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Materialdienst 4/2005
Gesellschaft

Große Veränderungen in der religiösen Landschaft der Schweiz

Ende vergangenen Jahres hat das Schweizer Bundesamt für Statistik (BFS) eine Erhebung über die „Religionslandschaft in der Schweiz“ veröffentlicht (Autor: Claude Bovay in Zusammenarbeit mit Raphaël Broquet, Neuchâtel, Dezember 2004). Die Angaben wurden im Rahmen der Eidgenössischen Volkszählung im Jahre 2000 erhoben und zeugen nicht nur von tief gehenden Veränderungen in der Schweizer Gesellschaft, sondern sie ermöglichen auch einen interessanten Blick auf die Religionskultur unserer Nachbarn.

Es verwundert nicht, dass die jüngste Volkszählung erneut einen Abwärtstrend bei den beiden großen Kirchen feststellt. Innerhalb von dreißig Jahren ist der Anteil der evangelisch-reformierten Kirche an der Gesamtbevölkerung um 13 Prozent gesunken, derjenige der römisch-katholischen Kirche um 7,5 Prozent. (11) Besonders viele Mitglieder verlor die protestantische Kirche in Basel und Genf. Im Jahre 2000 bezeichneten sich nur noch 25 Prozent der Bevölkerung in Basel als reformiert, in Genf lediglich 16 Prozent. Damit haben die Reformierten in den letzten dreißig Jahren in zwei wichtigen Schweizer Städten mehr als 50 Prozent (Genf 56 Prozent) ihrer Mitglieder verloren. (17) Aber auch kleinere Gemeinschaften wie die Methodistische Kirche, die Jüdischen Gemeinden und die Neuapostolische Kirche verzeichnen einen Bedeutungsrückgang, andere Gemeinschaften wie die Zeugen Jehovas oder die Orthodoxen Kirchen konnten ihren Anteil ausbauen. Das „spektakulärste Wachstum“ beobachteten die Statistiker jedoch bei den islamischen Gemeinschaften, deren Anteil sich im Jahre 2000 auf 4,26 Prozent belief – nachdem er noch 1970 bei lediglich 0,26 Prozent lag. Dieses Wachstum resultiert natürlich aus den Migrationsbewegungen der letzten Jahrzehnte und ist entsprechend in den größeren Städten besonders stark. In Basel bekennen sich bereits 7,4 Prozent der Einwohner zum Islam, in Lausanne immerhin 6 Prozent. Wie zu erwarten, ist der Anteil von Ausländern unter den Muslimen besonders hoch: 88,3 Prozent sind im Ausland geboren. (32) Übrigens gilt – wenn auch auf anderem Niveau – Vergleichbares auch für die Zeugen Jehovas: Hier sind 42,4 Prozent der „Verkündiger“ aus katholisch geprägten Ländern Südeuropas zugezogen. (31)

Nicht ganz so rasant hat sich der Anteil derjenigen erhöht, die sich keiner Kirche oder Religionsgemeinschaft (mehr) zugehörig fühlen: Er liegt bei 11,11 Prozent und hat sich damit in den letzten dreißig Jahren nahezu verzehnfacht (1970: 1,14 Prozent) Damit ist der Anteil der sog. „Konfessionslosen“ an der Gesamtbevölkerung in der Schweiz zwar immer noch geringer als in anderen westlichen Ländern, es zeigt jedoch „ein[en] tief greifende[n] Wandel“ an. (53) Das gilt besonders für die Westschweiz, wo 14,5 Prozent der Befragten sich keiner Kirche bzw. Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen. Spitzenwerte erreichen dabei die beiden großen Städte Basel, mit 31,4 Prozent, und Genf, mit 23,2 Prozent. (54) Interessant ist, dass die Untersuchung auch einen Einblick in das soziale Profil der Schweizer Konfessionslosen ermöglicht: Sie haben häufig keine Kinder, ein deutlich höheres Bildungsniveau als der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung, sind sehr oft freiberuflich tätig und auffällig oft in akademischen Berufen oder in Leitungspositionen tätig. (56) Überproportional schnell gestiegen ist der Anteil der Konfessionslosen unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen (10- bis 29-Jährigen). Noch genauer: Unter den in den 1960er Jahren Geborenen hat der Anteil der Konfessionslosen „besonders markant zugenommen“ – von 2,2 auf 14,0 Prozent. (56)

