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Materialdienst 12/2005
Harald Lamprecht

Die Geister, die ich rief ...

Spiritistische Experimente im Unterricht?

Spiritistische Praktiken, vor allem Pendeln und Gläserrücken, sind bei Jugendlichen weit verbreitet. Statistische Untersuchungen besagen, dass ca. ein Viertel bis ein Drittel der Jugendlichen eigene Erfahrungen mit solchen Techniken gemacht haben1, viele andere haben durch Erzählungen davon gehört. Einschlägige Seancen finden bevorzugt bei außerunterrichtlichem Zusammensein statt, z.B. bei Klassenfahrten. Das Ergebnis solcher Experimente ist oft  eine Mischung aus Faszination und Erschrecken über die mit der Geisterhypothese erklärten Wirkungen.
 
Die religionspädagogische Praxis sieht sich im Umgang mit diesen Phänomenen im Unterricht immer wieder vor Probleme gestellt. Zwar ist das Interesse der Jugendlichen an diesem Bereich ungewöhnlich hoch. Aber es zeigt sich oft, dass aus diesem Grund ein allein theoretisch-aufklärender Ansatz nicht in der Lage ist, die mitgebrachten und z.T. eingeübten spiritistischen Denkschemata zu überwinden. Eigene Experimente wären nötig, um der okkulten Erfahrung andere Erfahrungen entgegen zu setzen. Aber werden dadurch die Jugendlichen nicht erst an solche Praktiken herangeführt? Darf man spiritistische Experimente im Unterricht durchführen? Was ist dabei zu bedenken? Worauf sollte man achten? 

1. Kräfte und Bewegungen (physikalische Prinzipien)

Grundlegend für spiritistische Experimente von Jugendlichen ist häufig eine mehr oder weniger deutlich ausgebildete Geisterhypothese: Durch das Ritual angelockt, erscheinen Geister, die die Bewegungen von Pendel oder Glas veranlassen und auf diese Weise Auskünfte aus jenseitigen Welten geben. Dabei wird oft (unreflektiert) vorausgesetzt, dass diese Geister über eine höhere Intelligenz verfügen, so dass sie ohne Weiteres etwa die Zukunft vorhersagen können.
 
Die Annahme von Geistwirkungen resultiert wesentlich aus der Unkenntnis der physikalischen Prinzipien, die diesen Phänomenen zugrunde liegen. Aber es sind nicht in erster Linie die fehlenden physikalischen Erklärungen, die zur Annahme von Geistwirkungen führen. Vielmehr wird an Geistwirkungen geglaubt, weil man an sie glauben will, und die fraglichen Phänomene werden nur erzeugt, um eine von vornherein angenommene Existenz von Geistern zu beweisen. Wenn das Pendel schwingt bzw. das Glas zuckt, dann ist dieser Beweis erbracht: Jetzt sind Geister anwesend.
 
Eine solche Logik braucht keine alternativen Erklärungen und sucht sie folglich auch nicht. Das wäre aber überaus lohnend, denn mit Physik und Psychologie lassen sich zwar nicht alle, aber doch die häufigsten Phänomene durchaus befriedigend erklären.

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Anmerkung

1 Zur Unsicherheit der Zahlen und der Bandbreite der Studienergebnisse vgl. Heinz Streib, Jugendokkultismus. Überblick über die empirische Forschung, in: Werner H. Ritter, Heinz Streib, Okkulte Faszination. Symbole des Bösen und Perspektiven der Entzauberung, Neukirchen-Vluyn 1997, 15-24.

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