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Materialdienst 11/2006
Werner Thiede

Mystik im Zentrum - Mystik am Rand. Zur Notwendigkeit, bei mystischer Religiosität zu unterscheiden. Teil II: Protestantische Mystik

Das Feld der Mystik ist, phänomenologisch gesehen, eigentlich ein katholisches. Protestanten bilden im Laufe der Christentumsgeschichte hier eher Ausnahmen. Kein Wunder insofern, dass etwa der Pietist Gerhard Tersteegen nach seiner Hinwendung zur Mystik ausnahmslos katholische Biographien beschrieb! Dennoch sind die evangelischen „Ausnahmen“ alles andere als Randgestalten. Ihnen verdanken sich wichtige Impulse für die Theologie und Spiritualität in den protestantischen Kirchen. Das gilt nicht zuletzt im Blick auf Martin Luther, den Reformator selbst, mit dem hier eine Reihe einiger weniger, ausgewählter Beispiele beginnen soll.

Martin Luther

Eine erste große Blüte hatte die christliche Mystik im frühen Mönchtum der Spätantike erlebt, eine weitere im Mönchtum des späteren Mittelalters. Der Mönch Martin Luther hat wichtige Anstöße aus dieser mystischen Tradition empfangen. Noch bevor er die Schule der spätmittelalterlichen „Deutschen Mystik“ kennen und schätzen lernte, erfuhr er bereits den Reiz mystischen Erlebens: In der Rückschau heißt es bei ihm, er wäre fast „toll“ geworden, weil er die Einigung Gottes mit seiner Seele „spüren wollte“. Inzwischen aber hatte Luther längst erkannt, dass das ein schwärmerisches Verlangen gewesen war.

Als der junge Theologieprofessor die „Theologie Deutsch“ gelesen hatte, gab er ihren von Mystik gesättigten Text 1516 in Teilen und 1518 vollständig heraus. Zudem konnte er sich durchaus „mystischer Vorstellungen bedienen, um seine Auffassung über Rechtfertigung und Heil auszudrücken“, wie Bernhard Lohse in seinem Werk über „Luthers Theologie“ (1995) vermerkt. Allerdings hat die Mystik allein, die es ja bereits jahrhundertelang in der Kirche gab, den Durchbruch zur Rechtfertigungserkenntnis nicht bewirkt.

Die Rechtfertigungslehre Luthers geht von der Erfahrung der Bedingungslosigkeit der Liebe Gottes aus – gemäß der paulinischen Überzeugung: Hat Gott seinen Sohn für uns alle dahingegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? (Röm 8,32) Diese Erfahrung hat mystische Tiefe und bewirkt Glaubensgewissheit. Theologische Voraussetzung für Luthers Deutung ist die Überzeugung, dass der Heilige Geist selbst nicht nur als „äußere“ Größe im Verhältnis zu unserem Geist verstanden wird. Von daher leuchtet ein, warum das Neue Testament den Heiligen Geist immer wieder als „Geist Christi“ charakterisiert: Durch sein Wirken wird Christi Heilswerk uns personal zugeeignet; in ihm kommt der Erhöhte bei uns an. Schenkt er uns den Glauben, so bringt er uns damit unsere endgültige Identität, nämlich unsere innere Vollendung als geschöpfliche Person vor Gott – und zwar eben ungeachtet unseres anhaltenden Sünder-Seins! Christen gelten im Glauben als „Gerechte und Sünder zugleich“. Daher finden sie durch Christi Gegenwart im eigenen Geist mittels der Glaubensbeziehung zu ihm erst wirklich zu sich selbst in ihrer Wirklichkeit vor Gott: Sie dürfen sich trotz ihres Sünder-Seins ganz von Gott angenommen wissen. Das aber heißt, dass sie gegen die eigene Selbst-Erfahrung anglauben und ganz auf die Zusage durch Gottes Wort vertrauen lernen müssen. Luthers Mystik ist insofern nicht gefühls- und erfahrungsgesättigt, sondern ganz und gar Glaubensmystik. In einer Auslegung zu Psalm 45,10 (WA 40 II, 553ff) erklärt der Reformator im Jahre 1532: „Sei Sünde in mir oder nicht, mag ich den Tod fühlen oder nicht, so frage ich nicht danach. Ich muss höher hinaufsteigen, nämlich zu meinem Bräutigam durch den Glauben an sein Wort…  Denn es ist mir verboten, dass ich über mich urteilen soll nach meinem Fühlen und Empfinden..., vielmehr geboten, dass ich nach dem Wort der Verheißung urteilen soll.“

Dem entspricht Luthers Reserviertheit gegenüber technischen Übungen zwecks mystischer Erfahrung. Alles kommt auf den Glauben an, der ins „himmlische Wesen“ versetzt. Und selbst dieser Glaube ist ja Geschenk des Geistes Christi in uns, weshalb es ein ungeistliches Missverständnis wäre, wiederum den Glauben zum Ziel von Übungen, Selbstbeobachtung oder Kraftanstrengung machen zu wollen. Luther rät: „Ergreifen wir nur mitten in Sünden, Tod und Kummer Christus mit einem schwachen Glauben! Dieser Glaube aber, wie schwach er auch ist, erhält er uns doch, ist Herr über den Tod und tritt den Teufel und alles mit Füßen.“ Greife also nur nach Christus, ermuntert der Reformator, und „so du ihn erwischest, es sei viel oder wenig, so hast du den Bräutigam und durch ihn das Leben und die Seligkeit“. Es sei viel oder wenig – die Gnade, die Liebe schenkt sich dir, ja Gott selbst in seinem Sohn!

Die hier gemeinte Liebesmystik bringt Luther durch das schöne Bildwort zum Ausdruck, dass Christus und der Glaubende zu einem „Kuchen“ zusammengebacken werden (WA 37, 236). Er kann sogar formulieren: „Christus wird ich und ich Christus“ (WA 17 I, 93). In diesem Sinn wolle Gott seinen Sohn zur „Person“ aller Menschen machen. Das darf aber nicht in einem substanzmystischen Sinn als Vermischung missverstanden werden – als sei Christus alles in uns und wir selbst gar nichts mehr. Vielmehr geht es der Christus-Mystik Luthers um die Betonung anhaltenden Ungetrenntseins bei Aufrechterhaltung der Unterscheidung von Gott und Kreatur innerhalb dieser mystischen Verbundenheit. Mit dem ewigen Heil schenkt Christus durch seinen Geist liebesmystisch die Teilhabe am göttlichen Sein selbst, ohne dass deshalb das geschöpfliche Sein der Glaubenden enden würde.

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