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Materialdienst 4/2005
Wolf Krötke

Sind monotheistische Religionen besonders "anfällig" für Gewalt?

I. Monotheismus und politisch-militärische Gewalt

Wenn wir auf die Geschichte der sogenannten "monotheistischen Religionen" sehen, dann werden wir - alle Ausnahmen sofort konzidiert! - geneigt sein, unsere Frage im Großen und Ganzen mit Ja zu beantworten. Ja, monotheistische Religionen scheinen besonders "anfällig" für Gewalt zu sein, d.h. anfällig dafür, ihrem Glauben an den einen Gott auch mit Hilfe von Gewalt Anerkennung zu verschaffen. Denn diese Religionen (ich rede hier vor allem von denen, die wir "abrahamitische Religionen" nennen) haben sich faktisch bei ihrer Ausbreitung und Durchsetzung ohne Frage des Mittels ziemlich extensiver Gewaltanwendung bedient. Wer das Josua- und Richterbuch der Hebräischen Bibel liest, das Christentum des Konstantinischen Zeitalters in den Blick nimmt und sich das Raumgewinnen des Islam in der arabischen Welt und darüber hinaus vergegenwärtigt, kann ohne Zweifel einen roten Faden, besser: eine schrecklich breite blutrote Spur finden, die mit diesen Religionen verbunden ist.

Aber nun will ja unsere Frage nicht nur auf eine geschichtliche Bestandsaufnahme hinaus. Sie zielt aus aktuellem Anlass - der religiösen Begründung von Terror und der religiösen Begründung seiner Abwehr in den USA - darauf, herauszubekommen, ob der "Monotheismus" nicht von seinen ureigensten Grundlagen her immer schon zur Gewaltanwendung gegenüber anderen Menschen, anders Glaubenden tendiere. "Anfällig" für Gewalt sind alle Religionen, polytheistische, monotheistische oder wie sie alle heißen. Das brauche ich nicht erst lange mit der Religionsgeschichte und Beispielen aus der Gegenwart zu belegen. Denn die Träger einer Religion sind eben immer Menschen. Und Menschen kennen wir als Einzelne, als Gruppen und Völker leider nicht anders als so, dass sie "anfällig" dafür sind, "besonders" anfällig sogar, sich selbst mit Gewalt gegen die durchzusetzen, die anders sind als sie oder von denen sie sich bedroht fühlen.

In unserer Frage aber schwingt offenkundig die Ansicht mit, dass es dort, wo eine "Religion" ist, eigentlich nicht so sein sollte. "Anfällig" sind wir nur für etwas Fremdes, für etwas, was nicht zu uns gehört. Von der "Religion" aber wird gerade heutzutage mit Recht erwartet, dass so etwas Bösartiges wie der Hass und all das Elend, das er gewalttätig verursacht, nicht zu ihr gehören. Was aber ist, wenn sich der Monotheismus der verschiedenen heutigen Weltreligionen von Hause aus mit Hass und Feindschaft auf Andere, die anders glauben und denken, reimt? Wenn er, statt die Wogen des Gegeneinanders der Völker und Kulturen im Zeitalter der Globalisierung zu glätten, mit innerer Logik und aus alter Gewohnheit erst richtig Öl ins Feuer des unter Menschen immer wieder aufflammenden Hasses gießen muss? Dann müssten wir angesichts der Weltprobleme, die wir schon ohne Religion haben, wohl urteilen, dass Monotheismus eine für die Menschheit geradezu verderbliche religiöse Glaubensrichtung sei.

Den Anfangsverdacht, dass Monotheismus nicht nur "anfällig" für Gewalt sei, sondern dass Gewaltanwendung ihm inhärent ist, begründet schon dieser Begriff: "Mono-Theismus". Er ist seit der Aufklärungszeit gebräuchlich.1 In dieser Tradition handelt es sich jedoch nicht um eine wertfreie religionsphilosophische Kategorie, die sich einer vergleichenden Betrachtung der Religionen verdankt. Monotheismus meint zwar den Glauben an einen Gott im Unterschied zum Polytheismus, dem Vielgötterglauben, aber auch im Unterschied zum "Fetischismus" der sog. "Naturreligionen". Doch der Begriff  "Theismus" impliziert zugleich eine bestimmte Wertung des Verhältnisses des einen Gottes zur Welt. Er bezeichnet - wenn wir uns an Immanuel Kants Definition halten2 - den Glauben an den einen personalen Welturheber und Regierer der ganzen Welt. Er versteht den einen Gott also in einem bestimmten Anspruch an die Welt, der darin begründet ist, dass sich ihm Alle verdanken. Wenn das so ist, dann ist der Schluss nahe liegend, dass ihn Alle verehren müssen. Das aber hat für das Selbstverständnis derer, die an ihn glauben, die nahe liegende Konsequenz, dass sie Repräsentanten dieses Anspruches an Alle sind und sich in irgendeiner Weise berufen fühlen, diesen Anspruch durchzusetzen.

