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Materialdienst 9/2005
Gesellschaft

Wiener Erzbischof greift Evolutionslehre an

(Letzter Bericht 6/2004, 231f) Durch einen kurzen Aufsatz in der „New York Times“ und der „International Harold Tribune“ hat Kardinal Schönborn im Juli erneut den Streit zwischen Darwinisten und Kreationisten entfacht. Zwar gestand er zu, dass die Evolution im Sinn einer gemeinsamen Abstammung aller Lebewesen wahr sein könnte, aber „die Evolution im neodarwinistischen Sinn – ein zielloser, ungeplanter Vorgang zufälliger Variation und natürlicher Auslese – ist es nicht. Jedes Denksystem, das die überwältigenden Beweise für einen Plan (‚design’) in der Biologie leugnet oder wegerklären will, ist Ideologie, nicht Wissenschaft.“

Während der Direktor des Vatikanischen Observatoriums sich von der Position Schönborns distanzierte, gab ihm ein Wiener Philosophieprofessor Rückendeckung, könne doch die naturwissenschaftliche Rationalität weder alleine noch maßgeblich die Wirklichkeit erklären.

Gerade in den USA stehen sich buchstabengläubige Kreationisten – Gott schuf die Welt vor etwa 6000 Jahren in sechs mal 24 Stunden – und radikale Naturalisten gegenüber, die eine naturwissenschaftliche Weltanschauung mit Totalanspruch verkünden. Der Neo-Darwinismus tritt immer unverhohlener in atheistischer Mission auf. Diesem Ziel hat sich etwa die Giordano Bruno Stiftung, eine Vereinigung zur Förderung des evolutionären Humanismus, verschrieben. Absicht der Stiftung ist es, die Grundzüge eines strikt naturalistischen Weltbildes sowie einer säkularen, evolutionär-humanistischen Ethik und Politik zu entwickeln.1 Im Hinblick auf die populäre „Neurotheologie“ polemisiert ihr Geschäftsführer: „Evolutionsbiologisch betrachtet ist Gott ein imaginäres Alphamännchen, eine Primatenhirn-Konstruktion, die einigen Mitgliedern unserer Spezies deutliche Vorteile im Kampf um die Ressourcen verschaffte.“2

Der rasante Weltbildwandel verführt heute zu der Fiktion einer vollkommenen Kontrolle und Steuerung der Natur. Der Menschheitstraum einer Entschlüsselung des Lebensprinzips scheint durch die Entdeckung und Weiterentwicklung der Evolutionstheorie in greifbare Nähe gerückt zu sein. Wenn im Mittelalter alle Wissenschaften in der Theologie mündeten, wird heute der Versuch unternommen, alle Facetten der menschlichen Erscheinungswelt auf die Evolution zurückzuführen. Manche modernen Naturwissenschaftler sind der festen Überzeugung, dass das Menschenbild der Zukunft Religion überflüssig machen werde.3 Dieser rationalistische Fortschrittsglaube wird längst nicht von allen Naturwissenschaftlern geteilt. So gibt etwa der Biochemiker Alfred Gierer zu bedenken: „Wissenschaftliches Denken kann die Rätselhaftigkeit und Mehrdeutigkeit der Welt auf keine Weise überwinden; es bleibt offen für sehr unterschiedliche – wenn auch natürlich nicht alle – kulturelle, philosophische und religiöse Interpretationen.“4

