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Materialdienst 9/2005
Paul M. Zulehner

Globalisierung der Weltanschauungen

„Sehnsucht ist der Anfang von allem“
(Nelly Sachs)

Eine spirituelle Suche mit neuer Qualität geht durch säkulare Kulturen. Insbesondere Menschen in Großstädten sind von ihr erfasst. Spirituelle Elemente finden sich zunehmend auch in Philosophie, Poesie und selbst in der Wirtschaft. Jene, die in der Wissenschaft oder auch im Rahmen ihrer ideologisch gefärbten Weltbilder auf ein Ende der Religion gesetzt haben, sind irritiert. Die Säkularisierungsannahme hat sich nicht bewahrheitet – „Religion kehrt wieder“, so ein empirisch gestützter Befund1. In Fachkreisen ist von einer „Renaissance der Religion“ die Rede. Was dabei allerdings erstaunt ist, dass selbst Theologen (weniger Theologinnen) und Kirchenführer verunsichert erscheinen. Kein Wunder: Denn der neue spirituelle Aufbruch kommt nicht aus dem Inneren der Kirche, sondern aus den Tiefen moderner säkularer Kulturen.

• Worin also besteht diese spirituelle Suche vieler moderner Zeitgenossinnen2 und deutlich weniger Zeitgenossen?
 
• Wie kann sie theologisch redlich und nicht zuletzt auch neidlos bewertet werden?
 
• Und schließlich: Wie können die Kirchen eine der guten Adressen für spirituell Suchende werden? Das sind sie hierzulande offensichtlich auf Grund notorisch spiritueller Schwäche nur ansatzhaft, wobei es noch einmal deutliche konfessionelle Unterschiede bei dieser Beobachtung gibt.

Ich lege zu diesen drei Fragen forscherisch3 gestützte Nachdenklichkeiten vor. Sie sind – was angesichts des riesigen Ausmaßes des zudem hoch differenzierten Phänomens nicht überrascht – erste und nicht letzte Überlegungen. Das verschafft mir auch die Freiheit, etwas gröber zu formulieren. Die Feinarbeit muss anderswo geleistet werden.

GottesSehnsucht

Bei einem jüdischen Theologen fand ich vor geraumer Zeit die Formulierung, dass Gott Sehnsucht nach der Schöpfung und in ihr nach dem Menschen habe. In einer unendlichen Liebesgebärde habe Gott „angefangen“ (ratlos ist unser Reden!), sich und seine Liebe an jemanden zu verströmen, der er selbst nicht ist. Im Sich-Selbst-Mitteilen schuf er die Welt und darin den Menschen: „ex amore“ (aus Liebe) wie Dorothee Sölle formuliert hat. Es ist ein Vorgang, welcher der Bibel nicht fremd ist:

Du liebst alles, was ist,
und verabscheust nichts von allem,
was du gemacht hast;
denn hättest du etwas gehasst,
so hättest du es nicht geschaffen.
Wie könnte etwas ohne deinen Willen Bestand haben,
oder wie könnte etwas erhalten bleiben,
das nicht von dir ins Dasein gerufen wäre?
Du schonst alles, weil es dein Eigentum ist,
Herr, du Freund des Lebens
.
(Weish. 11,24-26)

Solch eine Schöpfungstheologie lässt den Menschen auch christlicher Sicht besser verstehen. Schöpfungstheologie wird zur theologischen Anthropologie. Verdankt der Mensch sich einem Gott, der sich liebend verströmt, dann ist der Mensch einer, der diese sich verströmende Liebe Gottes aufzunehmen in der Lage ist. Der Sehnsucht des maßlosen Gottes nach dem Menschen entspricht somit eine maßlose Sehnsucht des Menschen nach Gott.

Diese Einsicht führt geradlinig zu dem bekannten Satz des Augustinus: „Unruhig ist das Herz des Menschen, bis es ruht in Gott.“ Dieser Satz setzt voraus, dass Gott selbst unruhig ist, bis er ruht am Herzen des Menschen.

Dieses gläubige Wissen um das, was der Mensch ist, findet sich in der Glaubensgeschichte Israels am dichtesten im Raum der Anbetung vor Gott. So heißt es etwa in einem Psalm des König Davids, den dieser in der Wüste (seines Lebens) gedichtet hat:

Gott, du mein Gott, dich suche ich,
meine Seele dürstet nach dir.
Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres,
lechzendes Land ohne Wasser.
Darum halte ich Ausschau nach dir im Heiligtum,
um deine Macht und Herrlichkeit zu sehen.
Denn deine Huld ist besser als das Leben;
darum preisen dich meine Lippen.
Ich will dich rühmen mein Leben lang,
in deinem Namen die Hände erheben.
Wie an Fett und Mark wird satt meine Seele,
mit jubelnden Lippen soll mein Mund dich preisen.
Ich denke an dich auf nächtlichem Lager
und sinne über dich nach, wenn ich wache.
Ja, du wurdest meine Hilfe;
jubeln kann ich im Schatten deiner Flügel.
Meine Seele hängt an dir, deine rechte Hand hält mich fest.
(Psalm 63)

