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Materialdienst 5/2006
Ulrich Dehn

Islam im Kontext der Fundamentalismusdebatte

Auch wenn nach wie vor trotz zahlreicher Untersuchungen und Beobachtungen wenig Einblick in den tatsächlichen Einfluss islamistischen Denkens und Handelns möglich ist, bleibt Islamismus eine Herausforderung in Deutschland, aber insbesondere in zahlreichen krisenhaften Regionen der Welt. Wenig hilfreich ist in der Diskussion über diese Phänomene und ihre Hintergründe die begriffliche Fahrlässigkeit und die inflationäre Benutzung des Wortes Fundamentalismus. Das Stichwort ist in diesem Zusammenhang deshalb irritierend, weil sein Bedeutungsfeld auch konservative Positionierungen in einem legitimen Rahmen des öffentlich Zulässigen (wie etwa den Bezug auf Quellen und Ursprünge) beinhaltet, fernab von Terrorismus und anderen rechtsstaatsfeindlichen Umtrieben. Viele andere geistesgeschichtliche Facetten sind ebenfalls in diesem Stichwort enthalten, seitdem die Debatte durch Wilhelm Heitmeyer, Thomas Meyer, Martin Riesebrodt und andere intensiviert wurde. In der wissenschaftlichen Diskussion über Fundamentalismus ist eine große Palette von engen, auf ein bestimmtes religiöses Umfeld bezogenen Definitionen über moralischen bzw. Wertefundamentalismus bis hin zur allgemeinen Mentalitätsbeschreibung zu beobachten. Der Begriff selbst stammt aus dem Umfeld christlicher Gruppen in den USA. In den Jahren 1910 bis 1915 erschien, finanziert von den beiden texanischen Ölmilliardären Lyman und Milton Stewart, eine Heftreihe mit dem Titel „The Fundamentals – A Testimony to the Truth“. Mit diesen Veröffentlichungen protestierten konservative Theologen gegen liberale Tendenzen der damaligen Theologie in den USA, nachdem sich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts Widerstand gegen die modernen Wissenschaften und gegen die Darwinsche Evolutionstheorie geregt hatte. Den Begriff „Fudamentalismus“ prägte Curtis Lee Laws (1858-1946) 1920 in der Zeitschrift „Watchman Examiner“. Er bezeichnete damit eine Gruppe innerhalb der Northern Baptists, die an der Irrtumslosigkeit der Bibel festhielten. Die Bewegung der „Fundamentals“ bezog sich insbesondere auf folgende fünf Programmpunkte: die auf Verbalinspiration beruhende absolute Irrtumslosigkeit und Unfehlbarkeit der Bibel, Jesu Jungfrauengeburt, stellvertretendes Sühneopfer Jesu Christi, die leibliche Auferstehung und die leibliche Wiederkunft Christi. Es folgte 1919 die Gründung der „World’s Christian Fundamentals Association“ auf der Basis dieser fünf Punkte.1 Hier sind die „Fundamentals“ noch eine positiv besetzte Selbstbezeichnung, und die betreffende Bewegung verstand sich selbst als ökumenisch offen und nicht separatistisch.
 
Diese positiven Besetzungen sind abgelöst worden durch die Benutzung als  polemische Fremdbezeichnung, seitdem Fundamentalismus so weitgehend mit islamischem Radikalismus assoziiert wurde, dass bei Bevölkerungsumfragen zu diesem Stichwort zumeist erstrangig Islam (in toto) in den Sinn kommt. Es wäre wissenschaftlich sinnvoll, redlicherweise auf den Begriff des Fundamentalismus zu verzichten, da er nur noch entweder falsch oder als umfassende Chiffre für Inhalte, die mit „Fundamenten“ oder „Wesenhaftigkeit“ nichts oder wenig zu tun haben, verwendet wird. Sinnvoller wäre es, Gruppen oder Strömungen mit jeweils konkreten Attributen zu benennen wie rückständig/atavistisch, antisemitisch, (in diesem oder jenem Sinne) menschenrechtsfeindlich. Die Umständlichkeit eines solchen Verfahrens, zumal dann wenn eine Gruppierung mit mehreren Attributen charakterisiert werden müsste, lässt doch unter Vorbehalten zum Containerbegriff Fundamentalismus zurückkehren, auch wenn unten entwickelt werden wird, mit welcher inhaltlichen Differenzierung und Befrachtung ich dies tun möchte.

