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Materialdienst 3/2005
Scientology

Scientology sucht die Nähe des tibetischen Buddhismus

(Letzter Bericht: 1/2005, 31f) In letzter Zeit lässt sich beobachten, dass die Scientology-Organisation (SO) offenbar bemüht ist, sich dem tibetischen Buddhismus anzubiedern, ihn für ihre Zwecke zu vereinnahmen und quasi als Trittbrettfahrer von dessen Popularität zu profitieren – angesichts des nach wie vor verheerenden Images der Scientologen in weiten Teilen Europas ein verständliches Unterfangen.

Dieser Versuch ist insofern nicht neu, als Scientology schon lange behauptet, dass zwischen ihr und dem Buddhismus zahlreiche Parallelen bestünden.1 Doch auch wenn Scientology-Spitzen wie David Miscavige noch so sehr betonen, dass die Ideologie der Scientology-Organisation auf der „10.000jährigen (sic!) Tradition des Buddhismus“ basiere, ist diese Behauptung unter religionswissenschaftlichem Aspekt völlig unhaltbar2, und es kann daher auch nicht erstaunen, dass buddhistische Dachvereinigungen wie die Deutsche Buddhistische Union (DBU) sich immer wieder klar und eindeutig von Scientology distanziert haben. Die DBU etwa sah sich 1996 zu der Feststellung veranlasst, „dass die behaupteten Verbindungen zwischen Scientology und Buddhismus reiner Zweckopportunismus sind, und dass die grundlegenden Lehren des Buddhismus von Scientology entweder gar nicht angestrebt oder aber missverstanden werden“.3 Da nützt es auch nichts, dass der Scientology-Gründer L. Ron Hubbard behauptete, in seiner Jugend Tibet besucht zu haben – denn wie so vieles in Hubbards Biographie war dies frei erfunden.

Scientology lässt sich jedoch nicht davon abbringen, immer wieder die Nähe zum tibetischen Buddhismus zu suchen. Das im September 2003 von den Scientologen eröffnete „European Office for Public Affairs and Human Rights“ in Brüssel organisierte schon zwei Monate nach der Einweihung einen Auftritt des tibetischen Mönchs Bagdro, der von seiner Inhaftierung und Misshandlung in chinesischen Gefängnissen sprach. Anschließend haben ihm die Scientologen offenbar bei seinem Auftritt vor der Tibet-Gruppe des Europäischen Parlaments assistiert.4 Darüber hinaus scheint es auch Versuche zu geben, Verbindungen zu den Tibet-Unterstützungsgruppen im Westen herzustellen. So kam es im Juni 2004 zur Kontaktaufnahme eines Scientologen mit der „Tibet-Initiative München“, die es aber ablehnte, sich auf solch dubiose Bündnispartner einzulassen. Die Strategie scheint klar zu sein: Die SO versucht, indem sie sich als angeblich verfolgte Religionsgemeinschaft darstellt, auf dem Themenfeld „Menschenrechte“ Allianzen zu schmieden und diese zur Ausdehnung ihres gesellschaftlichen Einflusses zu nutzen.
 
Auch in Indien suchten die Scientologen die Tuchfühlung mit Vertretern des tibetischen Buddhismus. Am 22. Dezember 2004 meldete die SO auf einer ihrer Internet-Seiten, dass tibetische Mönche in den indischen Städten Bylakuppe und Hunsur Scientology-Workshops besucht hätten, die von der amerikanischen Scientologin Agnes Barton geleitet wurden. Tausende Mönche seien gekommen, um die Techniken L. Ron Hubbards zu erlernen. Offenbar ging es in den Workshops vor allem um die Behandlung von Krankheiten, jedenfalls sei der Blutdruck eines älteren tibetischen Mönchs in nur 40 Minuten von 138 zu 88 auf 120 zu 70 gefallen. Auf der Scientology-Homepage wird außerdem berichtet, dass die Ausbildung der Tibeter in Zusammenarbeit mit der „Indo-Tibetan Friendship Society“ (IFS) erfolgt sei. Daneben präsentiert Scientology ein Foto, auf dem besagte Agnes Barton zusammen mit dem Dalai Lama zu sehen ist. Das geistliche und weltliche Oberhaupt der Tibeter habe am 19. Dezember 2004 seine Anerkennung für die „exzellente Arbeit“ der IFS zum Ausdruck gebracht.5