Auf den ersten Blick erstaunt, dass das Schweizer Bundesamt für Statistik auch Kinder in der Kategorie der 0 bis 9-Jährigen nach ihrer Religionszugehörigkeit gefragt hat. Es liegt nahe, dass die Antwort kaum Ausdruck eines persönlichen Entschlusses sein kann. Folglich interpretieren die Autoren der vorliegenden Studie diese Angaben in Hinblick auf die Haltung der Eltern, nämlich, ob diese „ihren Kindern eine religiöse Zugehörigkeit weitervermitteln oder nicht“. (57) Die Zunahme der Selbstaussage „keine Zugehörigkeit zu einer Kirche/Religionsgemeinschaft“ ist in dieser frühen Altersgruppe beachtlich: immerhin wählten 11,2 Prozent der Kinder im Jahre 2000 diese Kategorie, 1970 waren es lediglich 0,9 Prozent. (57) „Diese Entwicklung“, so schreiben die Autoren, „widerspiegelt zweifellos eine Haltungsänderung der Eltern, die häufiger der Ansicht sind, dass der Entscheid für den Beitritt zu einer Glaubensgemeinschaft nicht von ihnen, sondern von den Kindern selbst getroffen werden soll.“ (57) Besorgnis sollte bei den beiden großen Kirchen auch hervorrufen, dass nahezu die Hälfte ihrer eingetragenen Mitglieder sich nicht als Glieder einer Kirche bzw. Pfarrei fühlen. Von den befragten Katholiken gaben 54,1 Prozent an, dass sie Mitglied dieser Kirche sind, „weil sie so erzogen wurden“, bei den Protestanten waren dies 45,5 Prozent.

Erstaunliches bringt die Volkszählung auch mit Blick auf das Familienleben zutage: hinduistische Frauen haben mit Abstand die meisten Kinder (2,79 je Frau), gefolgt von muslimischen (2,44), jüdischen (2,06) und protestantischen (2,04). Ungewöhnlich wenige Kinder werden in Familien geboren, die sich keiner Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen, aber auch in christ-katholischen Familien und bei den Zeugen Jehovas. (43) Bei letzteren dürfte deren Endzeiterwartung dabei eine Rolle spielen, denn die Kinderlosigkeit der Zeugen Jehovas widerspricht der Tatsache, dass in ihren Reihen der Anteil der Ledigen unterproportional gering ist und nur sehr wenige Zeugen unverheiratet zusammen leben (0,4 Prozent verglichen mit 5,3 Prozent der Gesamtbevölkerung). Auffällig ist bei den Zeugen Jehovas auch der geringe Anteil von Mitgliedern mit höherer Bildung. (47) Ein vergleichsweise geringes Bildungsniveau wurde auch bei den islamischen Gemeinschaften festgestellt. Das höchste Bildungsniveau weist die jüdische Gemeinschaft auf. Dafür sind die islamischen Gemeinschaften im Schnitt die jüngste religiöse Gruppierung: 39,2 Prozent ihrer Mitglieder sind jünger als 20 Jahre. Auch das Familienleben ist in dieser Religionsgemeinschaft überproportional stabil: Es finden sich wenig Geschiedene, nur wenige Paare leben unverheiratet zusammen und die Familien sind deutlich größer als im Schweizer Durchschnitt.

Die Studie ist Ende 2004 als Broschüre erschienen, kann aber auch im Internet unter http://www.bfs.admin.ch/ als pdf-Datei heruntergeladen werden.

Andreas Fincke

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