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Materialdienst 7/2006
Alfred Singer

Teufel - Dämonen - Besessenheit - Exorzismus

Aktuelles zu einem umstrittenen Thema - 30 Jahre nach "Tod und Teufel in Klingenberg"

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Am 1. Juli 2006 jährt sich der Todestag der Studentin Anneliese Michel zum 30. Mal. Ihr qualvolles Sterben sorgte seinerzeit für großes Aufsehen, weil an der schwerkranken jungen Frau über Monate hinweg viele Male der sog. „Große Exorzismus“ vollzogen worden war. Zwei neuere Kinofilme, die auf unterschiedliche Weise ihre Geschichte aufnehmen, haben nicht zuletzt dazu beigetragen, das Thema Exorzismus wieder in das öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Nachdem der Blickpunkt-Artikel dieses Heftes von Dr. Reinhard Hempelmann die „Wahrnehmung und Wirklichkeit des Bösen“ in evangelischer Perspektive beschreibt, kommen im Folgenden Vertreter der katholischen Kirche zu Wort. Wir haben Herrn Alfred Singer, den Beauftragten für Weltanschauungs-, Religions- und Sektenfragen im Bistum Würzburg, gebeten, die damaligen Ereignisse und die Reaktionen seiner Kirche darzustellen und aus seiner Sicht und Erfahrung als katholischer Pfarrer zu reflektieren. Der Text ist die überarbeitete Fassung eines Vortrages, den Alfred Singer am 15. März 2006 im Rahmen einer Tagung der Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle in Münster gehalten hat. In einem zweiten Beitrag geht Lutz Lemhöfer, Referent für Weltanschauungsfragen im Katholischen Bistum Limburg, auf die dem Exorzismus vergleichbare Praxis des „Befreiungsdienstes“ ein, die unter evangelikalen und charismatischen Christen verbreitet ist.


Am 1. Juli 1976 verstarb im unterfränkischen Klingenberg am Main die 23-jährige Pädagogikstudentin Anneliese Michel, nachdem an ihr in der Zeit von September 1975 bis Juni 1976 insgesamt 67 Mal der sog. „Große Exorzismus“ vollzogen worden war. Sie starb an Unterernährung und Entkräftung; zum Zeitpunkt ihres Todes wog sie noch 31 Kilogramm. Während Ärzte und Psychiater heute überwiegend davon ausgehen, Anneliese Michel habe an einer besonders schweren Form von Epilepsie in Verbindung mit einer Psychose gelitten2, sind vor allem fundamentalistisch eingestellte Kreise der Überzeugung, es habe sich um dämonische Besessenheit, ja sogar um stellvertretendes Sühneleiden für Missstände in der nachkonziliären Kirche und für Verfehlungen zahlreicher Priester gehandelt3. Anneliese Michel selbst hat in der letzten Phase ihres Lebens ihr Schicksal in diesem Sinne verstanden. Zudem will im Herbst 1977 eine Karmelitin im Allgäu Botschaften von Anneliese Michel aus dem Himmel empfangen haben, ihr Sühnetod habe viele Seelen vor der ewigen Verdammnis gerettet; zum „Beweis“ solle ihr unverwester Leichnam exhumiert werden. Bei der am 25. Februar 1978 erfolgten Exhumierung wies der Leichnam nach Aussage der Zeugen jedoch den zu erwartenden Verwesungszustand auf. Im April 1978 verurteilte das Landgericht Aschaffenburg die Eltern und die beiden Priesterexorzisten wegen unterlassener Hilfeleistung jeweils zu sechs Monaten Haft auf Bewährung. Dennoch „pilgern“ bis heute Gläubige, die von Annelieses Sühnetod überzeugt sind, zu ihrem Grab, beten um ihre Heiligsprechung und lassen sich in einer „Kapelle“ genannten umgebauten Scheune über ihr Leben und ihren Tod berichten.

