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Materialdienst 12/2005
Reinhard Hempelmann

Einführung zum "Panorama der neuen Religiosität"

Ende September 2005 ist die zweite vollständig überarbeitete Neuauflage des großen Überblickswerkes der EZW „Panorama der neuen Religiosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ erschienen, an dem neben den Referenten der EZW zahlreiche kooperierende Autoren mitgewirkt haben. Wir nehmen dies zum Anlass, um unseren Lesern anhand der im Folgenden dokumentierten Einführung in das Buch (14-22) einen Eindruck von dem zu verschaffen, was es an inhaltlicher Vielfalt und Information bereit hält.


Im „Panorama der neuen Religiosität“ wird der Blick in die Weite heutiger Religionskultur gerichtet und die Vielgestaltigkeit religiöser Erscheinungen in säkularisierten westeuropäischen Gesellschaften in Blick genommen. Das Buch befasst sich u. a. mit religiösen Themen in Werbung, Sport, Kino, Kunst etc., mit weltanschaulichen Strömungen wie Anthroposophie und Astrologie, mit säkular-religiösen Mischformen, die im Umfeld der Gebrauchsesoterik und der Psychoszene vorkommen, mit biblizistisch und pfingstlich-charismatisch ausgerichteten christlichen Bewegungen und mit Religionsgemeinschaften (Jehovas Zeugen, Mormonen etc.), die sich selbst im dezidierten Gegenüber zu den historischen Kirchen verstehen.

Zielsetzung des „Panoramas“ ist es,

• einen repräsentativen Überblick über religiös-weltanschauliche Strömungen, Szenen und Gruppen zu geben;

• Wandlungsprozesse der religiösen Landschaft wahrzunehmen und das Augenmerk auf diejenigen Phänomene zu richten, die gegenwärtig besondere Anziehungskraft und Resonanz erlangen;

• religiöse Themen und Sehnsüchte aufzuspüren, die das Leben der Menschen in einem säkular geprägten Umfeld bestimmen;

• nach Ausdrucksformen und Entstehungsbedingungen des neu erwachten religiösen und spirituellen Interesses zu fragen;

• Unterscheidungs- und Beurteilungskriterien ins Spiel zu bringen, die zum Umgang mit religiöser und kultureller Vielfalt befähigen.

Beobachten, beschreiben, verstehen, deuten und aus der Perspektive eines christlichen Wirklichkeitsverständnisses Stellung beziehen: Dies sind grundlegende Schritte, die in den Darlegungen zum Panorama der neuen Religiosität zum Tragen kommen. Vorausgesetzt wird dabei, dass auch das Beobachten und Beschreiben unvermeidlich perspektivisch bestimmt und bezogen ist auf die unentrinnbare Sprachlichkeit und Geschichtlichkeit des Denkens und die sozialen, kulturellen und religiösen Kontexte, in denen es sich ereignet. Das Buch möchte zu einer sachgemäßen Beschreibung und Auseinandersetzung mit neuer Religiosität und zur christlichen Orientierung im religiösen Pluralismus beitragen. Die Deutung von Einzelphänomenen und Einzelgruppen empfängt dabei wichtige Impulse durch die Wahrnehmung der die Gesamtsituation bestimmenden religiös-weltanschaulichen Strömungen und umgekehrt.