Um ins Bewusstsein zu rufen, welche Bedeutungsvarianten inzwischen eine Rolle spielen, sollen zunächst die wichtigsten Aspekte aus der Diskussion der letzten ca. 20 Jahre benannt werden.

Fundamentalismus-Definitionen

1. Eine weit verbreitete Definition ist die des erneuten Rückbezugs auf die Fundamente. Mit Fundamenten sind einerseits die religiösen Schriftgrundlagen gemeint, die als verbalinspiriert betrachtet werden und nicht historisch-kritisch untersucht werden sollen. Ein berühmtes Beispiel dafür ist die Chicago-Erklärung von 19782. Das Alte Testament wird anhand einer heilsgeschichtlichen Auslegung als vom Neuen Testament überboten betrachtet. Zum anderen beruft man sich auf einen mutmaßlich reinen und gottgewollten Urzustand zur Stifterzeit, d.h. auf die Urgemeinde in Jerusalem nach den Berichten der Apostelgeschichte, oder für den Islam auf die frühe medinensische Umma um Muhammad anhand des „Vertrags von Medina“3, ein Leben, wie die ersten Jerusalemer Christen oder wie der Prophet es mutmaßlich gelebt haben, allgemein eine Rückkehr zum Reinen und Unverdorbenen. Hier allerdings bewegt man sich im Reich der Projektionen, denn über diesen Urzustand haben wir nur Quellen, die ihrerseits eher Idealentwürfe aufgrund einer wahrscheinlich defizitären Wirklichkeit darstellen als Zustandsbeschreibungen. Zumal auch zahlreiche Reformbewegungen mit fortschrittlichem Anliegen mit der Parole „Zurück zu den Wurzeln“ angetreten sind und ihre Traditionen von korrumpierenden Einflüssen freilegen wollten, ist dies daraufhin zu präzisieren, dass die Art der Projektion und ihre jeweils gezielte Instrumentalisierung im (insbesondere) intrareligiösen Kontext darüber entscheidet, ob ein fundamentalistisches Projekt vorliegt.

Im Christentum gab und gibt es „perfektionistische“ Gruppen und Lebensgemeinschaften, die eine „ursprüngliche“ Lebensform des Christentums leben wollen, so die Amischen Mennoniten, die versuchen, den Lebensstil ihrer Gründerzeit (Ende des 17. Jahrhunderts) beizubehalten, die (am Ende des 19. Jahrhunderts untergegangene) Oneida Community etc. Die christlich-fundamentalistischen Bewegungen in den USA wie auch in anderen Ländern wenden sich in der Regel gegen Feminismus mitunter bis zur Opposition gegen die Ordination von Frauen und beziehen sich auf sexualmoralische Themen: gegen die Anerkennung von Homosexualität und gegen Abtreibung, gegen Ehebruch und Prostitution. Ferner werden Alkoholkonsum, Wettspiel und Diskotheken bis hin zu Kinos kritisiert. Mitunter findet sich bei diesen Bewegungen eine große Sympathie mit dem Staat Israel gekoppelt mit gleichzeitiger Ablehnung der Palästinenser sowie die Befürwortung von offensiv evangelistischer Aktivität gegenüber den Juden.

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Anmerkungen

1 Vgl. Reiner Preul, So wahr mir Gott helfe! Religion in der modernen Gesellschaft, Darmstadt 2003, 88f.
2 Vgl. Reinhard Hempelmann (Hg.), Handbuch der evangelistisch-missionarischen Werke, Einrichtungen und Gemeinden, Stuttgart 1997, 370-373.
3 Vgl. Ibn Ishaq, Das Leben des Propheten, aus dem Arabischen übertragen und bearbeitet von Gernot Rotter, Kandern 1999 (Erstausgabe 1976).

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