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Materialdienst 7/2006
Reinhard Hempelmann

Wahrnehmung und Wirklichkeit des Bösen

Die neuzeitliche Diskussion über den Menschen, sein Gut- oder Bösesein, ist durch eine Reihe unterschiedlicher, teilweise gegensätzlicher Tendenzen geprägt. In der modernen Literatur, Kunst und Philosophie findet man beides, das intensive Aufspüren und Wahrnehmen des Bösen wie auch seine Bestreitung. Die Wahrnehmung des Bösen ist zugleich eine Art Glaubwürdigkeitstest für Weltanschauungen und Religionen. Ein Glaube, der blind ist im Blick auf das Phänomen des Bösen, besitzt keine Überzeugungskraft, ein auf dieses Phänomen fixierter Glaube hat kein Potential zur Weltgestaltung.

Wahrgenommenes und verleugnetes Böse

In einem 1997 erschienenen Sammelband zur Thematik „Faszination des Bösen“ wird darauf hingewiesen, dass die „Eliminierung des Bösen aus dem Diskurs der Aufklärung“ offensichtlich gescheitert sei. „Die romantische These, daß der Mensch an sich gut sei und nur die Umstände ihn verdürben, ist kaum noch aufrechtzuerhalten. Das 20. Jahrhundert, das viele als das eigentliche Zeitalter der Barbarei betrachten, hat nahezu jede Form der Inhumanität bis hin zur industriellen Menschenvernichtung auf die Spitze getrieben, die es offensichtlich notwendig macht, sich dem Bösen nicht nur ästhetisch, sondern auch wieder philosophisch zu nähern. Dies hat sicher auch mit den unmittelbaren Erfahrungen der letzten Jahre zu tun, die den Glauben an das Gute im Menschen und an die Möglichkeiten der Verbesserung der weniger guten Menschen durch Erziehung, (Re)sozialisierung und Therapie ins Wanken brachten.“1 Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass die Frage des Bösen auch in einer säkular geprägten Kultur die Menschen beschäftigt und intensiv umtreibt. Rüdiger Safranski geht es in seinem Buch „Das Böse“ (München 1997)2 u.a. darum, „den Reichtum der Beschreibung wiederherzustellen gegenüber den menschlichen Tatsachen. Die Begriffe, mit denen die Wissenschaft arbeitet, erscheinen mir notorisch harmloser als die Wirklichkeit.“ Die Rückkehr zum „Reichtum der Beschreibung“ ist eine Perspektive, auf die die folgenden Überlegungen ausgerichtet sind. Dabei geht es auch darum, die sprachliche Vielfalt der biblischen und christlichen Tradition zur Kenntnis zu nehmen und verstehen zu lernen.
 
In aufklärungsoptimistisch orientierten Weltdeutungskonzepten hat das Böse keinen Platz. Es wird wegerklärt, als nicht zu umgehende Reibungserscheinung der Evolution des Menschen gesehen, auf genetische Veranlagung zurückgeführt oder als Folge gesellschaftlicher Zwänge interpretiert. Das Böse wird mit vermeintlich rationalen Argumenten durchschaut. Es wird zum „sogenannten Bösen“ (vgl. Konrad Lorenz). Die Tiefenpsychologie verweist auf die Triebstörung, die Verhaltensbiologie auf die fehlgeleitete menschliche Aggressivität, die moderne Hirnforschung auf physiologische Anomalien, die moderne Esoterik auf die Disharmonie des menschlichen Geistes bzw. auf ein falsches polares Bewusstsein. Bis vor wenigen Jahren waren marxistische Theoriebildungen aktuell. Sie meinten das Phänomen des Bösen aus der kapitalistischen Ökonomie erklären zu können.

Das Böse und die Sünde

In der christlichen Religion stehen der Begriff des Bösen und der der Sünde in einem engen Zusammenhang miteinander und sind doch voneinander zu unterscheiden. Während die Erfahrung und Wahrnehmung des Bösen in der Moderne starkes Gewicht bekommen hat, ist im Blick auf den Sündenbegriff in der Neuzeit von einer „Verfallsgeschichte“ (Wolfhart Pannenberg) gesprochen worden. Gerhard Ebeling beschreibt diese Widersprüchlichkeit in seiner Dogmatik wie folgt: „An Erfahrung des Bösen ist durchaus kein Mangel. Man denke an die beiden Weltkriege, an die nicht abreißenden Kämpfe zwischen und nach ihnen, an Religionsverfolgung, Rassenhaß, an grauenhafte Judenausrottung im Dritten Reich sowie an Konzentrationslager und Terrorakte aller Art. Wenn man dies alles nach theologischem Verständnis unter den Begriff Sündenfolgen subsumieren darf, dann erhalten wir davon laufend einen einzigartigen Anschauungsunterricht. Daß dieser Flut der Erfahrung des Bösen eine fast völlige Ebbe der Sündenerfahrung korrespondiert, gibt zu denken.“3

Ebelings diagnostische Anmerkungen spiegeln den säkularen Kontext, in dem die religiöse Sprache ihre Selbstverständlichkeit verliert. In der dogmatischen und katechetischen Tradition der Kirche wird das Böse vor allem im Zusammenhang der Sündenthematik wahrgenommen. Dies geschieht im Horizont des trinitarischen Glaubensbekenntnisses und des in der Heiligen Schrift bezeugten Glaubens an Gott den Schöpfer, Versöhner und Vollender der Welt.

• Im Zusammenhang des Schöpfungsglaubens stellt sich die Frage nach der Herkunft des Bösen in der guten Schöpfung Gottes. Diese Frage wird seit Gottfried Wilhelm Leibniz als Theodizeefrage bezeichnet und thematisiert.

• Im zweiten Glaubensartikel wird die Frage nach dem Bösen in den Zusammenhang des Erlösungswerkes Jesu Christi gestellt. Das Neue Testament bezeugt Jesus Christus als Kyrios und damit als Sieger über Sünde, Tod und die Mächte und Gewalten des Bösen.

• Der dritte Glaubensartikel stellt die Frage nach dem Bösen in den Zusammenhang göttlichen Vollendungshandelns. Dazu gehört die Verheißung des endgültigen Sieges über alle gottfeindlichen Mächte, ein Ende des Angefochtenseins durch die Sünde und die Mächte des Bösen.

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Anmerkungen

1 Konrad Paul Liessmann, Einleitung, in: Faszination des Bösen. Über die Abgründe des Menschlichen, hg. von K. P. Liessmann, Wien 1997, 7f. Auch in der modernen Literatur finden sich zahlreiche Beispiele für eine antiidealistische Sicht des Menschseins. Vgl. Horst Georg Pöhlmann, Abriß der Dogmatik. Ein Kompendium, Gütersloh 41985, 192-194.
2 Rüdiger Safranski, Das Böse und das Drama der Freiheit, München 1997.
3 Gerhard Ebeling, Dogmatik des christlichen Glaubens, Bd. 1, Tübingen 1979, 361.

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