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Materialdienst 3/2005
Reinhard Hempelmann / Werner Brändle

Allmächtig, unfehlbar, apathisch?

Theodizee als Frage nach Gott

In nur wenigen Minuten verwandelten sich die Urlaubsparadiese Südostasiens in eine Hölle. Die Flutwelle riss Tausende in den Tod und erinnerte schmerzlich daran, dass es keine Strategie gibt, die Risiken des Lebens in den Griff zu bekommen. Auch der wissenschaftlich-technische Fortschritt gewährt keine letzte Sicherheit vor der Urgewalt der Natur, auch wenn es richtig ist, das Mögliche zu tun, um vor solchen Katastrophen zu warnen. Schmerzhaft wurden wir daran erinnert: Leben in Raum und Zeit ist gefährdetes, verletzliches Leben. „Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen“ (Martin Luther). Bittend haben wir gesprochen: Kyrie eleison. Und klagend haben wir die Frage gestellt, die angesichts der Erfahrungen von Leid und Schmerz von Menschen immer wieder gestellt wurde und gestellt wird, die Frage nach Gottes Güte und Gerechtigkeit. In einem Gedicht von Lothar Zenetti1 ist die Fülle der Fragen, Klagen und Anklagen zur Sprache gebracht:

Warum nur?

Wie kann ein Gott, fragt ihr, wenn es ihn gibt,
nur zulassen all das Schreckliche, was geschieht,
wie kann er zusehen dabei, und verhindert es nicht?

Warum läßt er sie einfach gewähren, die Mörder
und die Gewalttäter, die über Leichen gehen,
und alle, die sich bereichern am Elend der Armen?

Wenn er nur wollte, er, der allmächtig ist,
könnte doch wehren dem Bösen, der Brutalität,
die schon aufwächst unter den Kindern?

Aber will er? Liegt ihm daran? Vernimmt er
das Weinen derer, die ihre Lieben beklagen,
berührt ihn das himmelschreiende Unrecht?

Und wenn es ihn rührt, warum schweigt er dazu?
Ein Wort von ihm, und keiner, kein einziger
müßte mehr leiden, sterben und elend zugrunde gehn.

Doch auch den Vogel hindert er nicht,
nach den tanzenden Mücken zu jagen, und er lähmt nicht,
bevor sie den Vogel erbeutet, die Katze im Sprung.

Der Erfahrungsbezug des Themas

Die Anfrage an die Allmacht, Gerechtigkeit und Liebe Gottes zieht sich wie ein ununterbrochener Klagepsalm durch die Geschichte der Menschheit. Dabei scheint im Fortgang der Neuzeit die Deutlichkeit, mit der diese Frage zum Ausdruck gebracht wird, immer mächtiger und feindseliger zu werden.2 Hieß die herkömmliche Frage „Warum lässt Gott so viel Böses zu?“, so lautet die modernere Version „Kann es einen Gott geben, der so viel Böses zulässt?“ (Kurt Tucholsky, Alfred Andersch, Wolfgang Borchert u.a.) bzw. „Ist Gott, der so viel Böses zulässt, nicht ein Dämon?“ (Arno Schmidt, Elie Wiesel).3 Können wir noch in kindlicher Naivität Gott als Schöpfer und Herrn der Geschichte bekennen, wenn zur Schöpfung die Krebszellen, zur Geschichte unzählige Katastrophen gehören, wenn Kinder leiden müssen und dem Leiden distanzlos ausgeliefert sind? „Was kann die Hölle wieder gutmachen, wenn das Kindchen schon zu Tode gequält ist?“, fragt Fjodor M. Dostojewski in den „Brüdern Karamasoff“. „Warum gerade ich?“, fragen zahllose Menschen, die erfahren, dass sie Krebs haben, dass sie unheilbar krank sind, dass sie mit Behinderungen leben müssen. Seit Gottfried Wilhelm Leibniz heißt diese Frage, die die Menschheit seit Jahrtausenden bewegt, Theodizee, die Frage nach der Rechtfertigung, nach der Gerechtigkeit Gottes.

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Anmerkungen

1 Lothar Zenetti, Die Stunde der Seiltänzer. Geschichten und Gedichte, München 1982, 125f.
2 Vgl. Heinz Zahrnt, Wie kann Gott das zulassen? Hiob – Der Mensch im Leid, München/Zürich 1988, 9ff.
3 Vgl. Horst Georg Pöhlmann, Der Atheismus oder der Streit um Gott, Gütersloh 1977, 177-186, hier 180.

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