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Materialdienst 11/2006
Matthias Neff

"Neue Räume - neues Land"?

Die "Stiftung Gemeinde ohne Mauern international" in Wehingen

Im Laufe der vergangenen Jahre sind im großen Umfang Menschen in das mit etwa 450 Einwohnern relativ kleine saarländische Wehingen und in die daran angrenzenden Orte zugezogen. Sie gehören zur christlich-charismatischen Stiftung Gemeinde ohne Mauern international – Community without walls (GoM) die dort, nahe der Saarschleife, ihr Zentrum aufgebaut hat1. 600 Menschen gehören zu GoM, davon leben 250 im Saarland2, die meisten, etwa 150, in Wehingen. Einer Meldung des evangelikalen Nachrichtendienstes „Dawn Europa“ vom November 2001 zufolge nehmen an den Gottesdiensten der GoM etwa 250 Personen teil3 und auf ihrer Internetseite bezeichnete sich die GoM selbst als eine der am schnellsten wachsenden Gemeinden in Deutschland4.

„Von Gott gesetzt“ – Struktur, Leitung, Selbstverständnis und Aktivitäten

Die Geschichte der GoM reicht bis zum Anfang der 90er Jahre zurück. Sie ist aus dem „Christlichen Zentrum Saarlouis“ im nordsaarländischen Beckingen entstanden, aus dem später die „Christengemeinschaft Powerhaus“ wurde, mit Sitz in Saarlouis5. „Powerhaus“ wurde 1992 ins Vereinsregister des zuständigen Amtsgerichts eingetragen. Mit dem Ankauf der alten Grundschule wurde das Gemeindezentrum eigenen Angaben zufolge im November 1994 in das etwa 30 km entfernte Wehingen verlegt, einen Ort in einem strukturschwachen Gebiet, bedingt durch die Randlage im Grenzgebiet zu Luxemburg und Frankreich. Vermutlich wurde  „Powerhaus e. V.“ etwa gleichzeitig in „Gemeinde ohne Mauern e.V.“ umbenannt. Im November 2001 wurde schließlich die Errichtung der Stiftung „Gemeinde ohne Mauern international – Community without walls“ im Amtsblatt des Saarlands bekannt- gegeben6.
 
Auf dem ehemaligen Schulgelände wurde, neben der zum Gemeindezentrum umgebauten ehemaligen Grundschule ein zwischenzeitlich offenbar fertiggestelltes Hotel „His Place“ mit 45 Betten, einem Restaurant und einem Wellnessbereich errichtet.

Am 17. Juli 2005 weihte die GoM im elf Kilometer entfernten Merzig-Hilbringen ein neues Gemeinschaftszentrum „His Place“7 ein. In angemieteten Räumlichkeiten entstanden ein großer Versammlungsraum mit etwa 400 Plätzen, ein Fernsehstudio und Buchladen. In einem Nebengebäude gibt es verschiedene kleinere Räume, die sich offenbar auch als Klassenzimmer nutzen lassen.

Für die Zukunft hat die Gemeinde große Pläne und weit reichende Visionen. In der Gemeindezeitschrift „Koinonia“8 ist unter der Überschrift „Erweiterung. Neue Räume – neues Land“ von einem „reformatorischen Ruf“ Gottes an die GoM die Rede, einer „geistlichen Erweiterung“, die der „natürlichen“ folge. Man erwartet beispielsweise in den kommenden Jahren „zu Konferenzen und Seminaren Gäste aus 34 Nationen“.