Ausprägungen neuer Religiosität

Religiosität gehört zur Natur des Menschen. Religion gibt es konkret nur in den Religionen. In der Religion wird Religiosität in Anspruch genommen und in intersubjektiven Lebensvollzügen geschichtlich-kulturell gestaltet.1 Beides ist insofern zu unterscheiden und nicht gleichzusetzen. Religiosität besteht „im Zusammenspiel von radikaler Negativitätserfahrung und Transzendenzverwiesenheit“.2 Religionen „gehen zurück auf Epiphanien eines Gottes oder einer göttlichen Macht“.3 Hinter der Chiffre „neue Religiosität“ verbirgt sich hier allerdings nicht eine abstrahierende Reflexion auf anthropologische Grundgegebenheiten. Vielmehr geht es um ein konkretes Phänomen unserer religiösen und kulturellen Situation, das – reichlich unbestimmt – als „Wiederkehr der Religion“, „Respiritualisierung“ oder als „religionsproduktive Tendenz“ der so genannten zweiten Moderne bzw. der Postmoderne bezeichnet wird. Säkularisierungstheoretiker gingen davon aus, dass Religion unausweichlich im Absterben begriffen sei und wir einem religionslosen Zeitalter entgegengingen. Sie meinten, Säkularisierung bedeute Entkirchlichung und Entchristlichung. Dass diese Gleichung so nicht zutrifft und zumindest ergänzungsbedürftig ist, kann heute vielfältig beobachtet werden, auch im kontinentalen Europa. Seit den 70er-Jahren spricht man vom Aufkommen neuer religiöser Bewegungen oder der Suche nach einer „neuen Religiosität“. Säkularisierung ist offensichtlich nicht unausweichliche Folge von Modernisierung, wohl aber führen beschleunigte Modernisierungsprozesse zur Aufhebung religiöser Monopole und forcieren religiöse Pluralisierungsprozesse. Das neue Interesse an Religion4 richtet sich gleichermaßen auf traditionelle Religionen wie auf neue Ausdrucksgestalten von Religiosität. Auch die klassischen Sondergemeinschaften und esoterischen Systeme profitieren davon. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist unsere Situation durch fortschreitende Säkularisierung bei gleichzeitiger Revitalisierung von Religiosität und Religion geprägt.5 Nicht Säkularisierung allein, sondern die Entwicklung in Richtung eines religiösen Pluralismus ist der charakteristische Vorgang. Neue Religiosität ist Teil des heutigen religiösen Pluralismus. Sie wird nachfolgend beschrieben:

• in Tendenzen der Sakralisierung des Profanen (vgl. I.),

• in den Versprechen der Psychoszene (vgl. II.),

• in der postmodernen Bastelreligiosität esoterischer Strömungen (vgl. III.),

• in der Ausbreitung ostasiatischer Spiritualität im Westen (vgl. IV.),

• in biblizistischen und enthusiastischen Ausdrucksformen christlicher Frömmigkeit (vgl. V.),

• in christlichen Sondergemeinschaften und Neuoffenbarungsgruppen (vgl. VI.).

Die Begrifflichkeit „neu“, die ein „Schlüsselwort der kulturellen Selbstdeutungen der Gegenwart“6 ist, deutet auf modernitätskonforme Ansprüche, die auch dann vorliegen können, wenn die zentrale Botschaft einer religiösen Bewegung rückwärts gewandt die Wiederherstellung einer wahren Gemeinschaft und Aufrichtung einer vergessenen, ursprünglichen Wahrheit im Blick hat. Zugleich gehört zum Bedeutungsgehalt des „Neuen“ der Protest gegen das „Alte“. In den vielfältigen Ausdrucksgestalten neuer Religiosität liegt eine explizite oder implizite Abwehr und Kritik gegenüber institutionalisierten und etablierten religiösen Traditionen. Die auf Dogmen aufgebaute Religion, repräsentiert durch Kirchen und Konfessionen, gilt als überholt. Sie soll durch eine neue Spiritualität ersetzt werden, die ihre Grundlagen aus mystischem Erfahrungswissen, fernöstlicher Religiosität, neuen Offenbarungen und besonderen Geisterfahrungen bezieht.

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Anmerkungen

1 Vgl. dazu: Religionen, Religiosität und christlicher Glaube. Eine Studie, hrsg. im Auftrag der VELKD und der Arnoldshainer Konferenz, Gütersloh 1991, S. 17f.
2 Ebd., S. 18.
3 Ebd., S. 15.
4 Regina Polak (Hg.), Megatrend Religion? Neue Religiositäten in Europa, Ostfildern 2002.
5 Vgl. dazu auch Christoph Schwöbel, Interreligiöse Begegnung und fragmentarische Gotteserfahrung, in: Concilium 37, 2001, S. 92-104.
6 Michael N. Ebertz, Neu!, in: Klaus Hofmeister/Lothar Bauerochse (Hg.), Machtworte des Zeitgeistes, Würzburg 2001, S. 100.

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