Anhänger der islamischen Wohlfahrtspartei in der türkischen Stadt Sivas einen Brandanschlag auf eine alewitische Kulturveranstaltung verübten, bei der fast 40 Menschen den Tod fanden.

Selbstverständnisse

Das gegenwärtige Alewitentum präsentiert sich dem Betrachter als eine „gigantische Baustelle“2, auf der unterschiedlichste Deutungen miteinander konkurrieren. Glaubensinhalte werden insbesondere nach dem Traditionsabbruch der 60er Jahre dem jeweiligen Verstehenskontext des Interpreten eingegliedert und entsprechend ausgedeutet. Das Alewitentum wird heute in mehreren Varianten als säkulare Weltanschauung, als Teil des Islam oder als eigenständige Religion interpretiert. Die historischen Wurzeln dieser Selbstverständnisse liegen im türkischen Kontext und leben in Deutschland fort, wo sie sich mit den Generationen weiterentwickeln. Als säkulare Weltanschauung wird das Alewitentum seit den 50er Jahre propagiert. Teile der jungen Generation hofften damals, auf Grundlage universal ausgerichteter neuzeitlicher Weltbilder ihren Minderheitenstatus hinter sich lassen zu können. In der Gestaltung einer modernen türkischen Gesellschaft sollten ältere ethnische und religiöse Schranken überwunden werden. In einem Klima der Politisierung junger Menschen bildete sich Identität anhand der Zugehörigkeit zu linken politischen Gruppierungen und ihren säkularen Ideologien, wobei man in aufgeklärter Tradition skeptisch gegenüber jeglicher Religiosität war. Das Alewitentum wurde aus soziologischer Perspektive als marginalisierte gesellschaftliche Gruppe gedeutet, der die sozialistische Ideologie den Weg zur Befreiung wies. Seit Mitte der 80er Jahre akzentuiert man die sozialistische Tradition neu: weg vom Klassenkampf hin zu einer humanistisch orientierten Lebensphilosophie auf dem Boden alewitischer Kultur.

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Anmerkungen

1 Ahmet Yasar Ocak, Vom Babailer Aufstand zum Kizilbaschtum: Kurzer historischer Abriß über Entstehung und Entwicklung der „islamischen Heterodoxie“ in Anatolien, in: Ismail Engin, Erhard Franz (Hg.), Aleviler / Alewiten, Bd. 1, Hamburg 2000, 234.
2 Karin Vorhoff, Alewitische Identität in der Türkei heute, in: Dies., Zwischen Glaube, Nation und neuer Gemeinschaft. Alevitische Identität in der Türkei der Gegenwart, Berlin 1995, 60.

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