„Gründer und Pastoren“ der GOM sind die Eheleute Irene („Magi“) und Wayne Negrini, die lange in den USA gelebt haben und eigenen Angaben zufolge 1992 aufgrund eines „Rufes Gottes“ aus Amsterdam ins Saarland gekommen sind. Sie verstehen sich selbst als „Leiter von Leitern“ und werden als „kraftvolle Visionäre“ bezeichnet, die „täglich sehen, wie die Kraft des Heiligen Geistes Christen befreit, heilt und wiederherstellt“. Während Wayne Negrini, der aus den USA stammt, als „prophetischer Gospelsänger“ bezeichnet wird, kommt der aus Österreich stammenden Irene Negrini durch die Fähigkeit des „apostolischen Gabesprechens“ offenbar der besondere Rang einer Prophetin zu. Beide „Gründer“ haben eigenen Angaben zufolge weder eine theologische Ausbildung absolviert noch eine Jüngerschaftsschule besucht. Vielmehr verstehen sie ihr Pastorenamt unter „direkter Führung des Heiligen Geistes“. Ihr Lebensziel ist es, „dem Herrn in einer solchen Art und Weise zu dienen, dass andere Personen zugerüstet werden Ihm zu folgen als erwachsene Söhne Gottes (...). Beide legen einen sehr hohen Wert darauf, Eltern und Mentoren zu sein und auf Leiterschaftstraining (...). Jünger werden nicht geboren, sondern sie werden gemacht.“9 Zu diesem Zweck unterhält die GoM eine Jüngerschaftsschule bzw. ein „Zurüstungs- und Trainingszentrum“, das sich als eine „von Gott gesetzte Wohngemeinschaft“ versteht, in der auch Pastoren ausgebildet werden. Diese Ausbildung, die nicht mit einer akademischen theologischen Ausbildung an einer Universität oder Fachhochschule verglichen werden kann, dauert nach eigenen Angaben etwa 1 bis 3 Jahre.

Zu den vielfältigen Aktivitäten gehören Seminare wie „Schule des heiligen Geistes“, „Gottes Stimme erkennen“, Kindererziehungs-, Ehe- und Identitätsseminare, aber auch Seminare für Führungskräfte, die sich als „Demutsseminare“ verstehen10.

Der Gesundheitsvorsorge kommt im Programm der GoM eine wichtige Rolle zu. Dazu gehören Kurse zur Ernährung aus christlicher Sicht, wobei der „Reinigung“ auch in der geistlichen Praxis der GoM offenbar ein großer Stellenwert beigemessen wird. Angeblich sollen in der GoM auch Menschen durch die Kraft des Glaubens von schweren Krankheiten, z.B. Krebs, geheilt worden sein, so auch Frau Negrini selbst.
 
Seit Gründung der GoM gibt es Gebetsgemeinschaften, Hauskreise, Bibelgruppen, Glaubenskurse, Besinnungstage und Seminare nicht nur in den Räumlichkeiten der GoM, sondern auch in saarländischen Orten der näheren Umgebung, etwa in Homburg, Überherrn, Merzig-Brotdorf und Schwalbach11. Auch in anderen Bundesländern, insbesondere im sächsischen Erzgebirge, gibt es offenbar Gruppen, Treffen und Gottesdienste der GoM, zu denen die Wehinger Pastoren regelmäßig reisen. Es ist davon auszugehen, dass nicht nur in Deutschland, sondern darüber hinaus auch in den Benelux-Ländern und in der Schweiz Menschen leben, die sich der GoM zugehörig betrachten.

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Anmerkungen

1 „Stiftung Gemeinde ohne Mauern international – Community without walls“, Südallee 2, 66693 Mettlach-Wehingen (www.gemeinde-ohne-mauern.com).
2 Quelle: Saarbrücker Zeitung v. 14./15.1.2006, Autor: Harald Knitter.
3 Dawn Europa, Freitagsfax 45/01, 23.11.2001.
4 Unter
http://gemeinde-ohne-mauern.com, Version 2004.
5 Titzstr. 19a, 66740 Saarlouis.
6 Amtsblatt des Saarlands, Jg. 2001, ausgegeben am 29.11.2001, Nr. 53, 2065-2112. 23.10.2001 Bekanntmachung gemäß § 17 des Saarländischen Stiftungsgesetzes vom 11. Juli 1984 (geändert durch Gesetz vom 26. Januar 1994) über die Errichtung der Stiftung „Gemeinde ohne Mauern international – Community without walls“.
7 Merziger Str. 20, 66663 Merzig-Hilbringen.
8 Koinonia Juli-September 2005
9 Unter
www.gemeinde-ohne-mauern.com, Version 2004.
10 Unter
http://gemeinde-ohne-mauern.com/HisPlace/Seminare.htm.
11 Programm vom Mai 2002.

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