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Materialdienst 8/2006
Johannes Kandel

Die Ahmadiyya Muslim Jama’at

Entstehung

Die Ahmadiyya Muslim Jama’at (Ahmadiyya-Muslim-Gemeinschaft) ist eine muslimische Sondergruppe („Sekte“) aus dem nordindischen Raum. Hier sammelte der aus dem Dorf Qadian (Provinz Pandschab) stammende Mirza Ghulam Ahmad (1835-1908) eine immer größer werdende Anhängerschar, die ihm am 4. März 1889 den Treueid („bay’a“) leistete. Ahmad nahm für sich in Anspruch, ein von Gott erwählter „Prophet“ zu sein, das „geistige Ebenbild des Heiligen Propheten“ Mohammed.1 Er behauptete, in ihm verkörperten sich die erwarteten Heilsbringer aller Religionen, d.h. der als Messias verheißene Jesus (Isa), der Hindu-Gott (Vishnu-Avatar) Krishna sowie der zoroastrische Mesio Darbahmi (Ahura Mazda, Mazdak). Er sei auch als der von Muslimen erwartete „Mahdi“ (der „Rechtgeleitete“) gekommen, um die Menschheit vor dem Jüngsten Gericht zum wahren Islam zu bekehren.2 Seine Anhänger („Ahmadis“) verstanden ihre Gemeinschaft als „islamische Reformgemeinde“ bzw. messianische Erneuerungsbewegung des Islam. Nach Ahmads Tod 1908 wurde Maulawi Nur ad-Din zu seinem Nachfolger („Kalif“) gewählt. Das Kalifat gilt den Ahmadis als die „zweite Manifestation“ Allahs. Er habe den Ahmadi-Muslims das Kalifat zugesprochen, das bis zum Ende der Zeiten dauern wird. Der „Khalifatul Masih“ (der Nachfolger Ahmads) ist das geistliche Oberhaupt der Ahmadiyya. Seit dem 22. April 2003 amtiert als fünfter Kalif der 1950 in Rabwah geborene Hazrat Mirza Masroor Ahmad, ein Urenkel des „Verheißenen Propheten“ Mirza Ghulam Ahmad.3

Ein Streit über die Bedeutung Mirza Ghulam Ahmads („Prophet“ oder nur „Reformer“?) führte 1914 zur Spaltung der Bewegung in „Lahore“- und „Quadiani“-Ahmadis. Während die Lahore-Ahmadis, die Ahmad nur als Reformer gelten ließen, eine eher randständige Gruppe blieben, wuchs die Gruppe der Qadiani, die Ahmad als „Propheten“ verehrten, stark an. Sunniten und Schiiten hatten die „Reformgemeinde“ schon kurz nach ihrer Gründung als „häretisch“ verworfen und bekämpft. Im 1947 gegründeten Pakistan wurden die Ahmadis trotz der durch die Verfassung gewährten Religionsfreiheit von fundamentalistischen und islamistischen Gruppen („Majlis-e-Ahrat-e-Islam“ und „Jama’at-i-Islami“) bedroht und blutig verfolgt. Die in den siebziger Jahren stark zunehmende Islamisierung von Staat und Gesellschaft verschlechterte die Lage der Ahmadiyya dramatisch. Unter dem Druck islamistischer Rechtsgelehrter beschloss das pakistanische Parlament am 6. September 1974 eine Verfassungsänderung, welche die Ahmadis ihrer muslimischen Identität beraubte. Sie wurden zur „nicht-muslimischen Minderheit“ erklärt und weiteren Repressionen preisgegeben. In demselben Jahr verdammte die Islamische Weltliga („Rabita al-Alam al-Islami“) die Ahmadiyya als „subversive Bewegung gegen den Islam und die muslimische Welt“. Sie deklarierte die Ahmadis zu „Nicht-Muslimen“ und stieß sie aus der Familie des Islam aus.4 In Pakistan wurde den Ahmadis per Dekret (Martial Law Ordinance vom 26. April 1984) untersagt, sich als Muslime zu bezeichnen, ihren Glauben öffentlich zu bekennen, ihre Gebetsstätten Moscheen zu nennen und in anderen Moscheen zu beten. Zuwiderhandlungen wurden strafrechtlich hart verfolgt, wobei auch die rigiden Bestimmungen über Blasphemie Anwendung fanden.5 Das Oberhaupt der Qadianis („Kalif des verheißenen Messias“) emigrierte daraufhin nach England. In London befindet sich bis heute das Hauptquartier der Ahmadiyya. Nach eigenen Angaben zählt die Ahmadiyya zur Zeit rd. 200 Millionen Anhänger in über 178 Ländern mit Schwerpunkten in Pakistan, Indien, Westafrika, Indonesien, aber auch wachsenden Gemeinden in Europa und den USA. 

Die Ahmadiyya in Deutschland

Ein Missionar der Lahore-Ahmadis kam schon 1922 nach Deutschland. 1924 bis 1927 bauten sie in Berlin-Wilmersdorf eine Moschee, die 1928 eröffnet wurde. Sie wird bis heute vom Lahore-Zweig betrieben. Von 1924 bis 1940 gaben sie die Zeitschrift „Moslemische Revue“ heraus und legten 1939 „die erste von einem Muslim vorgenommene deutsche Übersetzung des Koran vor“.6

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Anmerkungen

1 So der Zweite Kalif der Ahmadiyya Hazrat Mirza Bashir du-Din Mahmud Ahmad in der Einleitung zur ersten deutschen Koranübersetzung der Ahmadiyya 1954. Zit. nach der 6. überarb. Aufl. 1996, 150.
2 Wolfgang Rödl, Ahmadiyya, in: Lexikon neureligiöser Gruppen, Szenen und Weltanschauungen, Freiburg / Basel / Wien ²2005, 32f. W. Madelung, al-Mahdi, in: Encyclopedia of Islam (EI²), Bd. V, 1230bff.
3 Zur frühen Geschichte und Entwicklung vgl. v.a. Wilfred Cantell Smith, Ahmadiyya, in: EI², Bd.I, 301aff. Munir D. Ahmed, Ahmadiyya: Geschichte und Lehre, in: Annemarie Schimmel u.a., Der Islam Bd. III, Stuttgart / Berlin / Köln 1990, 415ff.
4 Die Erklärung im (englischen) Wortlaut nebst zahlreichen weiteren „Fatwas“ gegen die Ahmadiyya ist auf der Webseite der amerikanisch-islamischen Organisation Idara Dawat-o-Irshad unter
http://www.irshad.org zu finden. Die Verfolgungen werden dokumentiert auf der Webseite http://www.thepersecution.org/index.html.
5 Einzelheiten bei Yohanan Friedman, Prophecy Continuous. Aspects of Ahmadi religious thought and it’s medieval background, Berkeley and Los Angeles 1989, 45ff, 192ff. Antonio R. Gualtieri, Conscience and coercion: Ahmadi Muslims and orthodoxy in Pakistan, Montreal 1989. Amjad Mahmood Khan, Persecution of the Ahmadiyya Community in Pakistan: An Analysis Under International Law and International Relations (
www.law.harvard/edu/students/orgs/hrj/iss/6khan.pdf).
6 Thomas Lemmen, Muslime in Deutschland. Eine Herausforderung für Kirche und Gesellschaft, Baden-Baden 1999, 2001 und 51.

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