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Materialdienst 1/2005
Andreas Fincke

"Wir konkurrieren mit den Kirchen"

Der Humanistische Verband Deutschlands - Ziele, Themen, Aporien

Vor genau einhundert Jahren wurde 1905 in Preußen der „Verein der Freidenker für Feuerbestattung“ gegründet. Mit zahlreichen Veranstaltungen wollen die organisierten Freidenker in den nächsten Monaten an dieses Ereignis erinnern. Die Geschichte der Freidenkerei war im 20. Jahrhundert von Aufbrüchen, Umbrüchen, aber auch von Einbrüchen gekennzeichnet. Vor 1933 hatte die Bewegung etwa 600.000 Mitglieder; einige waren sicher auch deshalb eingetreten, weil der Verein die Funktion einer Sterbekasse übernommen hatte. Dennoch stand sein dezidiert antikirchliches Anliegen unübersehbar im Vordergrund. In einem Flugblatt (vermutlich) aus den zwanziger Jahren warb der Verein damit, dass er „mit allen Kräften den Kampf gegen Kirche und Reaktion führt“. Allen Beitrittswilligen wurde unmissverständlich erklärt: „Für den Eintritt in unsere Organisation ist der Kirchenaustritt Vorbedingung.“ Nach 1945 gelang es den Freidenkern vorerst nicht, nennenswerten Einfluss zu gewinnen. Das ist um so bemerkenswerter, da Deutschland in den letzten Jahrzehnten eine starke Säkularisierung erlebt. Müsste nicht die Entkirchlichung zu einer Stärkung der Freidenkerei führen? Oder scheitern die Freidenker an ihren eigenen Zielen?


Im Frühjahr 2004 brachte ein PDS-Parlamentarier im Berliner Abgeordnetenhaus eine Kleine Anfrage ein, mit der er Aufklärung über die „Sonderrechte und Privilegien für Großkirchen“ einforderte. Die Auskunft des Hohen Hauses sorgte für Diskussionen, weil sie auch öffentlich machte, dass der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) durch den Senat eine „großzügige Unterstützung“ seiner Arbeit erfährt, die „proportional gesehen“ die Zuwendungen, die andere Religions- bzw. Weltanschauungsgemeinschaften erhalten, „weit übersteigt“.1 Konkret wurden folgende Zahlen genannt: Im Jahre 1999 erhielten die beiden großen Kirchen je Mitglied 20 DM, die Jüdischen Gemeinden 1.114 DM und der HVD 3.018 DM. In den Folgejahren hat sich im Prinzip an diesen Zahlungen nichts geändert. Im Jahre 2003 konnte der HVD eine staatliche Förderung in Höhe von 582.460 Euro verbuchen, dem lediglich 54.140 Euro an eigenen Einnahmen gegenüberstanden. „Mit seinen Eigeneinnahmen könnte der HVD noch nicht einmal seinen eigenen Geschäftsführer finanzieren“, hieß es dazu in der betreffenden Senats-Drucksache. Obwohl diese Zahlen in der Sache nicht neu waren, riefen sie ein reges Medienecho hervor. Verwundert wurde gefragt, warum der HVD – verglichen mit den Kirchen – das 150-fache an finanziellen Zuwendungen erhält. Schlagzeilen wie „Gottesleugner lassen sich fast komplett vom Staat finanzieren“ waren zu lesen. Was für eine Organisation ist dieser HVD, der vom klammen Berliner Senat jährlich mehr als 580.000 Euro an institutioneller Förderung erhält?

Ein Dachverband der Konfessionslosen

Der Humanistische Verband Deutschlands wurde am 14. Januar 1993 in Berlin gegründet. Vorausgegangen waren diesem Schritt kontroverse Diskussionen in den Reihen der Kirchenkritiker und Atheisten über die Notwendigkeit einer Dachorganisation der Konfessionslosenverbände in Deutschland. Eine große Rolle spielten bei den Überlegungen die sich wandelnden religiös-weltanschaulichen Befindlichkeiten: Die Menschen aus der ehemaligen DDR brachten eine massive Entkirchlichung in das wiedervereinigte Deutschland mit, aber auch in Westdeutschland bahnten sich Verwerfungen in der religiösen Landschaft an. An der Gründung des HVD waren sowohl Verbände aus den alten wie aus den neuen Bundesländern beteiligt, so etwa die Freigeistige Landesgemeinschaft Nordrhein-Westfalen, die Freien Humanisten Sachsen-Anhalt, der Interessenverband der Konfessionslosen in Brandenburg und der Berliner Landesverband des Deutschen Freidenker-Verbandes. Später schlossen sich weitere Verbände an, wie z. B. die Freidenker Wuppertal und die Freien Humanisten aus Niedersachsen.

Für die neue, bundesweit tätige Organisation wurde ein Name gewählt, mit dem sich nicht nur die verschiedenen Mitgliedsverbände identifizieren konnten, sondern der auch international zugkräftig ist. Die Entscheidung fiel auf „Humanistischer Verband“, weil die Konfessionslosenverbände vieler Länder ihre Weltanschauung als „humanistische Lebensauffassung“ apostrophieren und das Wort „Humanismus“ in diesem Kontext meist als nicht-religiöse Lebensauffassung verstanden wird.

Der HVD ist eine Weltanschauungsgemeinschaft, die eine „Kultur- und Interessenorganisation von Humanistinnen und Humanisten in Deutschland“ sein will. Die Mitglieder fühlen sich durch „säkulare ethische Lebensauffassungen“ verbunden. Man ist der Überzeugung, dass „ein moderner praktischer Humanismus im Kern darin besteht, dass Menschen ein selbstbestimmtes und verantwortliches Leben führen und einfordern, ohne sich dabei religiösen Glaubensvorstellungen zu unterwerfen“.2

In Deutschland ist der HVD mittlerweile ein Dachverband von knapp dreißig selbständigen Organisationen, Initiativen und Einzelpersonen aus dem Spektrum der Konfessionslosen, der Atheisten, der Agnostiker, der Freidenker usw. Da seine organisatorische Kraft begrenzt ist, ist er nicht in allen Bundesländern vertreten. Nennenswert sind die Landesverbände von Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen. In Bayern, NRW und Niedersachsen sind die Landesverbände Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR). In Berlin hatte der Landesverband vor einigen Jahren diesen Status beantragt, scheiterte jedoch an den verfassungsrechtlichen Vorgaben: Aufgrund der geringen Mitgliederzahl sahen die Gerichte die Gewähr der Dauer nicht gegeben bzw. die finanzielle Basis der Arbeit nicht ausreichend gefestigt.

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Anmerkungen

1 Abgeordnetenhaus von Berlin, Drucksache 15/11442 und 15/11443.
2 Sämtliche Zitate aus: Humanistisches Selbstverständnis 2001 im Internet unter http://www.humanismus.de/downloads/hsv.pdf zu finden.

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