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Materialdienst 6/2005
Rike Ehrhardt

Ein Guru im Wohnzimmer

Erleuchtung für Jedermann

Es ist Mitte März, gegen 19.30 Uhr, als ich das Haus in Berlin-Frohnau betrete, in dem heute Abend ein „Satsang“ stattfinden soll. „Satsang“, so habe ich erfahren, bedeutet soviel wie „Zusammensein mit einem Erleuchteten“, heute und hier handelt es sich dabei um Samarpan, einen Amerikaner, der in Frankfurt lebt und in den 1990er Jahren zur Weisheit fand.
 
Den sanft geschwungenen Weg vom Zaun zum Hauseingang erhellt warmes Kerzenlicht. Im schmalen Flur deutet die Anzahl der Schuhpaare auf über fünfzig Gäste hin, was meine Erwartungen bei weitem übertrifft – ab jetzt ist „Stille“ geboten. Das große Wohnzimmer ist offensichtlich leer geräumt worden, um Platz für die Besucher zu schaffen, die auf Klappstühlen sitzen oder es sich auf einem der Sofas oder auf den Sesseln bequem gemacht haben, die an den Wänden stehen. In starkem Kontrast zu der behaglichen Atmosphäre sticht ein erstaunlicher Aufwand an Technik ins Auge, der an diesem Abend zum Einsatz kommen wird. Neben einem imposanten Mischpult mit allerlei Zusatzgeräten entdecke ich mehrere Lautsprecher auf Stativen und einige dezent angebrachte Scheinwerfer. Drei auf Stativen installierte Videokameras werden die Lehrrede und die Gespräche des Meisters mit seinen Schülern dokumentieren.
 
Ich muss, nachdem ich mich meiner Schuhe entledigt und die erbetene Spende von 15 Euro erbracht habe, auf eine Art Galerie ausweichen, der Hauptraum ist bereits mit erwartungsvollen Menschen überfüllt. Von hier oben ist das Podium gut zu sehen, auf dem sich später der „Erleuchtete“ niederlassen wird. Verschiedene Gegenstände sind darauf von liebevoller Hand gezielt platziert worden. Unter Überwürfen aus gold-braun schimmerndem Samtimitat verschwinden zwei thronartige Stühle mit hoher Lehne. Derselbe Stoff, nun aber in vertrauenerweckendem zarten Hellblau, verkleidet die Wand hinter den Stühlen großflächig und bildet quasi die Kulisse, vor der sich alles abspielt. Auch die hohen Bücherregale und Wände seitlich des Podiums sind mit Stoffen und Tüchern verhängt, die meisten in einem cremeweißen Ton und ebenfalls samtig schimmernd. Hinter einem Sitzkissen für den „next guest“ sind an einem Ständer fünf große Fotos spiritueller Meister senkrecht übereinander aufgehängt: ganz oben Osho, dann Ramana Maharshi, Papaji, Gangaji und unten Jesus. Die Meister lächeln den Betrachter mit offenem und freundlichem Gesichtsausdruck an. An einem weiteren Ständer genau auf der gegenüberliegenden Seite des Podiums hängen mit Herzchen verzierte indische Liedtexte. Diese Texte werden nun durch eine der anwesenden Frauen mit angenehmer Stimme mikrophonverstärkt gesungen. Begleitet wird sie live auf einem Keyboard, und was die sanften Farben, weichen Stoffe und die aufwendige Beleuchtung bis dahin nicht an „Alles-ist-gut“-Stimmung schaffen konnten, wird nun mittels sphärischer Klänge, eingängiger Melodien und beruhigender Rhythmen nachgeholt. Immer mehr Besucher stimmen in den Gesang ein: „Shanti OM, Gurudeva, Gurudeva, Shanti OM, Shanti OM“.

Während noch gesungen wird, erscheint ein großer, kräftiger Mann auf dem Podium. Er hat grau gelocktes Haar mit Halbglatze, tiefliegende Augen, viele Falten und einen passiven, ja fast apathischen Gesichtsausdruck. In seiner ganzen Erscheinung ist er unschwer als der „erleuchtete“ Meister Samarpan zu erkennen. Bevor er sich auf dem linken Sessel niederlässt, verneigt er sich mit gefalteten Händen und einer kleinen Verbeugung vor den Bildern der spirituellen Meister. Dann sitzt er mit halbgeschlossen Augen und wiegendem Kopf auf dem Podest und lauscht dem Gesang der Anwesenden. Bei genauerer Betrachtung wirkt sein Gesicht grau und fahl. Sein eindringlicher Blick, den er später in die Runde schweifen lässt, wirkt kalt und leer. Nach Ende des letzten Liedes begrüßt er jeden Gast, indem er ihn mit zum Kinn erhobenen, zusammengelegten Händen anschaut.

Und dann beginnt er zu sprechen, mit ganz sanfter Stimme, vorsichtig, so als wolle er ein zartes Netz, das sich durch das ganze Vorprogramm unter den Anwesenden gesponnen hat, nicht durch Grobheit und Unsensibilität zerreißen. Er spricht auf Englisch, eine junge Frau übersetzt flüssig und präzise simultan. Es sind einfache Worte, die davon handeln, dass bereits alles gut ist. Dass alles so ist, wie es sein soll. Dass man nichts erreichen muss, weil man schon immer dort war, wo man ist und wo es einem bestimmt ist zu sein. Die einzige Aufgabe bestehe darin, diesen Jetzt-Zustand in Gänze zu leben. Samarpan sieht die größte Herausforderung darin, sich nicht von erworbenen Vorstellungen, Glaubensüberzeugungen und gesellschaftlichen Zielen leiten zu lassen, sondern in der reinen Wahrheit zu existieren. Nach zehn Minuten erklärt er, dass dies seine Botschaft für den heutigen Abend gewesen sei. Minutenlanges Schweigen folgt, bis endlich der erste Besucher vortritt, um auf dem Stuhl neben dem Meister Platz zu nehmen.

Der aufgeregte Mann im roten Hemd ist Mitte 40. Seine Stimme klingt kraftlos, immer wieder gerät er ins Stocken. Wie ein kleiner Schuljunge wirkt er neben dem Meister, von dem er die Augen nicht wenden mag, dessen Anblick er aber gleichzeitig kaum zu ertragen scheint, denn nervös schaut er immer wieder in andere Richtungen. Wir erfahren, dass er sein ganzes bisheriges Leben unter schweren manisch-depressiven Phasen gelitten habe, die jetzt aber abgenommen hätten. Selbst diesen Winter, in dem er doch kaum gewusst habe, wovon er leben solle, habe er überlebt, obwohl er nur das gemacht habe, was ihm Spaß bringe. Dennoch kehrten sie immer wieder, diese Stimmungen und Gedanken, die ihn mit Selbstmord lockten, und dann halte er sich für unnormal und alles würde so schwer.

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