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Materialdienst 8/2006
Gesellschaft

Neue Umfrage bestätigt Einsichten der EKD-Perspektivkommission

Die „Identity Foundation“ ist eine gemeinnützige Stiftung, die 1998 von dem Leiterehepaar einer Düsseldorfer Kommunikationsagentur ins Leben gerufen wurde. Seit ihrer Gründung hat die Stiftung einige Studien und Projekte umgesetzt, die aktuelle Identitätsprozesse in Deutschland und Europa auf gesellschaftlicher Ebene beleuchtet sowie Entwicklungen in den Gebieten Wirtschaft, Management und Politik aufgezeigt haben. Im April 2006 hat sie nun die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung über „Spiritualität und Religiosität in Deutschland“ vorgelegt. In Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Hohenheim wurden auf einer repräsentativen Basis von eintausend Interviews untersucht, welche Bedeutung der Religion und Spiritualität gegenwärtig in Deutschland zugemessen wird. Dabei traten einige Ergebnisse zutage, die sich auf überraschende Weise mit den Einsichten der EKD-Perspektivkommission decken, obwohl beide Projekte völlig unabhängig voneinander durchgeführt wurden.

Fast zwei Drittel der Deutschen lassen sich demnach von religiösen und spirituellen Fragen ansprechen, als wirklich atheistisch bezeichnen sich nur gut 20 Prozent. Allerdings wird das Thema Religion sehr kontrovers diskutiert, was verschiedene gegensätzliche Standpunkte dokumentieren:

• Einerseits meint eine deutliche Mehrheit von fast 57 Prozent der Deutschen, dass eine religiöse Erziehung der Kinder für deren Entwicklung ausgesprochen förderlich ist und dass man mit Kindern ein „Gute-Nacht-Gebet“ einüben sollte. Auf der anderen Seite interessiert sich fast jeder zweite Deutsche für esoterische Fragen.

• Die Sinnsuche beschäftigt immer mehr Menschen. Schon ungefähr 15 Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind aktiv auf der Suche nach ihrer inneren Mitte. Damit zählen mehr als sechs Millionen Deutsche zur Gruppe „spiritueller Sinnsucher“, die besonders aus christlicher und anderer Mystik und Esoterik schöpfen, aber sich auch humanistischer Ansätze bedienen. Andererseits wurde die größte Gruppe mit 40 Prozent als „unbekümmerte Alltagspragmatiker“ beschrieben, die fast nur an ihrer eigenen Zufriedenheit und der wirtschaftlichen Lage interessiert sind.

• Die „Identity Foundation“ bezeichnet 10 Prozent der Deutschen als „Traditionschristen“, die sich eng mit einer Kirche und deren Lehren verbunden fühlen, während sie 35 Prozent den „religiös Kreativen“ zurechnet. Diese Gruppe sei nur noch locker mit dem christlichen Glauben verbunden und wenig konfessionell festgelegt. Der Glaube werde mit Hilfe zusätzlicher Erkenntnisse aus anderen Philosophien und/oder Religionen angereichert.

• Eine spirituelle Praxis ist für 30 Prozent wichtiger Bestandteil des Alltags, variiert in der konkreten Umsetzung jedoch sehr nach Altersgruppen. Während die jüngere Generation neuen spirituellen Strömungen gegenüber besonders aufgeschlossen ist und beispielsweise bereits jeder Zehnte meditiert (20- bis 29-Jährige) oder Yoga macht (40- bis 49-Jährige), ist für die ältere Generation das Gebet oder der Kirchenbesuch wichtiger.

Kaum überraschend ist der Befund, dass die große Mehrheit der Deutschen die wissenschaftliche Weltdeutung nicht befriedigt. Vielmehr glaubt jeder zweite, dass der Kosmos von einer geistigen Macht zusammengehalten wird und es nicht schaden kann, auf Holz zu klopfen oder einen Talisman bei sich zu tragen. 7,6 Prozent der Deutschen wünschen sich gar ein mystisches oder übersinnliches Erlebnis. Insgesamt unterstreichen die Untersuchungsergebnisse das Bedürfnis und die Sehnsucht nach persönlicher religiöser Erfahrung.
 
Ohne die Ergebnisse der referierten Studie kennen zu können – sie wurden erst später veröffentlicht, hat eine EKD-Perspektivkommission unter dem Titel „Kirche der Freiheit“ Vorschläge zur Neugestaltung der Kirche vorgelegt (vgl. http://www.ekd.de/download/kirche-der-freiheit.pdf). Eindeutig fordert die Kommission die Kirche zu einschneidenden Veränderungen auf – es soll keinesfalls alles so bleiben wie es ist. Auch sollen nicht alle Aktivitäten gleichmäßig abgebaut werden – eine inhaltliche Neuausrichtung wird gefordert. Ein Kommentar im Berliner „Tagesspiegel“ appellierte kürzlich sogar an die politischen Entscheidungsträger, den radikalen Reformkurs der EKD zum Vorbild zu nehmen (6. Juli, 10). Im Gegensatz zur Regierung habe die evangelische Kirche nämlich „eine Vision, wo es hingehen soll – und sie hat den Mut dafür zu streiten: zurück zum Eigentlichen, zur Verkündigung des Evangeliums“.

Das Impulspapier ist durchdrungen von dem Willen, wieder klarer, kräftiger und hörbarer zum christlichen Glauben einzuladen. Dazu nehmen die Autoren interessanterweise besonders die Diakonie in den Blick: „Diakonisches Handeln muss stärker als bisher mit katechetischen Elementen verbunden werden, damit deutlich wird, wessen Geistes Kind es ist“. Und für das Jahr 2030 wird als Ziel formuliert, dass alle diakonischen Einrichtungen und Dienste in einer definierten Partnerschaft zu den Kirchengemeinden ihrer Region stehen sollen. Regelmäßige Fortbildungen sollen die Mitarbeitenden in Fragen des christlichen Zeugnisses schulen, und sofern nichtchristliche Mitarbeiter beschäftigt sind, sollen diese für eine bewusste Zuwendung zum Glauben geworben werden.

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Michael Utsch

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