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Materialdienst 12/2006
Hansjörg Hemminger

Natur- und Weltbilder in der Geschichte der Biologie

Biblische Geschichte und Weltwissen

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Der erste Satz der Bibel ruft den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zum Ursprung und Urgrund der Welt aus. Der Gott Israels ist viel mehr als ein Volks- und Stammesgott. Der Gott Jesu Christi und der Gott der Christenheit ist viel mehr als einer der Götter, Mächte und Gewalten der Weltreligionen. Er ist, und er wird sein, Alles in Allem. Er bringt die Welt nicht nur hervor, er handelt in ihr und offenbart sich seinem Geschöpf, dem Menschen. Davon erzählt die Bibel, und ihr erster Satz legt den Grund dafür. Auf diesem Grund steht der Glaube Israels, und der Glaube der Kirche.

Die Geschichte der Welt, die Geschichte des Lebens und die Geschichte der Menschheit wird aber nicht nur von der Bibel erzählt. Der Glaube der Bibel beschränkt sich schon lange nicht mehr auf die jüdische Priesterschaft und das jüdische Volk der frühen Antike Vorderasiens, die Zeit, in der die Urgeschichte der Bibel verfasst wurde. Jede Zeit und jede Kultur hat ihr eigenes Wissen über die Welt und den Menschen, das mit dem biblischen Bericht nicht ohne weiteres zusammengeht. Diese Spannung entstand also nicht erst durch den Aufstieg der modernen Naturwissenschaft, sondern begleitete die Kirche seit der griechisch-römischen Antike. Wie der biblische Bericht und das umfassende, eindrucksvolle Weltwissen der griechischen Kultur zusammen zu denken seien, war für Aurelius Augustinus im Karthago des vierten Jahrhunderts eine wichtige Frage. Dieselbe Frage stellten sich Theologen des Hochmittelalters wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin, als sie der antiken Wissenschaft in den Schriften des Aristoteles wiederbegegneten. Das Weltbild der Scholastik, wie es uns literarisch in der „Göttlichen Komödie“ von Dante Alighieri (1265-1321) überliefert ist, malt uns ihre Antwort vor Augen. In der grundlegenden Schrift „De genesi ad litteram“ von Augustinus heißt es:

„Oft genug kommt es vor, dass auch ein Nichtchrist ein ganz sicheres Wissen durch Vernunft und Erfahrung erworben hat, mit dem er etwas über die Erde und den Himmel, über Lauf und Umlauf, Größe und Abstand der Gestirne, über bestimmte Sonnen- und Mondfinsternisse, über die Umläufe der Jahre und Zeiten, über die Naturen der Lebewesen, Sträucher, Steine und dergleichen zu sagen hat. Nichts ist nun peinlicher, gefährlicher und am schärfsten zu verwerfen, als wenn ein Christ mit Berufung auf die christlichen Schriften zu einem Ungläubigen über diese Dinge Behauptungen aufstellt, die falsch sind und, wie man sagt, den Himmel auf den Kopf stellen, so dass der andere kaum sein Lachen zurückhalten kann. Dass ein solcher Ignorant Spott erntet, ist nicht das Schlimmste, sondern dass von Draußenstehenden geglaubt wird, unsere Autoren hätten so etwas gedacht. Gerade sie, um deren Heil wir uns mühen, tragen den größten Schaden, wenn sie unsere Gottesmänner daraufhin als Ungelehrte verachten und zurückweisen. Denn wenn sie einen von uns Christen auf einem Gebiet, das sie genau kennen, bei einem Irrtum ertappen und merken, wie er seinen Unsinn mit unseren Büchern belegen will, wie sollen sie dann jemals diesen Büchern die Auferstehung der Toten, die Hoffnung auf das ewige Leben und das Himmelreich glauben, da sie das für falsch halten müssen, was diese Bücher geschrieben haben über Dinge, die sie selbst erfahren haben und als unzweifelhaft erkennen konnten? Es ist unbeschreiblich, wie viel Verdruss und Kummer einsichtigen Brüdern durch solche unbesonnenen Eiferer bereitet wird... Und dann wagen sie es auch noch, um sich zu beweisen, unsere heiligen Bücher anzuführen oder aus dem Gedächtnis alles mögliche daraus vorzubringen, von dem sie meinen, es nützte ihnen als Bestätigung, und verstehen doch weder, was sie sagen, noch die Dinge, die sie behaupten (I Tim 1,7).“1