Diese Kontakte wurden von Scientology genutzt, um sich nach der verheerenden Tsunami-Katastrophe als selbstlose Helfer zu präsentieren. Nachdem die Scientologen schon seit einigen Jahren an allen möglichen Unglücksorten auftauchen und versuchen, sich dort mit ihren „ehrenamtlichen Geistlichen“ in Szene zu setzen6 – so etwa nach dem Terrorangriff auf die Schule von Beslan oder am Ort der Flugzeugkatastrophe von Überlingen – war es nur eine Frage der Zeit, bis sie auch die Tsunami-Opfer für ihre Zwecke zu missbrauchen suchten. So meldete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, dass Scientologen im besonders schwer verwüsteten Banda Aceh auf Sumatra „ein provisorisches Trauma-Zentrum aufgebaut“ hätten.7 Am 1. Januar berichtete Scientology, dass „mit dem Segen Seiner Heiligkeit” [gemeint ist wohl der Dalai Lama] buddhistische Mönche und „ehrenamtliche Geistliche” der Scientology nach Chennai aufgebrochen seien, um sich um die Flutopfer an der indischen Ostküste zu kümmern.8 Kurze Zeit später veröffentlichte Scientology ein Foto mit ihren „ehrenamtlichen Geistlichen“ und buddhistischen Mönchen vor einem Bus der IFS.9 Und ein deutscher Leserbriefschreiber – vermutlich selbst Scientology-Anhänger – verkündete in der Zeitung „Saar-Echo“ stolz: „Der Dalai Lama hat zur Verstärkung tibetische Mönche gesandt, damit sie mit dem Know-How des Scientology-Begründers Ron Hubbard helfen, das sie von Scientologen kennen gelernt hatten.“10

Unter den Tibetern scheint durchaus diskutiert zu werden, was man von dieser Art der Unterstützung halten soll, da man sich bisher anscheinend noch nicht im Klaren darüber ist, ob man Scientology als Sekte oder Religion einschätzen soll.11 Man kann nur hoffen, dass die tibetische Exilregierung und die Würdenträger des tibetischen Buddhismus in dieser Angelegenheit noch ein klärendes Wort sprechen und damit eine eindeutige Abgrenzung von den Anbiederungsversuchen der Scientologen erfolgt.

Anmerkungen

1 Siehe hierzu z.B. Per-Arne Berglie, Scientology – Ein Vergleich mit östlichen und westlichen Religionen, Los Angeles o.J.; es steht zu vermuten, dass es sich hierbei um ein von Scientology in Auftrag gegebenes Gefälligkeitsgutachten handelt.
2 Siehe dazu Werner Thiede, Scientology – Religion oder Geistesmagie? (= R.A.T.-Band 1), 2., überarbeitete Aufl., Konstanz 1995, 115-118.
3 Zitiert nach http://www.religio.de/therapie/sc/hubbud.html; die Erklärung der DBU erschien auch in der Zeitschrift „Lotusblätter“, 1/1996, 59ff.
4 Siehe http://www.scientology-europe.org/en_US/activities/.
5 Siehe http://www.scientology.org/en_US/news-media/briefing/2004/tibet/.
6 Siehe dazu http://www.ingo-heinemann.de/Katastrophen.htm.
7 Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.1.2005.
8 Siehe http://www.volunteerministers.org/eng/news/index.htm.
9 Siehe http://www.ingo-heinemann.de/Katastrophen.htm#Tsunami.
10 Saar-Echo vom 14.1.2005.
11 Siehe dazu den Artikel von Tenzin Gaphel im exil-tibetischen Nachrichtendienst „Phayul“ unter http://www.phayul.com/news/article.aspx?id=8799&t=1.

Christian Ruch, Zürich

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