Diese maßlose Sehnsucht des Menschen ist unserer Erfahrung nicht fremd. Vielmehr begründet sie ein Grundleiden menschlicher Existenz. Eine Lesehilfe für sie kann die Erfahrung sein, dass – so der französische Psychotherapeut Jacques Lacan – der Mensch immer zugleich „desír“ (Sehnsucht) und „manque“ (Entbehrung) ist, maßloses Sehnen, das in diesem irdischen Leben nie ganz gestillt werden kann. Karl Rahner4 nannte diese jeder und jedem zugängliche Erfahrung eine „Erfahrung der Gnade“ im „atheistischen Modus“: Die Rechnungen bleiben immer offen. Wir sind stets nach mehr aus als stattfindet. Man kann pointiert sagen, dass dieses Leiden an der immer offenen Sehnsucht „Gottes charmante Art ist, sich bei uns Gottvergessenen in Erinnerung zu halten“.

Individualisierung der Gottsuche

Diese maßlose Sehnsucht des Menschen – gläubig als „GottesSehnsucht“ in des Wortes wechselseitiger Bedeutung gelesen: als Sehnsucht Gottes nach dem Menschen und Sehnsucht des Menschen nach Gott – wird in unterschiedlichen Kulturen anders gelebt und gestaltet. Im „christentümlichen“ Europa war es eine Art soziokultureller Selbstverständlichkeit, dass die Sehnsucht ein christliches Gesicht erhielt, und zwar mehr oder minder unabhängig vom einzelnen suchenden Menschen. Gottsuche war eine Art gemeinsames kulturelles Unterfangen.
 
Als dann nach dem Ende der blutigen Religionsfriedensschlüsse Europa konfessionalisiert wurde, wurde zugleich auch die Suche nach Gott „verkirchlicht“. Die je eigene Kirche (evangelisch, katholisch) war der Ort der Entfaltung der dem Einzelnen innewohnenden Gottessehnsucht.

Als schließlich im Zuge der europäischen Moderne Kirche, Staat und Gesellschaft weithin entflochten wurden, wurde Religion in einem hohen Maße privatisiert bzw. individualisiert. Religion ist nun nicht mehr Schicksal, sondern Wahl (Peter L. Berger5). Religion wird nicht mehr zugewiesen, sondern wird in jeder Lebensgeschichte neu erworben. Sie wird auch nicht mehr gemeinschaftlich vorgefunden, sondern individuell gestaltet, zumindest gestaltbar.

Globaler Religionsmarkt

Der zeitgenössischen individuellen Suche entspricht ein weiter „religiöser Markt“. Es verwundert nicht, dass in Zeiten der Globalisierung auch der religiöse Markt global ist. Das Wissen um die religiösen Weisheiten der ganzen Welt steht lokal Suchenden zur Verfügung. Großer Wertschätzung erfreuen sich in Europa heute asiatische, aber auch indianische Weisheiten, dazu höhere und niedrige Astrologie.

Gemiedene Kirchen

Den alten Weisheiten der christlichen Kirchen werden hingegen von einigen Suchenden Vorbehalte entgegengebracht: Oftmals erscheint diesen das Christentum spirituell vertrocknet, verkopft, ethisiert, „selbstsäkularisiert“ (Wolfgang Huber6) oder „banalisiert“ (Margot Käßmann auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag 2005). Das führt in zugespitzten Einzelfällen zu der paradoxen Lage, dass sich Menschen von den christlichen Kirchen abwenden, gerade weil sie spirituell suchen.

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Anmerkungen

1 Regina Polak (Hg.), Megatrend Religion? Neue Religiositäten in Europa, Ostfildern 2002. – Paul M. Zulehner / Regina Polak / Isa Hager, Kehrt die Religion wieder? Religion im Leben der Menschen 1970-2000, Ostfildern 2002. – Paul M. Zulehner (Hg.), Spiritualität – mehr als ein Megatrend. Gedenkschrift für Kardinal Franz König, Ostfildern 2004.
2 Die neue spirituelle Suche ist mehrheitlich weiblich.
3 Am Institut für Pastoraltheologie laufen Forschungen zum neuen Phänomen spirituellen Suchens seit der Mitte der neunziger Jahre. Es ist jene Zeit, zu der später Matthias Horx seinen Megatrend der Respiritualisierung angesetzt hat. Matthias Horx, Megatrends der späten neunziger Jahre, Düsseldorf 1995.
4 Karl Rahner, Erfahrung des Heiligen Geistes, in: Schriften 13, 1978, 226-251, hier 239-242. – Auch: Paul M. Zulehner, Denn du kommst unserem Tun mit deiner Gnade zuvor. Zur Theologie der Seelsorge heute. Paul M. Zulehner im Gespräch mit Karl Rahner, Ostfildern 22003, 205ff.
5 Peter L. Berger, Der Zwang zur Häresie, Frankfurt a.M. 1980.
6 Wolfgang Huber, Kirche in der Zeitenwende. Gesellschaftlicher Wandel und Erneuerung der Kirche, Gütersloh 1999.

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