Dem ist auch nach 1600 Jahren wenig hinzuzufügen. Bessere Naturerkenntnis muss, wenn die Christenheit den Schöpfungsgedanken ernst nimmt, damals wie heute zu einer besseren Welt- und Gotteserkenntnis führen. Allerdings war das Ringen um die Beziehung von Weltwissen und Bibeltext selten so heftig – und so erschütternd für den christlichen Glauben – wie im 18. und 19. Jahrhundert der westlichen Moderne. Ein Grund, aber keineswegs der entscheidende, war der Aufstieg der neuzeitlichen Naturwissenschaft, deren Zugriff auf die Welt und deren Erklärungskraft alles übersteigt, was es vorher an Wissen und Technik gab.

Galilei, Kepler und andere Fromme

Die Naturwissenschaft entstand in der christlichen Kultur des späten Mittelalters. Man glaubte damals weithin (siehe die „Göttliche Komödie“), dass der Kosmos ebenso von Gottes Willen geordnet sei wie es das irdische Leben sein sollte. Sünde, Leid und Tod seien auf die von Gott abgefallene Erde beschränkt. In der Unendlichkeit des Kosmos geschehe Gottes Wille in der ewigen Harmonie der Sphärenmusik, die beim Gang der Gestirne erklingt. Der Sternenstoff sei so vollkommen, wie der Erdenstoff unvollkommen sei. Die frühen Wissenschaftler des 16. und 17. Jahrhunderts, Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler, Galileo Galilei, und später Isaac Newton, der Erbauer des physikalischen Weltbilds, wollten die Ordnung der Schöpfung – und damit die Vernunft des Schöpfers – denkend und rechnend nachvollziehen. Besonders Johannes Kepler (1571-1630) wurde mehr noch als sein älterer Zeitgenosse, der nüchterne Galileo Galilei, vom Gedanken der kosmischen Harmonie gelenkt. Er schrieb:

„Gott ist für mich der große Künstler der Welt, ich schaue bewundernd die Werke seiner Hände: in der Mitte die Sonne, die Ausspenderin des Lichts und des Lebens, die nach heiligem Gesetz die Erde zügelt und ihren Lauf lenkt. Ich sehe die Mühen des Mondes und dort die Sterne zerstreut auf unermessener Flur. So kann ich nur staunend vor dem Weltgeheimnis stehen, kann beten und sagen: ‚Vater der Welt, was bewegt dich, ein armes, schwaches Erdengeschöpf so hoch zu erheben, dass es im Glanze dasteht, fast ein Gott; denn es denkt deine Gedanken dir nach.‘“

Die Naturforschung dieser Zeit richtete sich nicht gegen den christlichen Glauben, sie forderte jedoch die Macht der katholischen Kirche heraus, in der die Lehren des Ptolemäus und des Aristoteles als unbefragbare Wahrheit galten – übrigens in den evangelischen Ländern manchmal ebenso. In der Mitte der Welt sahen Galilei und Kepler die Sonne stehen, nicht mehr die Erde wie im „Almagest“ des Ptolemäus oder wie in der zeitgenössischen, sehr populären Kosmologie des Tycho Brahe2, die eine letzte Fortentwicklung des ptolemäischen Weltbilds war.3 Das Nachvollziehen der Schöpfungsordnung war ihnen nur möglich, wenn Traditionen bezweifelt werden durften. Galilei wollte nicht Aristoteles und die Scholastiker lesen, um die Himmelsmechanik zu verstehen, sondern das Buch der Natur, das er als allgemeine Offenbarung verstand. In seinem Werk über die Kometen „Saggiatore“ von 1623 äußert er die berühmt gewordene Auffassung, dass man die rechte Philosophie (nach dem Sprachgebrauch seiner Zeit die Wissenschaft) im Buch der Natur lesen könne und dass dieses in der Sprache der Mathematik geschrieben sei. In seinem „Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme, das ptolemäische und das kopernikanische“ von 1632 stellt er dieses Forschungsprogramm an mehreren Beispielen vor. Das rief schließlich den Widerstand der Kurie auf den Plan, die den Aufstieg der Wissenschaft in den protestantischen Ländern (Deutschland, England, die Niederlande, Skandinavien) mit Misstrauen verfolgte. Sie sah dadurch mit Recht die weltanschauliche Deutungshoheit der Kirche gefährdet. Allerdings wurde der „Fall Galilei“ erst im 19. Jahrhundert von den religionskritischen Aufklärern dieser Zeit zum Drama zwischen Glauben und Vernunft stilisiert. In Wirklichkeit gab es auf Seiten der Kurie astronomischen Sachverstand; die Überlegenheit des neuen Weltsystems war Galileis Richtern ebenso klar wie ihm selbst. Es durfte jedoch aus ihrer Sicht aus politischen Gründen nur als mathematische Hypothese, nicht als Weltanschauung verbreitet werden. Dass die römische Kurie Redlichkeit und Wahrheit ihrem Machtinteresse opferte, machte die Dramatik des „Falls Galilei“ aus:

„Die Tragik von Galileos Wirken liegt darin, dass er – als ein zeitlebens tiefgläubiges Mitglied seiner Kirche – den Versuch unternahm, eben diese Kirche vor einem verhängnisvollen Irrtum zu bewahren. Seine Intention war es nicht, die Kirche zu widerlegen oder zu spalten, sondern vielmehr war ihm an einer Reform der Weltsicht der Kirche gelegen. Seine verschiedenen Aufenthalte in Rom bis zum Jahr 1616 hatten auch den Zweck, Kirchenmänner wie Bellarmin davon zu überzeugen, dass die Peripatetiker nicht unfehlbar waren und die Heilige Schrift nicht immer buchstabengetreu gelesen werden müsse. Auch war Galilei der Überzeugung, die wunderbaren Werke des Herrn durch Experiment und Logik (früher oder später) vollständig klären zu können; Papst Urban VIII.4 dagegen blieb bei seiner Meinung, dass die vielfältigen Naturerscheinungen, die der Allmächtige bewirkt, sich dem beschränkten Verstand der Menschen für immer entziehen.“5

Insgesamt neigen wir heute dazu, die Rolle der frühen Wissenschaft in der beginnenden Neuzeit zu überschätzen. Die Reformation und ihre Folgen, ein grundstürzender religiöser Aufbruch, spielte als Triebkraft des Wandels eine wichtigere Rolle. Man könnte sogar behaupten, der Aufstieg der Wissenschaft in der Aufklärungszeit und die Aufklärung an sich seien eher Ergebnis als Ursache des religiösen Wandels. Johannes Kepler musste mehrfach fliehen, um sich und seine Familie vor Verfolgung zu retten, aber keineswegs wegen seiner Theorien, sondern weil er sich im Dreißigjährigen Krieg weder auf die eine noch auf die andere Seite schlagen wollte. Auf der Seite der falschen Konfession zu stehen, war lebensgefährlich – die astronomische Überzeugung eines Gelehrten war vergleichsweise belanglos.

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Anmerkungen

1 Aurelius Augustinus, Über den Wortlaut der Genesis (De genesi ad litteram libri duodecim), Buch I, Kap. 19, deutsch von C. J. Perl, Paderborn 1961, 32-33.
2 Tycho Brahes Kosmologie beruhte auf Daten für die Bahnen von Gestirnen, die mit bloßem Auge, ohne Nutzung des eben entdeckten Fernglases, gewonnen wurden. In Anbetracht dessen sind seine Bahndaten sehr genau und wurden von Johannes Kepler für die Entwicklung seiner revolutionären mathematischen Deutung der Umlaufbahnen als Ellipsen benutzt. Kepler war jahrelang als Assistent Brahes tätig.
3 Siehe z.B. die populären Werke von Petrus Apianus, Cosmographia, Antwerpen 1524; Astronomicum Caesareum (für den Kaiser verfasst), Ingolstadt 1540.
4 Vorher Kardinal Maffeo Barberini, ein langjähriger Förderer Galileis, der sich erst aufgrund des „Dialogs“ gegen ihn wandte.
5 Wikipedia zum Stichwort „Galilei“, www.de.wikipedia.org/wiki/Galileo_Galilei, Stand 18.8.2006.

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