"Monotheismus" kann dann eine Herrschaftskategorie werden. Der eine Herrscher im Himmel bestimmt die, die an ihn glauben, zur Durchsetzung seiner Herrschaft auf der Erde mit den Mitteln politischer und militärischer Macht. Wir können diesen Gedanken durchaus auch in der Geschichte des Christentums antreffen. Erik Peterson hat das in seiner berühmten Studie über den "Monotheismus als politisches Problem" schön dargestellt.3 Schon die sog. Apologeten des 2. Jahrhunderts, aber auch der berühmte Origenes, setzten den Glauben an den einen Gott in Beziehung zum einen Imperium Romanum. Die Monarchie des Augustus wird zusammen mit dem Auftreten Jesu Christi als Beginn der Erfüllung der Verheißung der Herrschaft des einen Gottes über alle Menschen verstanden. Bestimmend ist dabei allerdings, dass diese Herrschaft eine Herrschaft des Friedens sein soll. Der Vielgötterglaube wird als Ausdruck eines mit der Nationalstaatlichkeit verbundenen Pluralismus bewertet, der zum Krieg Aller gegen Alle führte. "Als dann aber der Herr und Heiland erschien und zugleich mit seiner Ankunft Augustus als der Erste unter den Römern über die Nationalitäten Herr wurde, da löste sich die pluralistische Vielherrschaft auf und Friede erfaßte die ganze Erde".4 So lesen wir es in der Kirchengeschichte des Euseb von Cäsarea im 4. Jahrhundert. Kaiser Konstantins Herrschaft wird von Euseb darum als Wiederherstellung der Herrschaft des Augustus interpretiert. Dem einen König im Himmel, dem einen göttliche Logos und Nomos entspricht das eine Imperium des Friedens mit dem einem Monarchen an der Spitze.5

Wenn der Begriff "Monotheismus" also einen derartigen Zusammenschluss des Glaubens an die Herrschaft des einen Gottes und politisch-militärischer Herrschaft annonciert, dann profiliert er per se diesen Glauben bzw. die Glaubenden als dauerhaft gewaltbereit. Denn natürlich war die Vorstellung von einem Friedensreich, das auf der militärischen Gewalt eines Staates beruht, eine gefährliche Illusion. Sie muss zur Dauerrechtfertigung der Gewalt führen. Dergleichen treffen wir im Übrigen ja nicht nur in den Religionen an, sondern auch bei Weltanschauungen der Neuzeit, die im Namen nur eines Weltprinzips - sei es der Rasse oder der Klasse - die ganze Welt als ein Eroberungsfeld ansehen. Dass es sich im Falle des christlichen Glaubens bei der Vermischung von göttlicher und weltlicher Herrschaft um einen schweren Missbrauch der christlichen Verkündigung des einen Gottes handelt, wie sie uns z.B. in der Verkündigung Jesu begegnet, ist jedoch unschwer einzusehen. Man braucht nur die Bergpredigt zu lesen. Erik Peterson hat gemeint, dieser Missbrauch habe sich damit "erledigt", dass das Konzil von Nicäa zur gleichen Zeit, als Euseb die göttliche Herrschaft und die Konstantins ineinander schob, das trinitarische Gottesverständnis formulierte. Das "Geheimnis der Dreieinigkeit", das "nur in der Gottheit selber, aber nicht in der Kreatur ist", könne niemals ein Vorbild politischer Herrschaft sein und den Frieden Christi könne kein Kaiser gewähren.6

"Erledigt" hat sich der Missbrauch des Glaubens an den einen Gott damit allerdings nicht. Er gewinnt dadurch immer wieder verführerische Kraft, dass die christliche Religion wie alle Religionen in der von politischer Macht- und damit auch von Gewaltausübung bestimmten Welt leben. Sie werden in solche Herrschaftsweisen verwickelt, sind zu ihrem Schutz auch auf sie angewiesen und stehen darum jederzeit vor der Aufgabe, ihr Verhältnis zu dieser Macht- und Gewaltausübung zu klären. In der Geschichte des Christentums ist dafür durch die grundsätzliche Unterscheidung von geistlicher und weltlicher Herrschaft, die Augustin geschichtsträchtig vollzogen hat, das Feld bereitet worden. Dabei war immer aufs Neue zu bestimmen, welchen Einfluss die geistliche auf die weltliche und die weltliche auf die geistliche Herrschaft nimmt. Nur zu oft ist das z.B. in der christlichen Missions- aber auch Konfessionsgeschichte (um von den Kreuzzügen zu schweigen) so ausgegangen, dass die weltliche Herrschaft mit ihrem "Schwert" für die geistliche in Anspruch genommen wurde und umgekehrt.

