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Materialdienst 12/2006
Freigeistige Bewegung

bfg-Zone. Eine Aktion im Schatten des Papstbesuchs in Bayern

(Letzter Bericht: 10/2006, 388f) Plakate und Zeitungsanzeigen zeigten ein schwarzes Schaf vor einem Beten-Verboten-Schild (Dürers „Betende Hände“, rot durchgestrichen), dahinter drohte eine grüne Papstsilhouette mit dem Schlachtermesser. Das Plakat-Schaf gab Rätsel auf: Waren die Betrachter gemeint? Stand es für die Katholiken, die dem Papst während seiner Bayern-Reise zuströmten? Oder war es die Identifikationsfigur der Initiatoren dieser Aktion, die sich als Opfer einer „durchchristlichten“ Gesellschaft fühlen? Das Schaf fragte jedenfalls: „Papst gsehng?“ (Papst gesehen?), und unter diesem Motto richtete der Bund für Geistesfreiheit (bfg) München vom 10. bis 16. September 2006 – zeitgleich zum Besuch Benedikts XVI. – in München eine „Religionsfreie Zone“ für oder gegen derlei Geister ein. Unterstützt wurde die Aktion von dreizehn weiteren Organisationen (bfg aus anderen Städten, Deutscher Freidenker-Verband, Humanistische Union) sowie von Wissenschaftlern und Künstlern, darunter Sigi Zimmerschied, Georg Ringsgwandl und die „Biermösl Blosn“. Geboten wurden Vorträge, Kabarett, Konzerte und Filme (z.B. „Der Untergang des amerikanischen Imperiums“).

Einleitend referierte der Politologe Carsten Frank über „Die Kirchen und unser Geld“, wobei er nicht nur die Finanzierung der Papst-Visite hinterfragte, sondern vor allem die Arbeitssituation der Mitarbeiter in „kirchlichen Sozialkonzernen“. – Der Tübinger Religionswissenschaftler Günther Kehrer behandelte das Thema „Menschenrechte in den Weltreligionen“. Er tat dies überwiegend am Beispiel christlicher Menschenrechtsverletzungen, die er auch zum Grund nahm, um die „den Steuerzahler belastenden Konkordate“zu kritisieren. „Was ist, wenn die Quellentexte dieses Glaubens weit unter den Mindeststandards jeder halbwegs zivilisierten Gesellschaft stehen?“, polemisierte er. – Satirisch gefärbt erschien der Schlussvortrag des Tierschützers, Psychotherapeuten und Esoterik-Kritikers Colin Goldner zu „Benedikt und Bruno ... über das Verhältnis der katholischen Kirche zum Tier“. Der Papst, der den Korbinians-Bären im Wappen führe und sich selbst als „Lasttier Gottes“ bezeichne, so Goldners Ausgangsgedanke, hätte den Mord am Bären „Bruno“ im Sommer 2006 verhindern müssen, „schließlich liest er täglich Münchner Zeitungen“. Die biblische Aufforderung, sich die Erde untertan zu machen, habe dazu geführt, dass „der Planet zum Schlachthaus“ deformiert worden sei. Der Papst sei Oberhaupt einer Institution, die viele Arten von Tierquälerei, vom Stierkampf bis zur Vivisektion, absegne. Franz von Assisi diene nur als Alibifigur, Judentum und Islam seien um nichts besser.

Waren die Vorträge erwartungsgemäß auch anti-christlich und anti-klerikal formuliert, so herrschte doch ein gewisses Niveau und ein Mindestmaß an Sachlichkeit. Einzelne Thesen aller Referenten wären zu diskutieren, manche Kritik würde sich als überholt erweisen, sobald man das zeitgenössische Christentum einbezöge. Unrühmliche Ausnahme in diesem Reigen bildete nur der Auftritt Michael Schmidt-Salomons: „Schluss mit lustig? Nein, Schluss mit blöde!“ forderte schon der Titel des Vortrags, in dem der Schriftsteller, Philosoph und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung zu begründen trachtete, „warum die Aufklärung religiöse Gefühle verletzen muss“. Hat es aber etwas mit Aufklärung zu tun, „Bush, bin Laden und Benedikt“ um der Alliteration willen in einem Atemzug zu nennen oder „religiöse und nationalistische Wahnideen“ auf gleicher Ebene anzusiedeln? Für Schmidt-Salomon, dem alles Religiöse grundsätzlich als Schizophrenie und Gefährdung von Demokratie verdächtig ist, liegt hier das Ende der „Blödheit“. Schlichtweg falsch informiert er das Publikum, wenn er lediglich die Kirchensteuer zahlenden Protestanten und Katholiken als Christen aufaddiert, und mit unverblümtem Machtanspruch die übrigen „30 Millionen“ Einwohner der Bundesrepublik als Mandanten der Freigeister behandelt, die einen Zentralrat bilden sollten, seien sie doch „weit homogener“ als man offiziell behaupte. Orthodoxe Christen, Juden, Muslime, Esoteriker etc. werden nicht gefragt, was sie von einer „religionsfreien Zone“ halten, sondern in diese interniert. Während der Diskussion mit dem Publikum sinnierte Schmidt-Salomon schließlich noch über den Stoffwechsel von Katholiken nach Empfang der Kommunion. Zwar predigte er „wissenschaftliche Eleganz“, sein Vokabular holte er jedoch immer wieder aus der untersten Schublade. Der promovierte Philosoph klagte, er werde nicht zu TV-Talkrunden eingeladen und fände unter Religiösen keine Diskussionspartner. Wie aber – so fragt man sich – soll man eigentlich sinnvoll mit jemandem diskutieren, der bereits vorab definiert hat, dass das Gegenüber „blöd“ sei?

Das Publikum quittierte die Vorträge mit Beifall. Die kleine bfg-Gemeinde feierte sich selbst, scheint aber zumindest in München kaum Neuzuwächse zu haben. Lediglich zu Colin Goldner hatten sich auch noch ein paar Tierschützer und Vegetarier verirrt. Der Reinerlös der Aktion soll dem türkischen säkularen Kinderheim Nesin Vakfi in Catalca bei Istanbul zugute kommen, dessen Leiter Ali Nesin am 21. Oktober den Erwin-Fischer-Preis des IBKA erhielt.

Quellen: Faltblatt des bfg München; eigene Veranstaltungsbesuche bei Schmidt-Salomon und Goldner; Zeitungsannonce; ibka.org.

Angelika Koller, München

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