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Materialdienst 4/2005
Martin Eichhorn

Thakar Singh: Eine Gurubewegung im Übergang

Von den bärtigen Meistern der nordindischen Sant Mat Tradition ist Sant Thakar Singh in Deutschland der bekannteste. Anfang der 90er Jahre erregte er Aufsehen als „Guru, der Babys quält“ (Stern). Die Polizei ermittelte damals unter anderem wegen Kindesmisshandlung, nachdem Aussteiger ihren ehemaligen Meister angezeigt hatten. Auf Empfehlung Thakar Singhs mussten Kleinkinder in sog. „Lichtheimen“ mehrere Stunden täglich meditieren, wobei man ihnen die Augen verband und das rechte Ohr mit Silikon verstopfte. Diese spezielle Meditation auf den „inneren Licht- und Tonstrom“ führt seine Organisation in Indien mit Hunderten von Kindern durch, die auch heute noch weitgehend von der Außenwelt abgeschottet leben. In Deutschland ist es um den heute 75-jährigen Guru still geworden. Einige hundert Anhänger firmieren noch unter dem Namen „Holosophische Gesellschaft Deutschland e.V. Verein zur Förderung des ganzheitlich heilen Menschen“. Ihre Beziehung zum Meister in Indien ist lebendig, auch möchte man neue Anhänger gewinnen. Wie gestalten sich derartige Angebote im Kontext einer Großstadt mit ihren vielfältigen religiösen Möglichkeiten?

Der sonnengelbe Flyer in meiner Hand trägt den Titel „Sehnsucht der Seele“ und führt mich an einem Dienstagabend in den Berliner „Gewerbehof Hasenheide Nr. 9“. Hinter einer schweren Stahltür begrüßt mich die Rentnerin Helga N. und bietet mir sogleich das „Du“ an. Sie trägt eine bequeme Wollkombination im alternativen Stil und ist schon seit den frühen 80er Jahren dabei. Mehrmals hat sie Sant Thakar Singh in Indien besucht und Anfang der 90er Jahre die Arbeit in seinen deutschen „Lichtheimen“ begleitet. Er habe sich damals zum Abbruch der Kindermeditation entschlossen, da in Deutschland zuviel „negative Energie“ vorhanden gewesen sei. An diesem Abend sind vier junge Männer um die dreißig gekommen. Einer wird heute durch Helga im Auftrag von Thakar Sing initiiert und sie weist ihn auf des Meisters Wunsch hin: Nur „ernsthafte Kinder“ sollen in Zukunft seinen Weg gehen und mindestens zwei Stunden täglich meditieren, sich streng vegetarisch ernähren (kein Fisch und keine Eier) sowie sich aller Drogen enthalten.
 
Wir gehen nach nebenan in einen großen Meditationsraum und machen es uns auf Bodenpolstern bequem. Helga beginnt mit ihrem Vortrag und spricht von der Seele, welche unter Gemüt und Materie im Schlummer liegt. Der neu zu Initiierende schreibt mit und stellt dauernd Zwischenfragen, die Helga aus ihrem Konzept bringen. Mühsam gelangt sie zur Einheit der Seele mit der Gotteskraft und wirft endlich ein Blatt mit dem Copyright der Holosophischen Gesellschaft („Vollkommenheit, Folie 7“) an die Wand. Man sieht einen ins Wasser fallenden Tropfen nebst einigen Lehrsätzen, die Helga uns erläutert. Oft knüpft sie an Elemente der jüdisch-christlichen Tradition an: Das Reich Gottes liege an einem Punkt in der oberen Stirnhälfte, dem dritten Auge. Das erste Mosebuch habe ursprünglich Vegetarismus und Abstinenz gelehrt, was aber von den Kirchenvätern gestrichen worden sei, die gerne Wein tranken. Ihre Ausführungen zu Reinkarnation und verschiedenen Arten von Karma schließen mit der Feststellung, dass nur ein lebender Guru von karmischen Lasten befreien kann.

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