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Materialdienst 12/2006
Eva Jaeggi

Von den Grenzen der Psychotherapie

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Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat auch Religion,
wer diese beiden nicht besitzt, der habe Religion.
(J. W. Goethe)

Willst Du Dich des Lebens freuen,
musst der Welt Du Sinn verleihen.
(J. W. Goethe)

Dass Psychotherapie längst nicht für alle problematischen Zustände der Seele zuständig ist, erscheint wohl evident. Es gibt psychische Krankheiten, bei denen man heutzutage auf keinen Fall ohne die Hilfe von Medikamenten auskommt, wie Psychosen, schwerste borderline-Zustände oder somatopsychische Erkrankungen. Zumeist werden sie allerdings mit Psychotherapie kombiniert. Aber auch normale Trauer-Reaktionen bei schweren Verlusten sind nicht behandlungsbedürftig. Freud hat in einem seiner berühmten Aufsätze über das „Unbehagen in der Kultur“ betont, dass auch das „normale Unglück“ nicht wegtherapiert werden kann – therapiebedürftig sei nur das „neurotische Elend“.2 Nun kann man sich aber darüber streiten, was denn dieses „neurotische Elend“ sei und wie man es abgrenzen kann vom „normalen Unglück“. Denn hier setzen ganz andere Überlegungen ein, nämlich die, ob Therapie nicht weit über die ursprünglich beabsichtigte Heilung von psychischen Symptomen hinaus etwas bewirken kann: eine Umstrukturierung der Persönlichkeit, Neuordnungen des Verhaltens in Beziehungen zu anderen und zu sich selbst, und anderes mehr. Und dadurch wird sicher auch etwas berührt, was zum „normalen Unglück“ beiträgt.
 
Es liegt im Wesen der ätiologischen Überlegungen der Psychoanalyse, dass eben Symptome etwas zu tun haben mit falschen Einstellungen, unerlaubten Wünschen und deren Abwehr – also musste wohl mit der Heilung oder Besserung von Symptomen auch anderes an und in der Person sich verändern. Das alles ist ja sozusagen Urgestein der Psychoanalyse. Nun gibt es seit längerer Zeit viele, die der Psychotherapie die Grenzen ganz anders setzen wollen als dies bisher geschehen ist: man möchte anderen bei der „Sinnsuche“ helfen, spirituelle Dimensionen anpeilen und das, so die Meinung vieler Menschen, sei eine Aufgabe, die über die Psychotherapie hinauswächst.

Ich möchte meinen Überlegungen ein Freud-Zitat voranstellen, das aus einem Brief vom 13. August 1937 an Prinzessin Marie-Bonaparte, seiner guten Freundin, stammt: „Im Moment, da man nach Sinn und Wert des Lebens fragt, ist man krank, denn beides gibt es ja in objektiver Weise nicht; man hat nur eingestanden, dass man einen Vorrat von unbefriedigter Libido hat.“3 Freud ist also offenbar der Meinung, dass die „Sinnsuche“ und das Leiden daran, dass einem das Leben „sinnlos“ erscheint, ebenso neurotisch ist wie viele andere Leiden der Seele.

Dagegen gibt es aber natürlich ganz andere Meinungen: Nämlich, dass auf dem Wege der Sinnsuche neue Dimensionen erreicht werden können, die nicht mit psychischen Zuständen von „Krankheitswert“, wie das in der ärztlichen und kassenrechtlichen Sprache heißt, zu tun haben, sondern eben mit einem „Sinnvakuum“, mit einem (vielleicht religiösen?) Bedürfnis, das über die Person hinausreicht.

Wenn wir dieses Bedürfnis berücksichtigen, dann hilft – so den Befürwortern irgendwelcher „anderen“ Form der Hilfestellung zufolge – Therapie im engeren Sinn nicht mehr. Die Gruppe derjenigen, die diese Meinung vertreten, ist allerdings sehr heterogen. Sie reicht von etablierten Religionsgemeinschaften, Vertretern irgendwelcher Sekten, zu Anbietern von Meditationskursen, Fastenkuren, Tai-Chi und noch sehr viel anderen alten oder neuen Praktiken, mit denen Menschen seit jeher wohl eine „Leere“ in ihrem Inneren ausfüllen wollten, überirdische Welten berühren und damit ihr beengtes irdisches Dasein verändern wollten. Mit einem wieder modisch gewordenen Wort: sie wollten damit spirituelle Bedürfnisse befriedigen.

