publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 12/2006
Michael Nüchtern

Christliche Religionsgemeinschaften als Anbieter von Glaubensgütern

Chancen auf dem Markt der Religionen

1

Der Titel des hier zu verhandelnden Themas gebraucht ökonomische Begriffe für die Beschreibung der kirchlichen Wirklichkeit heute. Dies ist nicht selbstverständlich, aber auch längst nicht mehr gänzlich ungewohnt. Obwohl oder vielleicht auch gerade weil die ökonomische Sprache nicht die Muttersprache von Religion oder Kirche ist, scheint von ihrer Verwendung im Zusammenhang von Religion und Kirche eine eigentümliche Verlockung auszugehen. Wenn es nicht der Reiz des kleinen Tabubruches ist, von der heiligen Mutter Kirche als einer Anbieterin von Glaubensgütern auf dem Markt zu reden, dann ist es zumindest der gefällige und auch produktive Charme der Verfremdung, die Verhältnisse eines Lebensbereiches in der Sprache eines anderen zu formulieren. In aller Regel ist die Verwendung der neuen Sprache aber kein Spiel, sondern ist mit bestimmten Anlässen verbunden. Umstände, Gründe und Absichten legen den Gebrauch der neuen Sprache nahe. Aus der Erfahrung des Übersetzens und des Dolmetschens wissen wir aber auch, wie leicht dabei Nuancen und Besonderheiten einer Sprache verloren gehen können bzw. neue Assoziations- und Bedeutungsfelder entstehen können. Man muss sich der Gründe und vor allem der Grenzen für die Verwendung einer ökonomischen Sprache im Zusammenhang von Religion und Kirche bewusst bleiben.

Unser Titel enthält eine bezeichnende Unschärfe. Er lässt offen, ob er eher eine Feststellung formuliert oder eine Aufforderung enthält, ob er lediglich analytisch gemeint ist oder auch einen imperativen Sinn hat. Diese Unschärfe ist charakteristisch für die Rede vom „Markt der Religionen“. Denn sie wird in beidem Sinne gebraucht – als Beschreibung der religiösen Landschaft wie als Aufforderung an die Kirchen, sich in ihr – wie auch immer – recht zu verhalten.

In den folgenden Ausführungen soll deswegen zunächst den Gründen (I.) für den Gebrauch ökonomischer Begriffe nachgegangen werden. Sodann soll die Berechtigung oder die Unangemessenheit (II.) der Marktmetapher für die Situation der Kirche heute geprüft werden.

I. Von den Teilhabe- zu den Tauschprozessen

1. Begriffe geben nicht einfach die Wirklichkeit wieder, sondern sie deuten sie immer in bestimmter Weise. Die Rede vom „Markt“ signalisiert einen besonderen Zustand der Religion bzw. der Religionen in der Gesellschaft. Sie stellt fest: Religion wird nicht mehr selbstverständlich gelebt und durch Nachahmung und Hineinwachsen weitergegeben, sondern aktuell und bedürfnisorientiert in dieser oder jener Form erworben oder auch nicht erworben. Die Tradition ist abgebrochen, und wo Tradition war, sind Optionen geworden. Der Gang der Einzelnen auf den Markt hat die Gemeinde ersetzt, zu der man selbstverständlich gehörte. Religion ist für die Einzelnen nichts Vorgegebenes mehr, sondern etwas Aufgegebenes. Sie ist keine Grundierung und bestimmende Macht des alltäglichen Lebens mehr, sondern wird – wenn überhaupt – aus besonderen Anlässen von Zeit zu Zeit „portionsweise“ praktiziert. Tauschprozesse, könnte man sagen, sind an die Stelle von Teilhabeprozessen getreten.

Der Religionswissenschaftler Hartmut Zinser2 bringt die Entstehung des Marktes der Religionen mit dem Ende des staats- oder volkskirchlichen Systems der Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft, die das Monopol auf Religion hat, und mit der konsequenten Durchsetzung des Prinzips der Religionsfreiheit zusammen.

Es fällt auf, dass die Beschreibungen vom Entstehen des Marktes der Religionen mit der Geste des „früher einmal“ und „heute nicht mehr“ abgefasst sind. Hier besteht die Gefahr der Idealisierung historischer Verhältnisse und der Verabsolutierung bestimmter Trends.

Die Freude jedes Vertreters der Botschaft vom Markt der Religionen ist das Internet. Wer Begriffe wie Spiritualität, Hochzeit oder Bestattung bei Yahoo oder Google eingibt, bekommt den Eindruck einer unglaublichen Fülle, Buntheit und Verbreitetheit religiöser oder religionsähnlicher Angebote. Ein übersichtliches Abbild der virtuellen Realitäten liefern die Abteilungen für Lebenshilfe und Esoterik jeder größeren Buchhandlung. Hier findet sich alles in schöner Eintracht nebeneinander: Geistheilungsanleitungen, Astrologie und Orte der Kraft, Irische Segenssprüche und die Weisheit der Hexen, Anselm Grün, Bert Hellinger u. a. m. Der Markt der Religionen ist das Korrelat der Multioptionsgesellschaft – und wie die einschlägigen und eingängigen feuilletonistischen Deutungen unserer Wirklichkeit alle heißen.

2. Eine zweite Weise der Rede vom Markt der Religionen geht aber nun – möglicherweise reaktiv – von den Kirchen selbst aus. Sie fangen an, sich in einer Situation jenseits eines selbstverständlichen, staatsanalogen Zustands zu begreifen und entwickeln dabei z. T. für ihre Aufgaben eine Begrifflichkeit des Marktes und vielleicht auch ein den Begriffen entsprechendes Selbstverständnis. Sie sprechen von ihren „Produkten“, ihren „Kunden“ usw. Angesichts von Kirchenaustritten kommt die Frage auf, wie Kirchenmitglieder stärker gebunden oder zufriedener mit der Institution und ihren Leistungen werden können. Wo das Bewusstsein der selbstverständlichen Teilhabe als schwindend diagnostiziert wird, werden Tauschprozesse fokussiert. Der Begriff Markt wechselt dabei von einem die Situation deutenden Begriff zu einer Handlungsaufforderung, sich auf dem Markt der Religionen richtig zu verhalten.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkungen

1 Vortrag auf dem Symposion „Religion/Theologie und Ökonomie: Fremde – Abhängige – Lernende?“ vom 16. – 18. Juni 2005 des Internationalen Wissenschaftsforums der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg; erschienen auch im Protokollband des Kongresses, Heidelberg 2006.
2 Hartmut Zinser, Der Markt der Religionen, München 1997.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!