publikationen_keyvisual.jpg
Materialdienst 5/2005
Hansjürgen Ruppert

Von "Kraftorten", "heiligen Plätzen" und "sakralen Landschaften"

Verheißungen der Esoterik-Szene

„Magisch Reisen“ lautet der Titel einer Reihe von esoterischen Reiseführern zu magisch besonders interessanten „Kraftplätzen“ oder „Orten der Kraft“ in verschiedenen Ländern der Welt – von Mexiko bis Ägypten.1 Reiseveranstalter bieten Esoterik-Reisen zu alten „Inka-Kraftplätzen“ im Amazonas-Urwald Perus oder zu den ägyptischen Pyramiden an. Wem es nicht möglich ist, mühelos mehrere tausend Euro für ein solches Reiseprogramm hinzublättern, der findet Anleitung genug, sich auch auf eigene Faust innerhalb Europas nach solchen „Kraftorten“ oder „heiligen Plätzen“ prähistorischen Ursprungs umzusehen – für Deutschland beispielsweise mit Hilfe des „Kultplatzbuches“ der Bestsellerautorin Gisela Graichen.2 In Zweitausendeins-Läden oder im Versand erhältlich ist der fast 400 Seiten starke Dünndruckband „Heiliges England. Reiseführer zu den mythischen Stätten Englands“ des Briten John Michell.3

Der Leser stößt darin sogleich auf eine spezifisch esoterisch-naturmagische Sicht der „heiligen Landschaft“ Englands und ihrer Ursprünge. Die Entstehung sakraler Stätten und kultischer Landschaften wird zurückgeführt auf ein „Goldenes Zeitalter“, das tatsächlich einmal während der mittleren Steinzeit auf der Insel existiert haben soll – als die Menschen angeblich noch in völliger „Harmonie mit der Natur“ lebten.4 Auf dieses „Goldene Zeitalter“ sollen auch die „spirituellen Plätze“ und „Kraftorte“ in der Landschaft zurückgehen, die später mit den Kirchen überbaut wurden. Diese uralten „Kraftorte“ werden von Michell auch „Zentren spiritueller Energie“ genannt.5 Damit fällt ein zentrales Stichwort des esoterischen Welt- und Menschenbilds, denn mit den hier verwendeten Begriffen wie „Energie“ oder „Kraft“ sind im Weltbild der modernen Esoterik ganz bestimmte Vorstellungen verbunden, die im Folgenden erläutert werden sollen.

Kraftorte – Zentren kosmischer Lebensenergie

Die in der modernen Esoterik verbreitete Sicht eines „magischen Naturbewusstseins“6 stellt sich die Erde – Gaia – als ein „lebendiges Wesen“ oder als einen „Organismus“ vor. Diese Perspektive verbindet esoterische mit ökologischen Weltbildern, insbesondere den Zielsetzungen einer „spirituellen Ökologie“, von denen sie auf den ersten Blick nicht genau zu unterscheiden sind. Doch zusätzlich zu den bekannten Energieformen und der Vierkräftelehre der Physik7 kennt die moderne Esoterik die Vorstellung von einer weiteren einheitlichen kosmischen Lebensenergie. Vielfach wird diese eine, alles durchdringende universale Lebensenergie mit der Schöpferkraft identifiziert, gewissermaßen dem „Atem Gottes“ oder, wo kein persönlicher Schöpfer geglaubt wird, mit der göttlichen Schöpfungskraft in der Natur8. Hierbei werden in der Esoterik die verschiedensten Begriffe aus ganz unterschiedlichen Kulturen aufgegriffen, um diese universale Lebenskraft zu bezeichnen – vom indischen Prana über das polynesische Mana bis zum chinesischen Chi.

Nach esoterischen Vorstellungen findet diese universale Lebensenergie ihre Verdichtung oder Konzentration an bestimmten Orten im Kosmos oder auf der Erde. Diese sind gleichsam die Organe des großen Organismus, den die Erde darstellt. Solche Organe der kosmischen Lebenskraft aber bezeichnen Michell und andere Vertreter des naturmagischen Glaubens an die Kräfte der Erde auch als „heilige Plätze“ oder „Zentren spiritueller Energie“. Derartige Vorstellungen entstanden kulturgeschichtlich allerdings schon lange vor der heutigen Esoterik in vielen Weltgegenden: Der lebendige Organismus der Erde wird danach durchströmt von „Energie“, die sich an sog. „Kraftorten“ oder „heiligen Plätzen“ in besonderer Weise manifestiert und dort verfügbar ist. Ein „Heiliger Platz“ oder „Kraftort“ ist gewissermaßen ein energetisches Zentrum oder ein Impulsgeber der Lebensenergie, die von da aus den ganzen Organismus der Erde durchflutet, wie das Blut den menschlichen Körper. Die „Blutbahnen“ aber, die solche „Heiligen Plätze“ in der Landschaft zwecks energetischer Versorgung oder Informationsaustausch miteinander verbinden, bezeichnen Autoren wie Michell auch als Kraftlinien oder Leylines.

Lesen Sie weiter im Materialdienst.

Anmerkungen

1 Für Deutschland vgl. das mit einer Auflage von 24.000 Exemplaren wahrscheinlich meistverkaufte Buch zum Thema „Kraftorte“ von David Luczyn, Magisch Reisen Deutschland. Wo die Seele Kraft tankt, erw. Neuausgabe, München 2001.
2 Gisela Graichen, Das Kultplatzbuch. Ein Führer zu alten Opferplätzen, Heiligtümern und Kultstätten in Deutschland, Hamburg 1988.
3 John Michell, Heiliges England. Reiseführer zu den mythischen Stätten Englands, Frankfurt a. M. 2000 (amerikan. Originalausgabe: The Traveller’s Guide to Sacral England, New York 1988).
4 Ebd., 4.
5 Ebd., IX.
6 Vgl. dazu Eduard Gugenberger/Roman Schweidlenka, Mutter Erde, Magie und Politik, Wien 1987.
7 Vgl. dazu Martin Lambeck, Irrt die Physik? Über alternative Medizin und Esoterik, München 2003, 15ff.
8 Die Stammmutter der modernen Esoterik, Helena Blavatsky, spricht in ihrer „Geheimlehre“ (1888) von „Fohat“ als der sich in Elektrizität und Sonnenenergie manifestierenden universalen Lebenskraft. Mittels dieser „elektrisch-energetischen und vitalen Kraft“ werden nach der „Geheimlehre“ die sich zyklisch manifestierenden Universen geschaffen und erhalten. Vgl. dazu Nicholas Goodrick-Clarke, Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus, Wiesbaden 2004, 25ff.

Inhaltsverzeichnis, Bestellung und Download

Materialdienst Archiv

Die Ausgaben der Jahrgänge 1970-2015 sind für alle Internetnutzer als pdf-Dateien abrufbar.

Eine schnelle Orientierung bieten die Jahrgangsübersichten mit den Schwerpunktthemen, die einzelnen Ausgaben sind über vollständige Inhaltsverzeichnisse erschlossen.

Allen, die den Materialdienst abonniert haben, stellen wir die aktuelle Ausgabe am Anfang des Monats zusätzlich als pdf-Datei zur Verfügung. Außerdem ist ein exklusiver Zugang zu den jeweils letzten zwei Jahrgängen (2016 u. 2017) eingerichtet.

Materialdienst abonnieren

So verpassen Sie keine Ausgabe: Abonnieren Sie den Materialdienst!