Was aber kann dies heißen: man wolle „spirituelle Bedürfnisse“ befriedigen? Man wolle den „Sinn“ im Leben finden, das „Mehr“ an Sehnsucht, das sich ergibt, wenn unsere alltäglichen psychischen und physischen Bedürfnisse gestillt sind und wir nicht mehr an unserem „neurotischen Elend“ leiden?

An der Beantwortung dieser Frage wird sich auch zeigen, ob Psychotherapie wirklich nicht das geeignete Instrument ist, um Menschen, die spirituelle Bedürfnisse haben, die also einen Sinn suchen, der über die Alltäglichkeit hinausgeht, zu befriedigen.

C. G. Jung, der sich mit diesem Thema in besonderer Weise immer wieder beschäftigt hat, gibt eine Definition des „Numinosen“, die etwa besagt, dass es eine „gewisse Einstellung der Psyche (ist), eine vorsichtige Betrachtung gewisser Mächte (Ideale, Geister, Gesetze, Götter), bzw. eine Einstellung gegenüber irgendetwas, das einen Menschen so beeindruckt hat, dass er sich zur Verehrung, Liebe, Ehrfurcht bewegt fühlt“.4 Damit ist wohl gemeint, dass alles, was uns in irgendeiner Weise besonders anrührt, über die Alltäglichkeit hinausführt und deshalb als „numinos“ anzusehen ist. Das Wort „Spiritualität“ – seit einigen Jahren sehr viel häufiger im Gebrauch – bedeutet wohl etwas Ähnliches, wenn wir z.B. der Definition von Erhard Weiher, einem katholischen Klinikseelsorger folgen: „Spiritualität (ist) der innere Geist, aus dem heraus ein Mensch sein Leben sieht, versteht und bewältigt.“5 Andere Definitionen reden davon, dass es „ein tiefes zu-sich-selbst-kommen“ sei oder ein Ergriffen-Sein von heiligen Mächten. Auch Schlegel spricht von einem „Zu-sich-selbst-kommen, sich selbst annehmen“ als dem Wesentlichen einer „numinosen Erfahrung“.

Dies besagt, so können wir schlussfolgern, dass es Situationen gibt, in denen ein Mensch das Gefühl hat, nicht mehr „berührt“ werden zu können, nichts in sich eindringen zu lassen, was über das Alltägliche hinausgeht, und dadurch unruhig, traurig, gelangweilt zu sein, also sich und sein Leben als „sinnlos“ empfindet. Im Mittelalter war dies den Berichten zufolge die „acedia“, die Langeweile der Mönche, die als „Gottesverlust“ gekennzeichnet wurde. Es war der Zustand, wo auch die Vorstellung, einem lebendigen Gott anzugehören und mit ihm verbunden zu sein, verlorengegangen war.

Das Erlebnis der Sinnlosigkeit des eigenen Lebens (und nur damit will ich mich befassen – es geht nicht um die philosophische Frage, ob Leben überhaupt einen Sinn hat) bedeutet also, allen Vorstellungen zufolge, die ich gefunden habe, dass man innerlich von nichts mehr berührt werden kann, dass man das Gefühl, mit einer Sache verbunden zu sein, nicht mehr erreichen kann.

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Anmerkungen

1 Vortrag, gehalten ihm Rahmen der Tagung „Design für die Seele“, vgl. MD 11/2006, 429ff.
2 Sigmund Freud (1930), Das Unbehagen in der Kultur, Freud-Studienausgabe, Bd. 9. Frankfurt a.M. 1974.
3 Sigmund Freud, Briefe 1873-1939, Gesammelte Werke, Bd. 16, Frankfurt a.M. 1960, 429.
4 Andrew Samuels u.a. (Hg.), Wörterbuch Jungscher Psychologie, München 1989.
5 Erhard Weiher, Wie Seelsorge – und andere Professionen – spirituelle Ressourcen erschließen können, in Simone Ehm, Michael Utsch (Hg.), Kann Glauben gesund machen? Spiritualität in der mo-dernen Medizin, EZW-Texte 181, Berlin 2005, 64.

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