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Materialdienst 12/2005
Andreas Fincke

Werk Gottes in der Vollendungszeit?

Die Neuapostolische Kirche heute

Gewidmet meinem verehrten Lehrer Helmut Obst zum 65. Geburtstag


Es war eine kleine Sensation. Am 20. April 2005 gratulierte Richard Fehr, zu dieser Zeit noch Stammapostel der Neuapostolischen Kirche (NAK), dem neu gewählten Papst. Das Schreiben endete mit der Versicherung: „Wir neuapostolische Christen schließen Sie in unsere Gebete ein.“ Papst Benedikt XVI. hat gewiss zahlreiche Schreiben dieser Art bekommen, aber dennoch war dieses etwas Besonderes. Denn hier gratulierte eine Gemeinschaft, die aus Sicht des Vatikans vermutlich als „Sekte“ wahrgenommen wird. Bemerkenswert ist die Tatsache des Schreibens als solche: Früher hätte sich die NAK für eine Papstwahl kaum interessiert, nun aber nimmt man Anteil am Geschehen in der weltweiten Christenheit. So hatte man bereits zum Ableben von Johannes Paul II. kondoliert. Aus Hannover richtete der Bezirksapostel Wilfried Klingler seine Beileidsschreiben an alle katholischen Bischöfe, die in seinem Zuständigkeitsbereich in Mitteldeutschland residieren. Darin würdigte er den Verstorbenen als „großen Mann Gottes“, dessen Pontifikat man „mit Hochachtung und Bewunderung“ verfolgt habe. Solche Töne lassen aufhorchen bei einer Gemeinschaft, die sich als exklusiv versteht und wahre Gotteskindschaft nur in den eigenen Reihen sieht.
 
In Deutschland hat die NAK rund 380.000 Mitglieder, in der Schweiz 35.000 und in Österreich 5.000. Weltweit zählt die NAK derzeit knapp 11 Millionen Glieder. Rasant ist das Wachstum in einigen Ländern Afrikas. Rege Missionsbemühungen sind auch in Osteuropa zu beobachten. Gemessen an dieser Größe, gerät die NAK jedoch nur selten in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses.
 
Die NAK hat eine komplizierte Entstehungsgeschichte. Ihre Gründung geht nicht auf eine charismatische religiöse Führergestalt zurück, sondern ist das Ergebnis unterschiedlicher religiöser Erneuerungsbewegungen: In England und Schottland entstanden im 19. Jahrhundert vor dem Hintergrund sozialer und gesellschaftlicher Umbrüche (Französische Revolution, industrieller Aufschwung) vielerorts Gemeinschaften, in denen auf biblischer Grundlage und im Gebet um einen neuen geistigen Weg gerungen wurde. Ab 1826 trafen sich Vertreter erweckter Kreise in Albury Park, dem Landsitz eines Londoner Bankiers. Zwischen 1832 und 1835 wurden in solchen Versammlungen zwölf Apostel durch prophetisches Wort berufen. Diesen durch göttliche Eingebung ausgezeichneten Männern kam eine entscheidende eschatologische, aber auch ökumenische Bedeutung zu. Man wollte unter ihrer Leitung die wahre Kirche Christi errichten und die Christenheit einer neuen Einheit zuführen. Man erwartete die baldige Wiederkunft Christi und war davon überzeugt, dass die Kirche wieder von Aposteln geleitet werden sollte. 1855 verstarben drei der Apostel, was einen herben Schlag für die Bewegung bedeutete. Man beschloss, keine Nachfolger in das Apostelamt zu berufen – eine in der Sache konsequente und ehrenhafte Entscheidung, die jedoch bald Streit und Widerspruch auslöste. Wie so oft in der Kirchengeschichte wurde die ersehnte Einheit nicht gewonnen – es entstanden vielmehr weitere christliche Splittergruppen. Was folgte, kann hier nicht genauer dargestellt werden. Wichtig ist, dass es 1863 zu einer Abspaltung in Hamburg kam, aus deren Umfeld später die NAK entstanden ist. Als Geburtsstunde der NAK gilt zumeist Pfingsten 1897, als der Apostel Friedrich Krebs zum ersten Stammapostel berufen wurde. Den Begriff „Stammapostel“ gab es bereits, er meinte in ganz unmittelbarem Sinne Apostel für eine bestimmte Region, für ein Gebiet und seine angestammte Bevölkerung. Nun aber wurde daraus „das sichtbare Haupt des Werkes Gottes“.1 Mit dieser Überhöhung endete die Gleichberechtigung unter den Aposteln. Es entstand eine zentralistische Organisation. Krebs gab der Bewegung ein exklusives Glaubens- und Selbstverständnis. All diese Schritte markierten eine entschiedene Abkehr von den eigenen Wurzeln.

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Anmerkung

1 Vgl. z.B. Geschichte der NAK, Überarbeitung der von G. Rockenfelder zusammengest. und von J. G. Bischoff hg. Fassung, Frankfurt a.M. 1987, 92; 95.

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