 

„Klingenberg“ im Rückblick und im Film

Im sicheren Abstand von 30 Jahren wäre es ein Leichtes, die Geschehnisse von damals, die religiöse Enge des familiären und sozialen Umfelds, abwegige theologische Sichtweisen, die „mittelalterliche“ Exorzismuspraxis und manches andere aus einem Gefühl von Aufgeklärtheit und Überlegenheit heraus zu verurteilen. So einfach ist es aber wohl nicht. Denn über mehrere Jahre hinweg hatte Anneliese Michel bei insgesamt zwölf Ärzten medizinische Hilfe gesucht, was aber zu keiner Besserung ihres Zustandes führte. Möglicherweise hat dazu beigetragen, dass sie wenig Vertrauen zu den Ärzten aufbrachte und ihnen die religiöse Dimension ihres Leidens weitgehend verschwieg, weil sie von ihnen kein Verständnis dafür erwartete. Dieses „Verständnis“ fanden Anneliese und ihre mit der Situation offensichtlich total überforderte Familie bei einigen Priestern, die man zu Rate zog. Eine unheilvolle Rolle spielte die „San-Damiano-Bewegung“, eine Vereinigung konservativer Katholiken, die – bis heute – zu dem kirchlich nicht anerkannten norditalienischen Wallfahrtsort San Damiano ziehen, an dem Anfang der 1970er Jahre Maria der Bauersfrau „Mamma Rosa“ erschienen sein soll. Auf einer dieser „Wallfahrten“, zu der die Eltern ihre kranke Tochter mitgenommen hatten, äußerte die Pilgerführerin nach einem Anfall, bei dem sich Annelieses Körper bis zur Bewegungsunfähigkeit verkrampft hatte, erstmals den Verdacht, es könne eine teuflische oder dämonische Besessenheit vorliegen – eine „Diagnose“, gegen die sich die Eltern zunächst sträubten, die aber mehr und mehr zu einer Art „Selbstläufer“ wurde, unterstützt durch einige Priester, die die Familie in ihrer Hilflosigkeit zu Rate zog und die Annelieses Vertrauen fanden. Entscheidend wurde ein Gutachten des als Fachmann für Fragen teuflisch-dämonischer Besessenheit geltenden Jesuiten P. Adolf Rodewyk4, der bei einem Besuch im Hause Michel seinen Verdacht der „Besessenheit“ bestätigt fand. Daraufhin beauftragte der Würzburger Diözesanbischof Josef Stangl mit Schreiben vom 16. September 1975 Pater Arnold Renz SDS., den Großen Exzorzismus über Anneliese Michel zu sprechen5; der damalige Kaplan Ernst Alt stand ihm dabei zur Seite. Bischof Stangl, auch als Bischof in erster Linie Seelsorger, ließ sich, nachdem er vorherige Anträge abgelehnt hatte, schließlich überzeugen, die Kirche müsse zu diesem äußersten Mittel greifen, nachdem jegliche andere Hilfe versagt hatte. Aus heutiger Sicht ist allerdings kaum verständlich, dass weder der Ortspfarrer noch der Generalvikar und andere Verantwortliche konsultiert wurden und dass bei den Exorzismen selbst kein Arzt oder Psychiater zugegen war6. Überspitzt formuliert: Zu denen, die Anneliese Michel hätten helfen können, hatte sie kein Vertrauen; diejenigen, zu denen sie Vertrauen hatte, konnten ihr nicht helfen.

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Anmerkungen

1 So der Titel einer Dokumentation mit Stellungnahmen und Artikeln unterschiedlicher Art und Qualität zum „Fall Klingenberg“, Aschaffenburg 1977.
2 Vgl. etwa J. Böning, der Weg von der Epilepsie zur „Besessenheit“ der A. M. aus Klingenberg, in: G. Wahl/W. Schmitt (Hg.), Besessenheit und Hysterie. Weinsberger Gespräche zur Geschichte der Seelenheilkunde, Reichenbach 2001, 120-135; J. Mischo/U. J. Niemann, Die Besessenheit der Anneliese Michel (Klingenberg) in interdisziplinärer Sicht, Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 1983, 129-194.
3 Vgl. z.B. die Internetseiten
www.exorzismus.net/Kommentar_Klingenberg.htm (Kaplan Christian Sieberer); www.najukorea.de/web_michel/informationen/einf_1.htm (Wolfgang E. Bastian).
4 Vgl. A. Rodewyk, Dämonische Besessenheit heute. Tatsachen und Deutungen, Aschaffenburg 41988.
5 Vgl. die Dokumentation wichtiger kirchlicher Verlautbarungen zum „Fall Klingenberg“, erstellt von der Pressestelle des Bischöflichen Ordinariats Würzburg, 2005 (
http://downloads.kirchenserver.net/7/623/1/11326723387240640.pdf).

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