Facebook will enger mit Freikirchen wie Hillsong zusammenarbeiten

Immer mehr religiöse Veranstaltungen werden aufgrund der Pandemie in den sozialen Medien digital übertragen. Michael Utsch greift Gedanken eines Zeitungsartikels der New York Times auf, in dem vermutet wird, dass die Digitalisierung die religiöse Erfahrung nachhaltig verändern werde.

Michael Utsch
Auf einem Smartphone wird die Startseite von Facebook angezeigt.

Sogenannte Lifestyle-Gemeinden zeichnen sich durch eine professionelle und jugendgemäße Inszenierung ihrer Veranstaltungen aus. In den drei deutschsprachigen Ländern ist neben dem 28 Gemeinden umfassenden ICF-Netzwerk („International Christian Fellowship“) die „Hillsong Church“ bekannt, zu deren Netzwerk hier sieben Gemeinden zählen (München, Köln, Konstanz, Düsseldorf, Berlin, Zürich, Wien). Die unabhängige neocharismatische Freikirche wurde 1983 in Sydney (Australien) gegründet. Sie hat nach eigenen Angaben mittlerweile rund ein Dutzend Standorte in US-amerikanischen Großstädten und ist in weiteren 28 Ländern vertreten. Ihre durch zwei professionelle Musikgruppen produzierte Lobpreis-Musik ist so erfolgreich, dass die Band „Hillsong United“ im Jahr 2018 sogar bei den American Music Awards ausgezeichnet wurde. Die weltweite Popularität dieser Musikrichtung wird durch den erstaunlichen Befund unterstrichen, dass es bei dem Streaming-Dienst „Spotify“ mittlerweile eine eigene „Hillsong“-Playlist gibt.

Das vergangene Jahr war für die Freikirche schwierig – nicht nur wegen der Pandemie. Der Pastor der Hillsong-Gemeinde in New York City wurde wegen moralischen Fehlverhaltens entlassen, mehrere Leitungsverantwortliche von Hillsong Dallas traten zurück, der Pastor von Hillsong New Jersey schied wegen anstößiger Instagram-Selfies aus. Wegen dieser Vorfälle hat die Freikirche zugesichert, ihre ethischen Richtlinien zu verschärfen.

Hillsong ist weiterhin eine treibende Kraft der amerikanischen Evangelikalen. Nach einem Bericht der New York Times hat Hillsong in den letzten Monaten Gespräche mit dem Social-Media-Riesen Facebook geführt, um gemeinsam darüber nachzudenken, wie man in Zeiten der pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen erfolgreich eine Gemeinde bauen kann. Monatelang sollen sich Facebook-Entwickler wöchentlich mit Hillsong-Vertretern getroffen haben, um zu beratschlagen, wie die Zusammenarbeit der Freikirche mit Facebook verbessert werden kann. Ganz konkret wurde überlegt, welche Apps sich für Spenden, für besondere Videofunktionen oder für das Livestreaming eignen könnten.

Im Juni eröffnete der Gemeindeverband eine neue Hillsong-Kirche in Atlanta. Während sich die meisten der bestehenden Hillsong-Gemeinden im Westen oder Nordosten der USA befinden, ist die Kirche in Atlanta die erste im Süden. Es ist auch die erste, die nun von einem Afroamerikaner geleitet wird. Anlässlich der feierlichen Eröffnung der Gemeinde teilte die Freikirche in einer Presseerklärung mit, dass sie mit Facebook zusammenarbeiten wolle und ihre Veranstaltungen exklusiv auf dieser Plattform streamen werde: „Gemeinsam entdecken wir auf Facebook, wie die Zukunft der Kirche aussehen könnte.“

Nach dem Bericht der New York Times gibt es bei Facebook eine eigene Abteilung, die unter der Leitung einer Pfarrerin damit beauftragt wurde, die Zusammenarbeit mit Religionsgemeinschaften zu intensivieren. Kürzlich habe diese Abteilung bei einem virtuellen Treffen mit der Facebook-Leitung ihre bisherigen Ergebnisse präsentiert. Der Facebook-Gipfel soll einem Gottesdienst geähnelt haben. Gemeindeleiter hätten berichtet, wie Facebook ihnen während der Pandemie geholfen habe, geistlich zu wachsen. Die Religionsbeauftragte von Facebook argumentierte, dass Religionsgemeinschaften und soziale Medien gut zusammenpassen, weil es bei beiden im Grunde um Verbindung gehe. Sie gab ihrer Hoffnung Ausdruck, dass die Menschen eines Tages auch Gottesdienste in Virtual-Reality-Räumen veranstalten und die computerunterstützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung („augmented reality“) einsetzen werden, um ihren Kindern den Glauben zu vermitteln.

Die „Assemblies of God“, eine Pfingstkirche mit weltweit 69 Millionen Mitgliedern, setzt bereits ein Facebook-Tool ein, das es Nutzern ermöglicht, in einem Livestream anzurufen. Nach dem oben genannten Zeitungsbericht habe die Leitung der „Church of God in Christ“, einer größtenteils afroamerikanischen Pfingstgemeinde mit weltweit rund sechs Millionen Mitgliedern, vor kurzem Angebote zu exklusiven Funktionen von Facebook erhalten und sich entschieden, zwei Facebook-Tools auszuprobieren. Das erste Tool sind Abonnements, bei denen die Benutzerinnen und Benutzer beispielsweise zehn Dollar pro Monat bezahlen und exklusive Inhalte wie Nachrichten von ihrem Bischof erhalten. Ein weiteres Tool ermöglicht es Gläubigen, die online einen Gottesdienst verfolgen, ihre Spende in Echtzeit zu senden. Die Gemeindeleiter entschieden sich aber einstimmig gegen einen dritten Vorschlag: Werbung während des Videostreams.

Auf den ersten Blick widersprechen sich die Ziele der Gewinnmaximierung eines Social-Media-Giganten und die einer Religionsgemeinschaft. Die Coronavirus-Pandemie hat jedoch religiöse Gruppen dazu gebracht, neue Arbeitsformen einzusetzen und insbesondere digitale Angebote zu professionalisieren. Offensichtlich sieht Facebook hier Chancen, hoch engagierte Nutzerinnen und Nutzer auf seine Plattform zu locken. Das Unternehmen möchte das virtuelle Zuhause möglichst vieler religiöser Gemeinschaften werden. Es scheint lukrativ zu sein, Kirchen, Moscheen, Synagogen und andere religiöse Gemeinschaften in eine gemeinsame Plattform einzubetten. Die Autorin des genannten Zeitungsberichts sieht die Gefahr, dass Facebook Einfluss auf die Zukunft der religiösen Erfahrung nimmt, wenn diese nur noch in einem virtuellen Raum stattfindet.  
Der Vorstoß von Facebook würde in Deutschland vermutlich schon allein aus Datenschutzgründen größte Bedenken hervorrufen. Allerdings ist es wohl unvermeidlich, dass digitale Angebote die kirchlichen Aktivitäten in ungeahnter Weise verändern werden. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass sich das spirituelle Leben von Kontakten, die digital vermittelt und gepflegt werden, unterscheidet. Intensive Begegnungen erfordern physische Präsenz, ohne die man die Musik, das gemeinsame Singen, das Abendmahl, den Friedensgruß oder das Handauflegen beim Segen nicht spüren kann.
 
Michael Utsch
 
Zeitungsbericht über Freikirchen und Social Media
https://www.nytimes.com/2021/07/25/us/facebook-church.html

Ansprechpartner

Foto Dr. Michael UtschProf. Dr. phil. Michael Utsch
Wissenschaftlicher Referent
Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen
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