Aber es hat immer wieder Zeiten gegeben - wie z.B. die Reformationszeit oder (mit einem kräftigen Schubs von außen) die Aufklärungszeit -, in denen sich die christliche Kirche von dieser ihrer Verquickung mit staatlich ausgeübter Gewalt und überhaupt mit Gewaltanwendung zugunsten der Ausbreitung des Glaubens an den einen Gott frei gemacht hat. Wir können die lange Geschichte dieses Freimachens, von deren Früchten auch wir heute im Kirche-Staat-Verhältnis zehren, hier unmöglich erzählen. Sie ist auf christlicher Seite deutlich dadurch motiviert, dass es sich mit der Art und Weise, in welcher der eine Gott Glauben weckt, nicht verträgt, mit militärischer oder anderer Gewalt erzwungen zu werden. "Sine vi humana, sed verbo", ohne menschliche Gewalt, allein mit dem Wort kann der Glaube geweckt werden, steht in den Lutherischen Bekenntnisschriften.7

Anders verhält es sich dagegen dort, wo eine Religion ein theokratisches Staatsverständnis entwickelt und wo militärische sowie andere Gewaltanwendung gegen anders Glaubende geradezu als Auftrag des einen Gottes verstanden wird. Das ist z.B. in der Geschichte des Islam bis heute zweifellos der Fall. Die Frage, ob diese Religion "anfällig" ist für Gewalt greift darum irgendwie daneben. Denn in ihrer Glaubensgrundlage, dem Koran, wird die Gewalt gegen anders Glaubende eindeutig gerechtfertigt.8 Zwar steht auch im Koran, dass es in der Religion keinen Zwang geben dürfe (Sure 2, 256). Die innerislamischen Bemühungen gerade heute, die den Islam auf dieser Grundlage als eine Religion des Friedens profilieren wollen, verdienen darum alle Beachtung. Aber ottes zum Dschihad und die daraus folgende Aufteilung der Welt in ein "Islamgebiet" und ein "Kriegsgebiet" bleiben doch in dieser Religion ein starker Faktor von beunruhigender Qualität für die Weltgemeinschaft von heute.

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Anmerkungen

1 Der Begriff begegnet zum ersten Male im 17. Jahrhundert bei dem Cambridger Platonisten H. More (An Explantation of the Grand Mystery of Godlines, London 1660) und wird von D. Hume (Natural History of Religion, London 1755) verwendet. Allgemein gebräuchlich wird er aber offensichtlich erst durch die Art und Weise, in der I. Kant (Kritik der reinen Vernunft, Werke in 10 Bänden, hg. von W. Weischedel, Darmstadt 1983, Bd. 4, 528) von ihm Gebrauch gemacht hat. Er bezeichnet bei Kant das Verfahren, die eine höchste Ursache der Welt durch die spekulative Vernunft zu erschließen. - Zur Geschichte des Begriffs Monotheismus vgl. weiter: R. Hülsewische, Art. "Monotheismus", HWP 6, 1984, 142-146.
2 I. Kant, Reine Vernunft (Anm. 1), 556.
3 E. Peterson, Der Monotheismus als politisches Problem, in: Theologische Traktate, München 1951, 44-105.
4 Zitiert bei E. Peterson, Monotheismus, a.a.O. (Anm. 3), 89.
5 A.a.O. (Anm. 4), 91.
6 A.a.O. (Anm. 4), 105.
7 CA 28, Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, hg. im Gedenkjahr der Augsburgischen Konfession 1930 (Abk.: BSLK), 41959, 124.
8 Vgl. A. Th. Khoury, Artikel "Heiliger Krieg", Lexikon des Islam 2, 349-359, und Artikel "Gewalt" Lexikon des Islam 2, 298-299; außerdem H. W. Gensichen, Weltreligionen und Weltfriede, Göttingen 1985, 83-98.das Gebot G

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