Mit seinen unklaren Formulierungen ist Kardinal Schönborn in dieselbe Falle getappt wie die Ultradarwinisten: Weder lässt sich Gott als intelligenter Designer nachweisen noch als überflüssige Wunschvorstellung entlarven. Die in den USA aktiven Verfechter einer „Intelligent Design“-Theorie wurden kürzlich von Präsident Bush unterstützt, der immerhin befürwortete, dass dieses Modell gleichberechtigt neben der Evolutionstheorie im Biologieunterricht gelehrt werden solle. Allerdings stehen sich bei der Debatte um Evolution und Schöpfung zwei Positionen gegenüber, die nicht miteinander verglichen werden können. Mit Recht hat man die ID-Theorie als „die kümmerliche Light-Version eines Gottesbeweises“ beschrieben.5 Wissenschaftliches und gläubiges Denken schließen einander nicht aus, sondern sind unterschiedliche Zugangswege zur menschlichen Wirklichkeit, die sich sinnvoll ergänzen können. Die evolutionäre Entwicklung des Menschen ist eine durch unzählige Fakten belegte wissenschaftliche Tatsache.6 Dieses Modell (!) stellt jedoch das gläubige Vertrauen auf einen Schöpfergott nicht in Frage – sie kann sogar zu einem fruchtbaren interdisziplinären Dialog führen.7 Denn die Evolutionstheorie kann bis heute das Entwicklungsprinzip und -ziel nur sehr unzureichend beschreiben, was die Vermutung eines „intelligenten Inputs“ nahe legt.8 Die Entwicklung des Menschengeschlechts hat sich im Einklang mit den Naturgesetzen vollzogen. Das sagt jedoch nichts über die Herkunft dieser Gesetze aus.

Ohne Zweifel ist der omnipotente Anspruch vieler neodarwinistischer Naturwissenschaftler vermessen. Weiter führen Ansätze einer „theistischen“ Evolution, die von einer bedingt planvollen und zielgerichteten Entwicklungsgeschichte ausgehen.9 Ohne intellektuelle Verrenkungen können Verbindungen zwischen der Evolutionsbiologie und der Gottesebenbildlichkeit des Menschen hergestellt werden.10 In Anknüpfung an Überlegungen Teilhard de Chardins kann die Evolution aus theologischer Sicht als schöpferische Selbstorganisation verstanden werden.11

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Anmerkungen

1 Vgl. A. Fincke, „Glaubst du noch oder denkst du schon?“, Materialdienst der EZW 6/2005, 226ff.
2 Bild der Wissenschaft 7/2005, 38.
3 Zum Verhältnis zwischen Naturwissenschaften, Gottes- und Menschenbild sind in letzter Zeit einige spannende Aufsatzbände erschienen: U. Baumann (Hg.), Gott im Haus der Wissenschaften, Frankfurt a.M. 2004; N. Bolz, A. Münkel (Hg.), Was ist der Mensch? Paderborn 2003; J. Brockman (Hg.), Wissenschaftler, die unser Weltbild verändern, Berlin 2004; W. Frühwald (Hg.), Das Design des Menschen. Vom Wandel des Menschenbildes unter dem Einfluss der modernen Naturwissenschaft, Köln 2004; A. Gierer, Im Spiegel der Natur erkennen wir uns selbst. Wissenschaft und Menschenbild, München 1998.
4 A. Gierer, Die gedachte Natur, München 1998, 46f.
5 P. Illinger, „Intelligent Design“ ist weder Wissenschaft noch Religion, Süddeutsche Zeitung vom 8.7.2005 (
http://www.sueddeutsche.de/,trt1m1/wissen/artikel/359/56303/
).
6 W. Mayr, Das ist Evolution, München 2003; F. M. Wuketits, Evolution, München 2005.
7 Ein gelungenes und anregendes Beispiel: U. Lüke, J. Schnakenberg, G. Souvignier (Hg.), Darwin und Gott. Das Verhältnis von Evolution und Religion, Darmstadt 2004.
8 J. Lennox, Grundfragen des öffentlichen Verständnisses von Evolution und Schöpfung, abzurufen unter
www.iguw.de
.
9 U. Kutschera, Streitpunkt Evolution, Münster 2004. Das Buch informiert über den Streit zwischen Darwinismus und „Intelligent Design“.
10 W.-R. Schmidt, Der Schimpanse im Menschen – das gottesebenbildliche Tier, Gütersloh 2002.
11 G. Altner, Charles Darwin – und die Dynamik der Schöpfung, Gütersloh 2003.

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