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Materialdienst 4/2005
Psychoszene / Psychotraining

Gesundheit und Glaubenshaltungen

Gesundheitsprodukte und noch mehr -dienstleistungen gehören zu den wenigen Hoffnungsträgern einer erlahmten Konjunktur. Die Verbesserung und der Erhalt der Gesundheit ist ein Wachstumsmarkt, der andere Branchen in sich aufnimmt und neue entstehen lässt. Deshalb betrachten viele die Gesundheit mittlerweile als einen „Megatrend“. Längst geht es nicht mehr nur um Medizin, sondern auch um Schönheitsoperationen, Wellnessprodukte und Lifestyle-Trends. In einem Expertengespräch hat Europas größter Arzneimittelhersteller Fachleute aus Medizin, Wirtschaftswissenschaften, Biotechnologie, Soziologie und Trendforschung kürzlich über die Zukunft der Gesundheit diskutieren lassen. Dabei wurde festgestellt, dass Jugendlichkeit, Schönheit und Wohlbefinden inzwischen als Konsumgüter angepriesen werden. Eine hohe körperliche und geistige Leistungsfähigkeit sei fast schon die Norm. Darüber hinaus werden Leiden, Schmerzen und chronische Einschränkungen häufig nicht mehr akzeptiert. Eine Erwartung gänzlicher Machbarkeit herrsche vor.

Bei der Suche nach der perfekten Gesundheit geht es nicht nur um Medikamente, sondern vermehrt um mentale Einstellungen. Neuere Forschungsergebnisse der Psychoneuroimmunologie weisen auf die Zusammenhänge zwischen der inneren Haltung und dem Gesundheitszustand hin. Hier mehren sich Hinweise darauf, das Glaubenshaltungen einen direkten Einfluss auf genetische An- und Abschaltmechanismen und damit auf die Entstehungen von Krankheiten nehmen. Gesundheit beinhaltet heute weniger die Abwendung von Krankheit als vielmehr das Herausfinden gesundheitsförderlicher Einstellungen und die Suche nach dem persönlichen Lebensglück. Gesundheit wird dementsprechend häufig religiös überhöht und als Synonym für das gute, das ideale Leben gebraucht. Der perfekt gestylte und tadellos funktionierende Körper soll dazu dienen, die Bedürfnisse des Ichs zu stillen. Ein glückliches Leben muss ein gesundes Leben sein, lautet die Maxime.

Schon lange nutzen Esoterik-Anbieter den Gesundheitsboom dazu, ihr besonderes „Wissen“ zu vermarkten. Dies ist auch die neue Strategie der Macher des Magazins „connection“, die ein umfangreiches Relaunch ihrer 20 Jahre alten Zeitschrift durchführen. Ihr Magazin heißt ab diesem Jahr „connection spirit“, um Verwechselungen mit Computermagazinen vorzubeugen und deutlicher zu bezeichnen, um was es Wolf Schneider (früher „Sugata“) geht: „Spirit“ meine „die tiefste Schicht unseres Wesens, dort wo wir miteinander und mit dem Göttlichen verbunden sind“. Mit einer deutlichen Preissenkung, der wiedereingeführten monatlichen Erscheinungsweise und besonders den regelmäßigen 16 Seiten „gesund leben“ soll nun der Absatz weit über die Grenzen der Esoterik-Szene angekurbelt werden. Mutig wurde die Auflage von bisher 20.000 auf jetzt 80.000 Exemplare vervierfacht. Um neue Leser zu gewinnen, dürfen deshalb Beiträge über Yoga als Entspannungsmeditation und „NLP-Werkzeuge gegen Erfolgsblockaden“ nicht fehlen. Daneben wird aber auch der Bericht eines Mediums über Erfahrungen mit dem Engelwesen Kryon abgedruckt. Nahebei wirbt eine ganzseitige Anzeige (Kostenpunkt 3.200 Euro) für „Kryon vom magnetischen Dienst“. Der Fernlehrgang dieser Kryonschule kann für monatlich 110 Euro bestellt werden und verheißt den Absolventen, wie man in 48 Lernschritten zur Erleuchtung gelangt. In der Rubrik „Termine und Produkte“ wird u.a. ausführlich ein Tantra-Jahrestraining, eine bewusstseinsorientierte Körperhaltungsschulung, eine Konferenz mit Trägern des Alternativen Nobelpreises und die Neureligion „Eckankar“ beschrieben.
 
„Geist ist geil“ – diesen Slogan verbreitet „connection spirit“. Es scheint jedoch, dass bei aller Emphase und der verkaufsorientierten Machart die dringend notwendige Unterscheidung der Geister dabei auf der Strecke bleibt.

Michael Utsch

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