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Materialdienst 4/2005
Gesellschaft

"White Noise - Schreie aus dem Jenseits"

Seit Ende Februar 2005 läuft ein neuer Grusel-Thriller in den Kinos, der mit dem Übersinnlichen spielt. Zum ersten Mal steht in einem Spielfilm das Thema „Electronic Voice Phenomenon“ (EVP) im Mittelpunkt. Mit EVP sind geheimnisvolle Geräusche gemeint, mit denen sich Verstorbene über technische Medien wie Radio oder Handy aus dem Jenseits melden. Der Film, der im letzten Jahr in den USA immerhin einen Achtungserfolg erzielen konnte, wird in deutschen Zeitungen eher mit Zurückhaltung beworben.

Zum Inhalt: Der angesehene Architekt Jonathan Rivers (Michael Keaton) trauert um seine Frau Anna, die bei einem mysteriösen Unfall ums Leben gekommen ist. Eines Tages erhält er rätselhafte Anrufe von Annas Handy. Dann bekommt er Besuch von Raymond (Ian McNeice), der ihm mitteilt, er hätte eine Nachricht von Anna für ihn. Jonathan hat sein Haus inzwischen in eine Aufnahmestation für die Botschaften Verstorbener umfunktioniert: Er „wird mehr und mehr besessen davon, Botschaften aus dem Jenseits von seiner verstorbenen Frau zu erhalten – zumal als er entdeckt, dass er von ihr auch Informationen über noch lebende Menschen erhält, die bald sterben werden, und denen er vielleicht noch helfen kann... Doch Jonathan rechnet nicht mit den bösen Mächten, die ebenfalls aus dem Jenseits Kontakt aufnehmen.“ (Pressetext zum Film)

Der Thriller baut in bewährter Weise bewusst auf das Übersinnliche und Unheimliche, indem er nicht nur archaische Ängste – wie die Angst vor den wiederkehrenden Toten („Wiedergänger“) – beschwört, sondern gleichzeitig die urmenschliche Hoffnung auf das persönliche Weiterleben im Jenseits anspricht. Mit Hilfe fragwürdiger, ja geradezu beängstigender Mittel werden Mystery und moderne wissenschaftliche Rationalität verwoben, um den Betrachter in einen emotionalen Schwebezustand zu versetzen, der den entsprechenden Gruseleffekt garantiert.

Im deutschsprachigen Raum ist das EVP-Phänomen unter der Bezeichnung „Tonbandstimmenforschung“ bzw. „Transkommunikation“ schon seit den 1960er Jahren bekannt. Herkömmlich wird die Methode dieses „Jenseitskontakts“ auf den schwedischen Opernsänger und Maler Friedrich Jürgenson (1903-1987) zurückgeführt, der 1959 bei Tonbandaufnahmen von Vogelstimmen plötzlich Stimmen „entdeckte“, die er Verstorbenen zuschrieb (vgl. sein Buch „Sprechfunk mit Verstorbenen“). Ende der 1980er Jahre erlebte das Thema im Rahmen der Okkultwelle und in der Blütezeit von New Age durch die RTL-Sendung „Unglaubliche Geschichten“ mit Rainer Holbe eine neue Konjunktur. Der Moderator veröffentlichte damals auch das Buch „Bilder aus dem Reich der Toten. Die paranormalen Experimente des Klaus Schreiber“ (München 1987), wo es heißt, Schreiber sei es gelungen, „Tote auch auf dem Bildschirm sichtbar zu machen“.

Obwohl der Spiritismus sich schon immer als modernitätskritische Bewegung verstand, zeigte er keinerlei Berührungsängste gegenüber den neuesten technischen Errungenschaften der jeweiligen Zeit, diese wurden vielmehr als Medien für den vermeintlichen Jenseitskontakt intensiv genutzt: Waren es 1848 noch Klopfalphabet und später die sog. klopfenden Tische, so kamen rund einhundert Jahre später das Radiogerät, das Tonband, das Fernsehen, der Videorekorder und neuerdings auch der Computer und das Handy hinzu.

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Matthias Pöhlmann

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